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"Wir und Corona": Alkoholsucht in Zeiten der Coronakrise: "Abschalten kann ich nur mit einer Flasche Wein"

Was tun, wenn der Stress oder die Einsamkeit im Homeoffice zu groß wird – und Alkohol als die einzige Lösung erscheint? Nathalie Stüben erzählt, wie sie von ihrer Alkoholsucht losgekommen ist und welche Strategien Betroffenen helfen können.

Hören Sie den Podcast hier oder direkt bei Audio NowSpotify, iTunes, Youtube und weiteren Podcast-Anbietern.

Es läuft eigentlich alles ziemlich gut im Leben von Nathalie Stüben. Sie stammt aus einem guten Elternhaus, auch im Job läuft es, sie bekommt eine super Ausbildung zur Journalistin, arbeitet beim Bayerischen Rundfunk. Nur ein Problem begleitet sie: der Alkohol. Klar, es gibt Tage, da kommt sie ohne aus. Sie funktioniert. Aber es gibt immer mehr Tage, an denen sie abstürzt.

"Diese Abende, an denen es nicht dieses eine gepflegte, kultivierte Glas Wein war, sondern zwei, drei, 'ne Flasche, irgendwann dann vielleicht auch mal zwei Flaschen – wir reden jetzt über eine Entwicklung von eineinhalb Jahrzehnten – die wurden mehr. Nach und nach", erzählt Stüben in der aktuellen Folge von "Wir und Corona", dem Podcast von stern und RTL.

"Es gab zwischendurch immer auch Abende, an denen ich durchaus nach einem Glas Wein nach Hause gehen konnte. Aber diese Abende, an denen ich die Kontrolle verloren habe, an denen ich nicht aufhören konnte zu trinken – die haben sich mit den Jahren gehäuft. Und irgendwann war das dann die Regel."

Wendepunkt: "Das war's. Ich hör jetzt auf zu trinken"

Stüben war nicht physisch süchtig vom Alkohol, sie bezeichnet sich heute selbst als "psychisch abhängig". Den Tag, an dem sie einen Wendepunkt erreichte, kann sie ziemlich genau benennen: Es war der 18. Juli 2016. "An dem Tag bin ich morgens aufgewacht. Ich habe nach rechts geguckt. Da lag wieder so ein nackter Typ. Ich wusste nicht, wer das ist. Ich wusste nicht, wie der heißt. Das war der vertraute Horror, der mir da morgens begegnete. Ich habe auf den Boden geguckt und mein zerfetztes Sommerkleid gesehen. Und dann habe ich diesen Schmerz im Bauch wahrgenommen, der mich eigentlich schon jahrelang begleitet hatte, immer so dieses Ziehen im Magen. Ich hatte mich da mittlerweile schon so sehr dran gewöhnt. Aber in dem Moment dachte ich mir: Woah, krass. Es ist wirklich, als würde mir jemand ein Messer reinrammen. Und ich dachte: Das war's. Ich hör' jetzt auf zu trinken."

Stüben begann, amerikanische Podcasts zu hören, viel über Alkoholabhängigkeit zu lesen – und tatsächlich gelang es ihr, mit dem Trinken aufzuhören, mit den Gewohnheiten des Lebens mit dem Alkohol zu brechen – und anderen zu helfen.

"Ohne Alkohol mit Nathalie" – Tipps gegen die Sucht

Im vergangenen Oktober startete Stüben ihren Podcast "Ohne Alkohol mit Nathalie". Zusätzlich bietet sie konkrete Hilfestellung, wie man die ersten 30 Tage ohne Alkohol übersteht, aber auch, wie man stabil abstinent bleiben kann. Woran man merkt, dass man möglicherweise ein Alkoholproblem hat? Dafür hat Stüben eine Faustregel entwickelt: "Ich frage: Würde es dir ohne Alkohol besser gehen? Wenn da die Antwort Ja ist, dann hör' auf zu trinken", sagt Stüben in dem Gespräch.

Mit Teilnehmern ihrer Programme bleibt Stüben auch über eine Facebook-Gruppe in Kontakt. Daher kann sie auch aus erster Hand berichten, wie die Coronakrise auf jene wirkt, die ein Problem mit Alkohol haben. "Es gibt Teilnehmer, die schreiben mir: Corona ist ein Segen für mich, weil ich jetzt nicht auf tausend Grillfesten eingeladen bin und nicht zum Starkbierfest muss und nicht zur Kirmes. Alle Situationen, in denen der Alkohol mir wirklich gefährlich wird, die fallen jetzt weg. Und es gibt Leute, die schreiben: Ich weiß gar nicht, wie ich das alles stemmen soll. Ich habe drei kleine Kinder. Ich bin im Homeoffice. Und ich habe den Eindruck, abends kann ich nicht anders abschalten als mit einer Flasche Wein. Es gibt diese beiden Extreme, würde ich sagen. Nur dieses Abschalten mit einer Flasche Wein, dieses Sich-Belohnen oder Sich-Besser-Fühlen, das ist der totale Trugschluss."

Stüben gibt in dem Gespräch Tipps, wie man in den Momenten des scheinbaren Verlangens nach Alkohol widerstehen kann, wie man vor allem die ersten 30 Minuten dieses so genannten "Cravings" übersteht.

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