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Nannen Preis Ein Fest der medialen Vielfalt

Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf, Stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier, Moderator Michel Abdollahi
stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier und Moderator Michel Abdollahi applaudieren den Sonderpreisträgern Joko Winterscheid, Klaas Heufer-Umlauf (auf dem Bildschirm) und Sophie Passmann
© Axel Kirchhof
So divers wie dieses Jahr war die Riege der Preisträgerinnen und Preisträger des Nannen Preis Wettbewerbs noch nie

Käse. Das war das bestimmende Thema zu Beginn dieses in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Abends. Kopfsteinpflaster statt roten Teppichs, Kabelbäume statt knisternder Roben, Gewerbegebiet statt gediegener Location: Schon vom Ambiente her setzte sich die Feier zur Verleihung der diesjährigen Nannen Preise deutlich ab von den Festen früherer Jahre. Und das passte ja gut zum runderneuerten Wettbewerb um den renommiertesten deutschen Journalistenpreis. Auch wenn die bevorstehende Premiere – die erste im Studio produzierte und live im Netz übertragene Preisverleihung in der Geschichte des Nannen Preises – natürlich allein der Pandemie geschuldet war.

Eine dem Hygienekonzept entsprechend kleine Abordnung von Jurorinnen und Juroren wartete am frühen Dienstagabend vergangener Woche bester Stimmung vor einer Lagerhalle im Gewerbegebiet von Hamburg-Billbrook auf den großen Moment. Drinnen liefen letzte Proben auf der futuristischen 3-D-LED-Wand des „Virtual Production Studio“. Derweil nahm draußen Ulrich Wickert, Jury-Vorsitzender für die neu geschaffene Preis-Kategorie „Republik“, den Dank seiner Mit-Jurorinnen und -Juroren entgegen – für „Pavé de Niort“, „Galette d’Aubrac“ und „Fleur de Corse“. Diese und noch ein paar andere Fromages samt einer guten Flasche Wein hatte Mister Tagesthemen vom Reifemeister seines Vertrauens zusammenstellen und im Auftrag der Wettbewerbsleitung an alle 50 Jurorinnen und Juroren verschicken lassen. Als Nervennahrung für die finalen Abstimmungsrun-den in der vorangegangenen Woche. Dort waren die Preisträgerinnen und Preisträger 2021 zum Ende eines dreimonatigen Auswahlprozesses aus Hunderten Einreichungen von Text bis Podcast, von TV-Dokumentation bis Social-Media-Clip in geheimer Wahl gekürt worden.

„Journalismus muss heute crossmedial erzählen. Wir müssen auf all den Kanälen stattfinden, auf denen wir unser Publikum erreichen. Und dabei authentisch sein.“ So begründete stern-Chefredakteurin Anna- Beeke Gretemeier im Gespräch mit Moderator Michel Abdollahi die Entscheidung, den Nannen Preis 2021 erstmals über alle medialen Gattungen hinweg auszuschreiben. Auch neu: Die Preisverleihung konnten alle Interessierten als Youtube-Livestream im Netz verfolgen. „Wir wollen hochwertigen Journalismus feiern. Und ihn einem breiten Publikum bekannt machen“, sagte Gretemeier. Fast 4000 Zuschauerinnen und Zuschauer waren zeitgleich online bei dem Event dabei.

Hören Sie die preisgekrönte Reportage 

„Die Zeit“-Autorin Xifan Yang wurde für ihre Reportage „Die Gesandte des Konfuzius“ über chinesische Pflegekräfte in einem deutschen Pflegeheim mit dem Egon Erwin Kisch-Preis ausgezeichnet. Gelesen von Richard David Precht. 

Sie erlebten gerührte, freudestrahlende, aber auch nachdenkliche Preisträgerinnen und Preisträger wie Daniel Deckers von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der in der neu geschaffenen Kategorie „Republik“ für seine beharrlichen Recherchen zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche ausgezeichnet wurde. „Dieser Preis gilt denen, denen ich und viele andere versuchen eine Stimme zu geben“, sagte Deckers und ergänzte: „Das Thema sexuelle Gewalt spielt sich nicht allein in der katholischen Kirche ab. Ich habe oft den Eindruck, dass sich die Gesellschaft an der Kirche abarbeitet, um ihre eigenen blinden Flecken nicht wahrzunehmen.“

Zur Sprache kamen auch die zunehmenden Anfeindungen gegen Journalistinnen und Journalisten, von denen mehrere der Prämierten berichteten. Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die sich ohne Personenschützer in der Öffentlichkeit nicht mehr sicher fühlt. Oder Stefan Proetel, Lokalchef des „Mannheimer Morgen“, der wegen seiner kritischen Recherchen zu dubiosen Privatgeschäften des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel in seiner Heimatstadt massiven Einschüchterungsversuchen ausgesetzt war.

Dunja Hayali, Mitglied des Nannen Preis Beirats, zog ihr persönliches Fazit zum Wettbewerb 2021 so: „Es hat megamäßig Spaß gemacht. Wir haben in Deutschland wahnsinnig hochwertigen, breit aufgestellten Journalismus.“


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