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Teaser Gemeinsam gegen Corona

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"Wir und Corona": "Dahinter steckt das Gefühl: Gegenüber Frauen kann man sich alles erlauben": Psychologin erklärt, wie sexuelle Gewalt zur Normalität wird

Die Berliner Psychologin Dorothea Zimmermann berichtet von häuslicher Gewalt während der Coronakrise – und der Reaktion von Mädchen und Müttern auf die Ausstellung gegen sexuelle Gewalt "Männerwelten".

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Wie wirkt sich die Krise auf die Gewalt zu Hause aus, gegenüber Partnern, vor allem natürlich Frauen, gegenüber Kindern? Was passiert, wenn jetzt alle zu Hause sind, eingesperrt, in der Enge, dazu mit Ängsten und vielleicht auch wirtschaftlichen Sorgen? Das wird zum Stresstest für Beziehungen, haben wir alle gemutmaßt. Vor allem aber wird die Gewalt in den eigenen vier Wänden eskalieren.

Bald nach Beginn der Kontakt- und sogar Ausgangssperren gab es schnell erste Daten aus Frankreich und Spanien, eine Warnung von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Und auch für unseren Podcast "Wir und Corona" habe ich früh, Anfang April, mit Sarah Trentzsch gesprochen, sie koordiniert die Arbeit der Berliner Hilfshotline BIG. Trentzsch konnte damals aber noch gar nicht so viel über einen Anstieg der Anrufe berichten. Ihre Arbeit war erschwert, ja, wegen der Kontaktverbote. Aber die Anrufe bei der Hotline waren keineswegs explodiert. Was in Häusern und Wohnungen während des Lockdowns geschah: unklar.

Wandel der Anzeigen von häuslicher Gewalt

Jetzt, ein paar Wochen später, ändert sich das Bild. Die Daten sind immer noch nicht eindeutig. Der "Spiegel" hat berichtet, dass die Zahl der gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt in einigen Ländern während der Zeit der Kontaktsperre sogar zurückgegangen ist. In Berlin ist die Polizei zwar deutlich öfter gerufen worden, die Zahl der Anzeigen ist jedoch nicht im gleichen Maß gestiegen. Auch Telefonhotlines melden nun eine stärkere Nachfrage. In den ersten zwei Wochen, in denen die Corona-Maßnahmen gelockert wurden, stieg die Zahl der Anrufe bei der Telefonhotline BIG um 30 Prozent. Wie ist diese Entwicklung zu verstehen? Hatten bedrohte Frauen bisher schlicht nicht die Möglichkeit, sich Hilfe zu holen?

Um die Entwicklung besser zu verstehen, habe ich für unseren Podcast "Wir und Corona" mit Dorothea Zimmermann gesprochen. Sie ist Psychologin und Geschäftsführerin des Berliner Vereins "Wildwasser". Der kümmert sich seit Langem vor allem um junge Mädchen, die Opfer von Gewalt oder sexualisierter Gewalt geworden sind oder zu werden drohen. Zimm

ermann weiß also sehr genau, wovon sie spricht. Aus Ihrer Sicht ist es nur logisch, dass erst jetzt mehr Frauen bei Hotlines anrufen, sich Hilfe holen. Denn viele Frauen, sagt sie, hätten erst jetzt nach den ersten Lockerungen die Möglichkeit, der engmaschigen Überwachung ihrer Partner zu entfliehen.

Eingeschränkte Hilfe in der Coronakrise

"In der Zeit des Lockdowns war es für Frauen wahnsinnig schwierig, die nötige Unterstützung zu bekommen", sagt Zimmermann. Auch dauere es manchmal, bis Frauen sich bewusst machen könnten, dass ihnen Unrecht widerfahren sei. Dafür bedürfe es oft auch der sozialen Bestätigung durch andere. "Es gibt ja auch eine gesellschaftliche Kommunikation, die erst mal notwendig sein muss, um zu spüren und zu merken, dass das, was mir passiert, wirklich unrecht ist", sagt Zimmermann.

Während der Kontaktverbote, berichtet Zimmermann, seien vielen Mädchen, die den Beratungsprozess von "Wildwasser" eigentlich schon abgeschlossen hätten, die sonst zu Mädchentreffs gehen konnten oder zum Sport, die feste Strukturen hatten, wieder zu der Beratung gekommen, weil ihnen genau diese Alltagsstrukturen nun weggebrochen seien.

Um hier beraten zu können, ohne hygienische Sicherheitsregeln zu verletzen, habe man das "beraterische Spazierengehen" eingeführt – gemeinsam sei man um den Block gegangen und habe geredet. Dabei sagt Zimmermann, dass die familiäre Enge nicht nur die Risiken von Gewalt erhöht, sondern dass die Nähe auch überraschend Gutes bewirkt habe. Einige Mädchen hätten in dieser Zeit größeres Vertrauen zu ihren Eltern gefasst und ihnen etwa von Missbrauch durch Trainer oder andere Bezugspersonen berichtet.

