HOME

Namensforschung: Wer bin ich?

Woher haben die Ahnen von Heidi Klum ihren Namen und warum hält sich die Familie Kebschull in dieser Frage bedeckt? Die Namensforschung ist der eigenen Bedeutung auf der Spur. stern.de erläutert den Ursprung der Namen auf der Regierungsbank. Dazu: So kann jeder selber herausfinden, woher der eigene Name kommt.

Von Axel Hildebrand

Der Name der Vorfahren prägt die Nachkommen - über Generationen hinweg

Der Name der Vorfahren prägt die Nachkommen - über Generationen hinweg

Eine Frau Kebschull ist am Telefon. In Berlin und Brandenburg ist der Name gar nicht so selten. Immerhin ein paar Hundert Mal ist er zu finden. Und jetzt will Frau Kebschull von dem Onomastiker, sprich: Namensforscher, wissen, was es denn nun auf sich habe mit ihrem drolligen Nachnamen. Was haben ihr Vorfahren wohl einmal gemacht? Es gibt Momente, da stößt die Wissenschaft an Grenzen. Professor Jürgen Udolph schluckt. Er ist einer dieser Menschen, die neue Dinge prinzipiell erst einmal "spannend" finden. Aber in diesem Fall? Udolph zögert. Er, der sonst wie ein Wasserfall reden kann, schnell, zackig und fast druckreif formuliert, weiß nicht, was er Frau Kebschull antworten soll.

Der Weg führt über Weißrussland

Die Basis des Wortes, hatte Udolph herausgefunden, findet sich im weißrussischen kepsa. Übersetzt steht das für eine "dicke, schwerfällige, ungeschickte Frau". Das Wort kepsa wiederum ist aus dem Litauischen entlehnt und darin steckt das deutsche Wort für Nebenbuhler. Im ostpreußischen Dialekt wurde dann gar nichts mehr verheimlicht: das Kebsweib ist dort ein "altes Weib" - meist sogar eine Hure. Udolph entscheidet sich für die Wahrheit, keine Grenzen für die Wissenschaft. Und Frau Kebschull? Sie reagiert gefasst: "Da kommt ja eh niemand drauf."

Zu Besuch beim Namensforscher

An diesem Tag sitzt der bekannteste deutsche Namensforscher in Jogginghose auf seinem Sofa und lässt seine Füße in den tiefen Teppich sinken. Für einen kurzem Moment. Professor Udolph, bis zu seiner Emeritierung Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls an der Universität Leipzig, lebt in Sangershausen, einem kleinen Dorf in den hügeligen Feldern rund um Göttingen.

Die Sonne senkt sich langsam herab, und ein Nachbar kommt, um mit dem Dackel zu spielen. Udolph ist ein Teil dieser Welt, aber er hat sein eigenes Tempo, hat er auch noch so viele Keramikteller an die Wand im Wohnzimmer genagelt. Professor Rastlos. Er hat vier Minuten. Eine kurze Einführung in die Onomastik für den Besucher, "bin gleich fertig", aber ein paar Dinge müssen erklärt werden. Nach exakt vier Minuten springt er auf, sein Spezialtelefon mit dem guten Klang meldet sich. WDR 5 ist dran, "Intellektuellenradio", sagt Udolph stolz, und schon erklärt er live auf Sendung einen Nachnamen. Mit seiner Namensforschung macht er ein gutes Geschäft.

Irgendwo erklärt Udolph immer irgendeinen Nachnamen

Der Sender ist neu in seinem Portfolio, zu dem noch sechs andere öffentlich-rechtliche Radiostationen und eine Sendeanstalt gehören. Irgendwo in der Republik erklärt Professor Udolph eigentlich immer die Herkunft von Nachnamen.

Der eigene Name prägt den Menschen, die eigene Familiengeschichte stiftet eine Identität. Anhand ihres Namens erforschen Millionen Deutsche ihre Herkunft - mit Hilfe der Wissenschaft. Es fällt schwer, ihn abzugeben, etwa wegen einer Heirat. Weil der Name so wichtig ist, wurde er Menschen, die besonders gedemütigt werden sollten, historisch immer wieder entrissen - und durch Nummern ersetzt. So geschah es in den Konzentrationslagern oder auch in Stasi-Gefängnissen.

