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"Wir und Corona": Was läuft falsch im Unterricht, was muss sich nach der Krise ändern? Lehrer-Lobbyistin Simone Fleischmann im (Streit-)Gespräch

Der Unterricht in Deutschland? Läuft, vor Ort und vor allem aus der Ferne. Irgendwie. Aber das reicht nicht. Wie kann es, wie muss es weitergehen? Ein (Streit-)Gespräch mit Lehrer-Vertreterin Simone Fleischmann.

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Ja, klar, die ganz großen, die vielleicht akut auch entscheidenden Fragen, die diskutieren jetzt die Virologen, die Wissenschaftler und Politiker: Wie ansteckend sind Kinder, sind Jugendliche, sind also Schüler – und was bedeutet das dann für das Tempo und die Umstände, in denen Kitas und auch Schulen wieder aufgemacht werden können?

Jenseits dessen aber läuft der Corona-Unterricht an deutschen Schulen im Corona-Alltag ja spätestens seit ein paar Wochen wieder. The new normal, das heißt jetzt eben: eine Menge Homeschooling, Fernunterricht auf Beamtendeutsch, und ein bisschen "Schoolschooling", Unterricht vor Ort, auf Abstand zwar, aber inklusive menschlicher und pädagogischer Nähe. Und weil das Ganze jetzt schon ein paar Tage geht – und vermutlich noch weit bis ins nächste Schul- und Kalenderjahr so oder so ähnlich weiterlaufen wird, lohnt es sich, eine erste Bilanz zu ziehen. In der aktuellen Folge von "Wir und Corona", dem Podcast von stern und RTL spreche ich deshalb mit Simone Fleischmann, der Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), der nach eigenen Angaben mit 61.000 Mitgliedern größten Berufsorganisation von Pädagogen in Bayern.

Mich interessiert dabei vor allem, wie Fleischmann damit umgeht, dass offenbar gerade das Homeschooling in ganz Deutschland so unterschiedlich gehandhabt wird, dass es da so gewaltige Unterschiede gibt nicht nur zwischen Bundesländern, sondern zwischen Orten und zwischen Schularten. Es ist doch so: Schüler, die etwas Glück haben, sind an Schulen mit Schulservern, mit engagierten Lehrern, die vielleicht sogar schon Erfahrung im Umgang mit digitalen Lehrmedien und vor allem Lehrmethoden haben. Andere, die dann leider weniger Glück haben, kriegen ihre Materialien – wenn's gut läuft – dann eben per Mail als Foto zugeschickt. In der Konsequenz bedeutet das: Es kommt, wie so oft an deutschen Schulen, darauf an, ob die Elternhäuser Ungleichheiten auffangen können. Wie kann das eigentlich sein?

Gleiche Voraussetzungen an allen Schulen?

Fleischmann macht im Gespräch überhaupt keinen Hehl daraus, dass sie zumindest diese Einschätzung teilt. Aber ihre Erklärung der Zustände ist klar: Das liegt nicht an fehlender Motivation der Lehrer, sondern an den Strukturen. Es geht gerade eben nicht anders. "Wir verstehen die Eltern", sagt Fleischmann. "Auch Lehrer haben Kinder und sind Teil der Gesellschaft, wir sind nicht fern der Heimat. Der Wunsch nach einheitlichem Vorgehen scheitert aber definitiv daran, dass eben nicht an jeder Schule die gleichen Bedingungen herrschen. Man kann die schon vorgeben und sagen: So und so viele Stunden müssen gehalten werden, mit Feedbackschleifen, mit dem und dem Material auf dieser Plattform. Dann muss aber auch etwa ein stabiles Wlan für alle vorhanden sein. Dann muss der Lehrer die Kompetenz haben, da müssen die Kinder die Endgeräte haben." Dass diese Bedingungen derzeit auch nur annähernd vergleichbar erfüllt sind, bezweifelt Fleischmann. "Vergleichbarkeit ist ein schöner Wunsch. Einheitlichkeit? Ja. Aber es wird sie nicht geben."

Nach Fleischmanns Einschätzung ist die Situation derzeit eher davon geprägt, dass jede einzelne Schule mit ihren speziellen Problemen zu kämpfen hat – und deshalb das Unterrichtsangebot jeweils auch unterschiedlich ausfallen muss: "Das Personal ist unterschiedlich, die Personaldecke ist unterschiedlich, die Bedingungen vor Ort sind unterschiedlich. Deswegen ist jede Schule anders", sagt Fleischmann. Dadurch, dass Lehrer, die jetzt zu Risikogruppen gehören, nicht oder nur sehr eingeschränkt unterrichten könnten, werde etwa der ohnehin bestehende Lehrermangel verschärft.

