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"Wir und Corona" Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber: "Von dieser Krise wird langfristig überhaupt niemand profitieren"


Ralf Kleber ist seit fast 21 Jahren Chef von Amazon Deutschland. Im Gespräch mit dem stern verrät er, welche Maßnahmen er in Zeiten des Coronavirus ergriffen hat, was die Menschen von Alexa wissen wollen - und welche Serien die Deutschen abends auf dem Sofa streamen.

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Auch in der Corona-Krise steht Amazon im Zentrum vieler, auch kontroverser Diskussionen. Denn einerseits ist der Online-Gigant für viele Kunden in Zeiten geschlossener Geschäfte der einzige Weg, um Einkäufe zu erledigen. Auch für viele Händler ist Amazon die einzige Plattform, auf der sie Produkte noch anbieten können. In den vergangenen Tagen stiegen Amazons Aktien auf ein Rekordhoch, Anleger rechnen offenbar damit, dass der Konzern Geschäfte macht wie noch nie – im Online-Handel, mit seinem Video-Streamingdienst, aber auch mit seinem Lebensmittelangebot Amazon Fresh.

Gleichzeitig ist der Konzern für viele ein Feindbild. So hat Amazon zuletzt etwa Kritik von Buchverlagen auf sich gezogen, weil der Konzern gedruckte Bücher in der Bedeutung für den Verkauf herabgestuft hat – und sie zum Teil nicht mehr bestellt. In Frankreich gab es Kritik daran, wie Amazon seine Mitarbeiter vor Ansteckung schützt. Nach einem Gerichtsurteil hat der Konzern dort seine Lager geschlossen.

In "Wir und Corona", dem Podcast von stern und RTL, spricht Ralf Kleber, Chef von Amazon-Deutschland, über seine Arbeit im Home Office und über die Entwicklung von Amazon in den vergangenen Wochen. Kleber sieht seine Branche in einer besonderen Verantwortung: "Wir schaffen es insgesamt im Online-Handel tatsächlich, dass die Kunden teilweise zu Hause bleiben können und wir mithelfen können, dass diese Infektionskurve flacher und flacher wird."

Profit aus der Corona-Krise?

Dabei warnt Kleber davor, Amazon einzig als Krisenprofiteur zu sehen. "Auch Amazon musste extrem viele Anpassungen vornehmen", sagt er. "Es stimmt wohl, dass wir online im Moment eine stärkere Nachfrage sehen. Aber ich glaube, wir müssen uns nichts vormachen. Diese Krise ist lange nicht ausgestanden. Und langfristig wird davon überhaupt niemand profitieren. Im Gegenteil, es wird wahrscheinlich sehr lange dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren. Die Krise wird allen zeigen, dass sie größer ist als ein einzelnes Unternehmen." 

In dem Gespräch beschreibt Kleber, wie die Deutschen in der Krise ticken. Auch bei Amazon wurde zunächst Klopapier gehamstert. Die Menschen hören mehr Musik, die künstliche Sprachassistentin Alexa hat ein Corona-Update bekommen. Und der Bedarf an Kinderhörbüchern und Serien ist in die Höhe geschnellt. Kleber erklärt, warum Amazon den "Prime Day", die sommerliche Rabattschlacht, verschoben hat. "Im Moment ist nicht die Zeit, um solche Aktionen zu machen, die unsere Prime-Kunden mit Sicherheit lieben. Wir werden mit Sicherheit darüber nachdenken, was wir machen können. Wir fahren wie alle Unternehmen im Moment auf Sicht."

Kleber beschreibt Amazon-Mitarbeiter als "Helden"

In dem Gespräch beschreibt Kleber auch, welche Schutzmaßnahmen gerade in den Liefer- und Logistikzentren des Konzerns in Deutschland ergriffen worden sind. Es gebe eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden. Mit Schließungen wie in Frankreich rechnet er nicht. "Ich habe keine Bedenken, dass das in Deutschland der Fall sein wird", sagt Kleber.

Amazon bezeichnet seine Mitarbeiter in dieser Situation auch als "Heldinnen und Helden." "Ich will klarstellen, dass das keine Floskel ist", sagt Kleber. "Ich finde auch toll, dass man Kassiererinnen im Supermarkt, dass man Krankenpfleger lobt, dass man spürt, dass diese Gesellschaft von vielen getragen wird, die vielleicht vorher nicht so im Rampenlicht gestanden haben. Ich denke, das ist ein gutes und ein wichtiges Zeichen, dass man sie als Helden bezeichnet und ihnen auch als Helden dankt." Amazon habe den Stundenlohn im Versandbereich als Zeichen der Wertschätzung um zwei Euro erhöht.

Ist das der Untergang der Buchbranche?

Kleber wehrt sich gegen den Vorwurf, die Buchbranche gezielt angegriffen zu haben. Nicht nur Bücher seien in der Priorisierung zugunsten von Produkten des täglichen Bedarfs zurückgestuft worden. "Das ist keine Sache, die das Buch allein betroffen hat", sagt Kleber. "Digitales Leben ist extrem wichtig, aber wir wissen natürlich, dass Lesen von der Vielfalt lebt. Deshalb wünschen wir uns nichts sehnlicher als die Rückkehr zur Normalität. Und die Normalität beinhaltet das Öffnen des Buchladens um die Ecke bis hin zum Versand von Büchern. Insofern kann ich es kaum erwarten, in diese Realität zurückzukehren. Und bis dahin tun wir alles, was wir tun können, um zu unterstützen."

Das vollständige Gespräch mit Ralf Kleber können Sie hier im Podcast hören.


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