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Neues Buch sorgt für Wirbel: Ex-Kriminalbeamter will Kampusch verteidigen - mit brisanten Details

Seit Jahren gibt es Zweifel im Fall Natascha Kampusch. Gab es nur einen Täter? Hätte sie wirklich nicht früher gehen können? Ein Ex-Polizist hat nun ein Buch geschrieben, um sie zu verteidigen - mit umstrittenen Details.

Natascha Kampusch mit gewelltem Haar und Schal vor einer Bilderwand

Als Zehnjährige war Natascha Kampusch 1998 entführt worden, 2006 konnte sie sich befreien

Konnte Natascha Kampusch wirklich nicht früher fliehen? Hat sie gelogen, war sie am Ende sogar freiwillig bei ihrem Entführer Wolfgang Priklopil? Seit Jahren gibt es viele Zweifel und Verschwörungstheorien im Fall Kampusch, die 1998 als Zehnjährige entführt und mehr als acht Jahre lang in einem Keller in Priklopils Haus gefangen gehalten worden war. 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht. 

Schon in früheren Jahren war teilweise massive Kritik an den Ermittlungen der zuständigen Sicherheitsbehörden laut geworden. Noch heute sind die Umstände der Entführung umstritten. Insbesondere die Frage, ob es neben Priklopil weitere Mittäter gab, sehen viele nicht abschließend geklärt. Auch, dass der Entführer sich selbst umbrachte, bezweifeln einige: Es gab sogar eine Anzeige wegen Mordverdachts

Jetzt hat der ehemalige Kriminalbeamte Peter Reichard ein Buch über den Fall Kampusch geschrieben, den er selbst betreut hatte. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ). Der Titel des Werks: "Der Entführungsfall Natascha Kampusch: Die ganze beschämende Wahrheit". Reichard meint es gut, er will Kampusch mit seinem Buch verteidigen und "endlich mit den ganzen Verschwörungstheorien aufräumen", wie die "SZ" schreibt. Allerdings könnte er mit dem Buch Kampuschs Persönlichkeitsrechte verletzen: Ihr Anwalt nennt das Buch einen "Übergriff". 

Entführer filmte Kampusch in Gefangenschaft

Denn in seinem Buch schildert Reichard auch Videos, die Priklopil von seiner Gefangenen gemacht hatte. Sie zeigen Kampusch abgemagert und in der Rolle einer Sklavin, wie sie von ihrem Peiniger erniedrigt wird. Dass es dieses Filmmaterial gibt, war bis vor Kurzem neben Kampusch ausschließlich Polizei und Staatsanwaltschaft bekannt. 

Das Material im Umfang von mehreren Stunden hatte die Polizei im Jahr 2006 nach Kampuschs Flucht gefunden. "Der Untersuchungsrichter hat mit den Ermittlern die Videos gesichtet und das Material als privat mit keinerlei Relevanz eingestuft", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Thomas Vecsey, damals. Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger sagte über die Videos: "Es gab keine Hinweise auf strafrechtliche Taten von Lebenden" - also keinerlei Anzeichen dafür, dass neben Priklopil weitere Täter beteiligt gewesen sein könnten. Deshalb waren die Aufnahmen an Kampusch übergeben worden. Die Staatsanwaltschaft hat keine Kopien angefertigt.

Der Buchautor Reichard hatte dieses Videomaterial nicht für seinen Text von Kampusch bekommen, jedoch offenbar noch während der Ermittlungen selbst gesehen. Laut "SZ" behauptet er jedoch, sie habe gewusst, dass er in seinem Buch deren Inhalte nacherzählt. Mit Kampusch sei er "freundschaftlich verbunden", Dutzende Male habe er sie getroffen, sowohl sie selbst als auch ihr Medienberater hätten von dem Buch gewusst und seien auch in dessen Entstehung eingebunden gewesen: "Natürlich wusste sie das", zitiert ihn die SZ.

"Dieses Werk stellt ihre Ehre wieder her"

Kampusch selbst hat sich bislang nicht zu dem Buch geäußert; sie meidet die Öffentlichkeit weitgehend. Doch ihr Anwalt Ganzger glaubt Reichard nicht. Er behauptet: Kampusch habe dem Buch nie zugestimmt. Wer den Teil des Buches mit den verschrifteten Videos lese, so der Anwalt, dem müsse klar sein, dass Kampusch nie gewollt haben könne, dass solch demütigende Szenen in die Öffentlichkeit gelangen.

Reichard dagegen will schriftliche Beweise, Aufzeichnungen und Fotos haben, mit denen er im Falle eines Gerichtsverfahrens ein Einverständnis nachweisen will. Seine gute Absicht hat er betont und der ehemalige "Spiegel"-Autor Stefan Aust gibt ihm im Vorwort des Buches Recht: Gerade die wiedergegebenen Inhalte der Videos bewiesen, dass all die Verschwörungstheorien "über Komplizen und Pornos nichts als perverse Fantasien" seien. Mit Reichards Buch werde Kampuschs Ehre wiederhergestellt.

Ralf Zitzmann Unbreakable


jen