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Namenforschung: Das Geheimnis des Herrn Wackernagel

Was hat das zu bedeuten, wenn Menschen Wackernagel, Morgenschweiß oder Schmutzler heißen? Der Namenforscher Professor Dr. Jürgen Udolph kennt die Antworten - und hat darüber ein Buch geschrieben.

Von Richard Jürgens und Sönke Wiese

Rund eine Millionen Nachnamen gibt es in Deutschland. Sie begleiten uns von Geburt an und sind Teil unserer Identität. Und natürlich möchte jeder gerne wissen: Woher stammt mein Name, was bedeutet er?

Dieses Rätsel zu lösen, ist die Udolphs Mission: "Ich bin besessen von Nachnamen." Der grauhaarige Gelehrte ist Deutschlands einziger Professor für Onomastik (Namenkunde); an seinem Institut, das der Slavistik der Leipziger Universität zugeordnet ist, forschen 250 Studenten nach der der Herkunft von Gewässer-, Orts- und Familiennamen. Mittlerweile ist das Studienfach so beliebt, dass das Institut einen Numerus Clausus einführen musste.

An Arbeit mangelt es nicht: Udolph schätzt, dass sein Team dieses Jahr bereits 10.000 Vor- und Nachnamen analysiert hat. Zumeist sind es Privatleute, die sich an sein Institut wenden, um etwas über Bedeutung, Herkunft und Geschichte ihres Familiennamens zu erfahren. Für 60 Euro erhalten sie ein ausführliches Gutachten. Wer selbst recherchieren will, kann sich seit kurzem auf Udolphs "Buch der Namen" (Bertelsmann, 18 Euro) stützen. Das unterhaltsame Sachbuch liefert erste Einblicke in die Welt der Onomastik und praktische Tipps für die persönliche Namenforschung.

Was "Möse" wirklich bedeutet

Ein Segen ist Udolphs Arbeit für viele Menschen, die Zeit ihres Lebens unter ihrem Namen zu leiden hatten - etwa weil ihre Familiennamen kurios klingen, schwer auszusprechen sind oder vermeintlich schlüpfrige Bedeutungen haben. Letzteres ist jedoch allzu oft das Resultat einer Fehlinterpretation. "Jeder Name hat eine ursprüngliche Bedeutung, die sich einem aber heute oft nicht mehr von selbst erschließt", sagte Udolph vergangenen Mittwoch bei stern TV. Er kann die wahre Bedeutung von vielen missverstandenen Namen herleiten - und sorgt so für Richtigstellungen.

Der Familienname Schmutzler ist so ein Beispiel: Er leitet sich nicht von Schmutz, sondern vom Verb schmunzeln ab. Auch der Name Morgenschweiß war ursprünglich nicht als Schelte für unangenehmen Körpergeruch gemeint: Er wurde Männern gegeben, die schon früh am Tag hart arbeiteten.

In Deutschland gibt es auch recht derb klingende Namen wie Möse, Ficker, Geiler oder Popp. Aufklärung tut hier ebenfalls Not: Möse zum Beispiel stammt vermutlich von Moses ab. Hinter vielen heiklen Namen stecken oft banale Erklärungen.

Bewunderung für potente Männer

Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Scheinbar harmlose Namen können mitunter eine schlüpfrige Geschichte haben. Der Name Wackernagel ist so ein Fall: Er spielt nicht auf einen Handwerksberuf an, vielmehr bezeichnete Wackernagel ursprünglich eine herausragende männliche Eigenschaft, wie Professor Udolph festgestellt hat. Den Namen erhielt nämlich ein Mann, der "wacker nagelte" oder einen "wackeren Nagel" besaß. Udolph: "Hier geht es tatsächlich um einen Menschen mit einem großen Penis, mit dem er im Dorfe oft, geübt und eindrucksvoll zu Werke ging."

Auch der Name Rauschhardt deutet auf eine anzügliche Herkunft hin. Laut Udolph hatte er die ursprüngliche Bedeutung von "im Busch gezeugt". Und ein Mensch namens Bankert war vermutlich "auf der Bank gezeugt" worden.

Die Geschichte der Namen

Unsere Urahnen mussten sich noch nicht mit solchen Zweideutigkeiten plagen: Bis zum 12. Jahrhundert waren in Deutschland nur Vornamen gebräuchlich. Dann erst kamen die Nachnamen hinzu, um Verwechslungen zu vermeiden. Laut Udolph lassen sich die Ursprünge der Nachnamen bestimmten Kategorien zuordnen:
1. Rufnamen: Hier wird dem Vornamen ein zweiter Vorname hinzugefügt, oft der des Vaters. Heraus kommen Namen wie "Jan Ulrich".
2. Herkunftsnamen bezeichnen die Stadt, die Region oder auch das Land, wo die Vorfahren aufgewachsen sind. Ein Beispiel: "Gunter Sachs".
3. Wohnstättennamen stellen einen Bezug zur Charakteristik des Wohnortes her. Haben die Ahnen im Wald gelebt, heißt man heute zum Beispiel "Marie Bäumer".
4. Übernamen benennen Eigenschaften, die der ursprüngliche Namensträger einmal gehabt hat. Die Vorfahren von "Michael Groß" waren eben groß gewachsen.
5. Berufsnamen lassen die Profession des Ahnen erkennen, zum Beispiel bei "Joschka Fischer".

Persönliche Namenforschung

Entscheidend für Udolphs Ermittlungen sind Verbreitungskarten, die zeigen, in welcher Gegend ein bestimmter Name gehäuft auftritt. Nur mit Hilfe dieser Lokaliserung gelingt die korrekte sprachliche Herleitung. Verbreitungskarten erstellt der Professor mit Hilfe einer Telefonbuch-CD.

Im Internet ist für alle Interessierten ein Freeware-Programm zur persönliche Namenforschung gratis zu haben. Schöner Nebennutzen: Besonders bei seltenen Namen lassen sich damit möglicherweise entfernte Verwandte aufspüren, von denen man noch nichts ahnte.

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