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"Wir und Corona" "Frauen haben keine Interessensvertretung mehr": Leidet die Gleichstellung in der Coronakrise?


Die Coronakrise wirft Frauen um Jahrzehnte zurück, meint die renommierte Soziologin Jutta Allmendinger. Hier erläutert sie, warum das so ist, und wie ein Ausweg aussehen kann.

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Nein, es ist eigentlich nichts Neues, dass es bei der Gleichstellung von Mann und Frau weiter hapert. Männer verdienen im Schnitt immer noch deutlich besser. Zwar ist der Anteil der Frauen, die arbeiten, in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, aber der Anteil jener Frauen, die Teilzeit arbeiten, ist immer noch viel höher als bei Männern. Irgendwann, spätestens bei dem ersten Kind, scheint das dazu zu führen, dass Schluss ist mit der Karriere: Die brillante Ärztin wird keine Chefärztin, die fantastische Projektmanagerin wird nicht Unternehmenschefin oder Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns. Wie sich das alles ändern könnte, ist eigentlich auch ein alter Hut: durch die Quote, durch die Angleichung von Löhnen, durch die Aufwertung von Teilzeitmodellen, auch in Führungsfunktionen. Durch mehr Männer, die auch in Teilzeit gehen, um sich um die Kinder zu kümmern.

Die Coronakrise unterzieht die Gleichberechtigung einem Stresstest

Die Coronakrise hat sich in den vergangenen Wochen für die Gleichberechtigung zu so etwas wie einem Stresstest entwickelt. Viele müssen jetzt zu Hause bleiben, viele arbeiten von zu Hause, vom Homeoffice aus, Männer und Frauen, Partner und Partnerinnen, Väter und Mütter. Führt das dazu, dass die Aufgabenverteilung neu ausgehandelt wird, dass es so etwas gibt wie einen New Deal zwischen den Geschlechtern? 

Zumindest nach ersten Erhebungen ist dieser Stresstest in die Binsen gegangen – auch nach Einschätzung von Jutta Allmendinger, der Präsidentin des renommierten Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Bei "Anne Will" hatte die Soziologie-Professorin schon vor ein paar Tagen geurteilt, die Coronakrise werfe Frauen um Jahrzehnte zurück. In "Wir und Corona", dem Podcast von stern und RTL, erläutert Allmendinger diese Einschätzung.

Daten aus einer Online-Erhebung des WZB, aber auch aus anderen Quellen, zeigten, dass es vor allem Frauen seien, die sich in der Krise um die Kinder kümmerten und Arbeitsstunden reduzierten. "Frauen ziehen sich nicht mit wehenden Fahnen zurück in die Familie und sagen: 'Na, wunderbar. Jetzt haben wir mal Zeit für die Familie.' Sie sind entsetzlich unzufrieden. Sie sind unzufrieden mit ihrer Familiensituation. Sie sind unzufrieden mit der Arbeitssituation. Und sie sind im Hinblick auf die gesamte Lebenszufriedenheit unzufrieden. Diese Unzufriedenheit bezieht sich auch auf junge Väter. Aber sie ist bei Müttern deutlich ausgeprägter und korreliert sehr stark mit der Zunahme von unbezahlter Arbeit", sagt Allmendinger.

Drängt die Coronakrise Frauen in traditionelle Rollenmuster?

Wie schnell viele Frauen in traditionelle Rollenmuster mit Kind und Küche gedrängt werden, macht Allmendinger etwa daran fest, dass aktuell weniger Frauen Beiträge bei akademischen Fachzeitschriften einreichen, aber auch daran, dass Frauen nun weniger in Fernseh-Talkshows zu sehen seien. "Mich macht es aggressiv und wütend, wenn man mir sagt, dass es keine Frauen gibt, die man in Talkshows einladen kann, oder dass man mir sagt, Frauen wollten jetzt nicht mehr in Vollzeitführungspositionen sein. Diese Frauen haben dazu überhaupt gar keine anderen Möglichkeiten. Ich kann Frauen doch nicht auferlegen, eine Lehrerin zu sein, eine Kindergärtnerin, eine Pflegeperson, eine Einkaufshilfe, die Wohnung zu putzen und alles Mögliche. Und dann sagen: Nee, aber warum machste denn Deinen Job da nicht weiter? Das finde ich obszön", sagt Allmendinger.

Nur: Was tun? Diese Krise scheint ja vor allem zu zeigen, dass die Gleichstellung in vielerlei Hinsicht keineswegs so weit ist, wie Sonntagsreden glauben machen. Wenn’s hart auf hart kommt, wie jetzt, wird das vermeintliche "Gedöns" einfach beiseite gewischt. Allmendinger macht dafür auch eine fehlende politische Lobby verantwortlich. "In der Corona-Zeit sieht man auch, dass Frauen keine Interessenvertretung mehr haben". Dabei könnte es auch jenseits der Quote Maßnahmen geben, um die Interessen von Frauen stärker zu beachten: Die Zertifizierung von Unternehmen ist für Allmendinger ein möglicher Ansatz. "Man kann bei Auditierungen auch die Frage aufwerfen, inwieweit Betriebe für eine Chancengerechtigkeit beim Aufstieg von Männern und Frauen tätig sind", sagt Allmendinger.


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