In dem Gespräch berichtet Zimmermann auch davon, dass die Jugendämter zwar für Kinderschutzanzeigen erreichbar gewesen seien und nach ihrem Eindruck auch schnell gehandelt hätten, aber dass sie für sonstige und ebenfalls wichtige Hilfs- und Beratungsleistungen bisweilen schwer erreichbar gewesen seien: "Mein Eindruck war auch, dass ein großer Teil von den Jugendämtern im Homeoffice war und ist und dass sie zum Teil sehr, sehr schwer zu erreichen sind", sagt Zimmermann.

Wie kann ich als Außenstehender bei häuslicher Gewalt helfen?

Viel Zeit verwendet Zimmermann in dem Gespräch darauf, zu erläutern, was man als Außenstehender tun kann, wenn man das Gefühl hat oder Anzeichen erkennt, dass in der eigenen Umgebung häusliche Gewalt ausgeübt wird. Klar, helfen, unterstützen, das will jeder. Aber was bedeutet das in der Situation konkret? Soll man das mutmaßliche Opfer ansprechen? Was tun, wenn etwa eine Frau zwar geschlagen wird, aber gar keine Unterstützung möchte?

Das Gespräch mit Dorothea Zimmermann ist ein Beitrag zur Kampagne #sicherheim, die die Bertelsmann Content Alliance diese Woche gestartet hat. Ziel dieser Kampagne ist es, die Sensibilität gegenüber häuslicher Gewalt zu erhöhen und vor allem Betroffene zu ermutigen, sich Hilfe zu holen. Unterstützt wird die Kampagne etwa auch von Frauenministerin Franziska Giffey (SPD). Gruner + Jahr, der Verlag, in dem der stern erscheint, ist Teil der Content Alliance. Im aktuellen stern spricht Frauke Hunfeld auch mit den Leitern der Gewaltschutzambulanz der Charité in Berlin, mit den Rechtsmedizinern Michael Tsokos und Saskia Etzold.

Auch für Dorothea Zimmermann ist Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, zentral, um gegen häusliche Gewalt vorzugehen. "Die allererste Regel, die wir wichtig finden, egal ob es um häusliche Gewalt im Erwachsenenbereich geht, um Gewalt gegen Kinder oder sexualisierte Gewalt gegen Kinder, lautet: Aufmerksam sein ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Das ist eigentlich das, was man allen Menschen im Grunde einpflanzen sollte. Seid aufmerksam und guckt nicht weg".

Zimmermann: "Man das Gefühl hat, das gehört eigentlich einfach ganz normal dazu"

Dabei erläutert Zimmermann auch, wie sie die jüngste Diskussion über die so genannten "Männerwelten", die 15-minütige "Ausstellung" von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf auf ProSieben wahrnimmt. Diese Sendung sei bei den Mädchen und auch Müttern, mit denen sie gesprochen habe, stark diskutiert worden, aber eher mit dem Tenor: Darüber regt sich irgendjemand auf? Diese Form von Sexismus erleben wir doch jeden Tag. "Diese ganzen Jahre, in denen ich jetzt in diesem Bereich arbeite, werde ich oft gefragt: Hat sich irgendwas verändert?", sagt Zimmermann. "Und ich denke, was sich wirklich verändert hat, ist die Hemmschwelle, im digitalen Raum sexuelle Übergriffe stattfinden zu lassen, so dass man das Gefühl hat, das gehört eigentlich einfach ganz normal dazu. Das hat sich wirklich ganz, ganz stark verändert".

Ich finde das erstaunlich. Denn in vielerlei Hinsicht erscheint es so, als sei #MeToo, die ganze Diskussion über Sexismus, Vergewaltigung, auch über Übergriff und Grenzen, verpufft, nie dagewesen. "Was im Grunde dahintersteckt, ist das Gefühl: Ja, man kann sich Frauen und Mädchen gegenüber alles erlauben. Das ist etwas, was eine durchgehende Begleiterscheinung dieser Gesellschaft ist. Das muss man einfach ganz klar sagen. Wir haben manchmal das Gefühl, manchmal darf man's nicht mehr so ganz laut sagen und manchmal darf man's wieder lauter sagen. Aber es bleibt", sagt Dorothea Zimmermann.

Das ganze Gespräch hören Sie hier im Podcast. In der Folge spreche ich auch mit Dr. Michael Wünning, unserem medizinischen Experten. Im Hamburger Marienkrankenhaus leitet er das Zentrum für Notfall- und Akutmedizin, er ist also Chefarzt einer Notaufnahme. Mit ihm spreche ich darüber, was er tut, wenn eine Frau zu ihm in die Notaufnahme kommt und sagt: "Ich bin geschlagen worden". Was wird da dokumentiert? Welche Grenzen gebietet aber auch die ärztliche Schweigepflicht?