Fleischmann: "Schuldzuweisungen, die mich aufbringen"

Fleischmann berichtet in dem Gespräch von einer kleinen Grundschule mit vier Klassen, in denen nur die Direktorin, gleichzeitig Klassenleitung einer dritten Klasse, vollständig unterrichten könne. In dieser Situation, sagt Fleischmann, werde von Lehrern auch zu viel verlangt: Den Fernunterricht vernünftig vorzubereiten, Unterricht vor Ort zu organisieren und zu halten – und dann möglicherweise auch noch eine Notbetreuung für jüngere Schüler anzubieten, das sei zu viel. "Nicht der einzelne Lehrer hat keinen Bock auf nix", sagt Fleischmann. "Da muss man die Kirche mal im Dorf lassen, weil da passieren jetzt ganz viele Schuldzuweisungen, die mich ziemlich aufbringen. Ein Lehrer kann sehr professionell eine Aufgabe erledigen, gerne auch noch eine zweite Aufgabe. Aber spätestens bei der dritten Aufgabe gibt's dann die Zeitressource einfach nicht mehr her", sagt Fleischmann.

In dem Gespräch skizziert die Lehrer-Lobbyistin, wie es ihrer Meinung nach weitergehen könnte in den nächsten Monaten, im nächsten Schuljahr. Dabei sieht sie durchaus, dass für Lehrer ein Nachholbedarf besteht, was den Umgang mit digitalen Medien und Lehrmitteln betrifft. "Ja, wir Lehrerinnen und Lehrer brauchen hier Expertise. Wir hatten das nicht flächendeckend", sagt Fleischmann. Die entsprechenden Fortbildungen, die ihr Verband anbiete, seien derzeit sofort ausgebucht, berichtet sie.

"Wir haben die Kinder bis dato kaum darauf vorbereitet, selbstständig zu lernen"

Aber vor allem sei es nun an der Politik, hier die Rahmenbedingen auch für den Fernunterricht zu benennen, was die Hardware angehe, "welche Plattformen, welche Tools, welche Partner" man zulasse, auch um den vorgeschriebenen Datenschutz zu gewährleisten. Gerade dieses Thema ist heikel, denn natürlich balgen sich jetzt alle großen Digitalkonzerne darum, den Schulen ihre Software zu verkaufen, Microsoft oder Apple etwa. "Und dann erwarten wir, dass natürlich auch in die Lehrerfortbildung investiert wird", sagt Fleischmann. Die Bundesregierung hatte in den vergangenen Wochen bereits erste Hilfen zugesagt, für den Kauf von Leih-Laptops etwa für Schüler, die sich das von Haus aus nicht leisten können. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) dringt auch darauf, die Bundeshilfen für die Ganztagsbetreuung zu erhöhen.

Für Fleischmann, und das finde ich besonders interessant, ist es allerdings damit noch nicht getan. Sie dringt nämlich auch darauf, den Lernbegriff insgesamt zu überdenken. Bisher, argumentiert sie, sei es vor allem darum gegangen, Wissen zu vermitteln. "Wir waren sehr stark bulimisch unterwegs: Reinfressen, auskotzen, wenig zunehmen", sagt Fleischmann. Die Coronakrise zeige jetzt aber, dass es damit nicht getan sei. "Die Krise zeigt im bildungspolitischen Bereich, wo die Kette das dünnste Glied hat, wo sie also reißt. Wir haben die Kinder bis dato kaum darauf vorbereitet, selbstständig zu lernen". Diese Kompetenz müsse jetzt zwingend in den Mittelpunkt des Lernens gestellt werden. "Unser Lernbegriff muss überdacht werden", sagt Fleischmann.

Das ganze Gespräch mit Simone Fleischmann können Sie hier in der neuen Folge des Podcasts hören. Dort spreche ich auch mit Dr. Michael Wünning, unserem medizinischen Experten. Mich interessiert dabei, wie er als Chefarzt des Marienkrankenhauses in Hamburg damit umgeht, dass das Coronavirus laut jüngsten Studien die Blutgerinnung beeinflusst – und was das für mich als Laien bedeutet.

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