Überraschende Erkenntnisse

Auf der Suche nach dem Ursprung der Nachnamen sind es häufig die bildhaften und doch irgendwo ehrlich und real klingenden Namen, deren Ursprung erstaunt. Bezeichnungen, die nach abgeernteten Feldern im Herbst oder Händen voller Sägespäne klingen, Namen wie Kebschull, Rauschhardt oder Wackernagel. Die Unschuldsvermutung, es handele sich bei Wackernagel um einen fleißigen Handwerker, enttäuscht Udolph: Ein Vorfahr fiel durch seinen engagierten Fortpflanzungstrieb auf, und Rauschhardt steht wortgeschichtlich für "einen, der im Gebüsch gezeugt wurde". Bankert, das sei hier kurz erwähnt, steht übrigens tatsächlich für einen, der "auf der Bank gezeugt wurde" - und damit war der Schlafplatz der Magd gemeint - in Abgrenzung zum Ehebett.

Namen, bei denen das Erröten dagegen fast zum guten Ton gehört (Ficker oder Moese) sind dagegen oft furchtbar harmlos im Ursprung. Der vom Verb "ficken" abgeleitete Nachname kennzeichnete früher einen unruhigen, aufgeregten Menschen, während Moese aller Wahrscheinlichkeit von einer Kurz- oder Koseform des alttestamentarischen Namens Moses abstammt, letztlich ein ägyptischer Name für Sohn ist.

Ströbele: stammt vom Struwwelpeter

Manchmal scheint der Ursprung des Nachnamens jedoch auch eine prophetische Wirkung zu haben: Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele ist so ein Beispiel. Einer, der sich für so ziemlich alles und jeden von der Revolution in El Salvador bis zum muslimischen Wort zum Sonntag einsetzte und sich auch gerne gegen die eigene Parteiführung auflehnt. Sein Name ist auf Strubbel- oder Struwwelpeter zurückzuführen. Der Name von Edmund Stoiber wiederum ist die süddeutsche Form von Steuber, hat Udolph herausgefunden: Wenn jemand steubt, dann "wirbelt er Staub auf" - das bezog sich historisch auf den Beruf des Müllers und den Mehlstaub.

Regelrecht emanzipiert von ihren genetischen Wurzeln hat sich dagegen das millionenschwere Bikini-Modell Heidi Klum. Dieser Name leitet sich vom Adjektiv klimm ab - jemand, der früher in Eile war, hatte eine klumme Zeit: Sie war knapp. Klumm bedeutet so neben knapp auch ärmlich und armselig. Die Redewendung "geldklumm" bezog sich demnach auf eine Person, die knapp bei Kasse war.

Zuerst: Woher kommt der Name?

Um diese und andere Namen so deuten zu können, untersuchen Namensforscher wie Udolph zunächst, wo sich der Name geographisch häuft. Das liefert wichtige Hinweise, denn der Name Schröder steht beispielsweise im Norddeutschen für jemanden, der Wein- und Bierfässer transportieren und diese dann in den Keller tragen musste - in der Regel handelte es sich um einen Bierkutscher. Im süddeutschen Raum deutet das mittelniederdeutsche schroder auf einen schneidernden Vorfahren. Im Internet gibt es frei zugängliche Verbreitungskarten, Profis wie Udolph sind mit einer digitalisierten Variante des Reichstelefonbuchs von 1942 wesentlich genauer. In seinem Regal stehen bis unter die Decke Nachschlagewerke, zur historischen Grammatik der bulgarischen Sprache über ein russisch etymologisches Wörterbuch bis zum einem Lexikon der indogermanischen Sprachen. "Namensforschung ist eine exakte Wissenschaft", sagt Udolph.

Er öffnet die Tür zur Dorfstraße, herein fällt die Abendsonne. Udolph genießt den Moment, schließt die Tür wieder und geht zurück in sein Arbeitszimmer. Er hat noch genügend Anfragen zu beantworten. Diese Wissenschaft kennt keinen Feierabend.