Natascha Kampusch "Priklopil tut mir mehr und mehr leid"


Vor einem Jahr gelang Natascha Kampusch die Flucht aus ihrer Gefangenschaft. In einem Interview mit dem ORF sagt sie nun, wie sich ihr Leben verändert hat, warum sie ungern in der Öffentlichkeit steht, und wie sie ihren Entführer Wolfgang Priklopil im Nachhinein sieht.

Ein Jahr nach der Flucht aus dem Verlies ihres Entführers hat Natascha Kampusch versöhnliche Worte für ihren Peiniger gefunden. "Was ich nur sagen kann, ist, dass er mir nach und nach immer mehr leid tut", sagte Kampusch in einem Interview des Österreichischen Rundfunks (ORF). "Warum soll ich negativ oder böse sein? Man soll nicht Böses mit Bösem vergelten", sagte die 19-Jährige.

Der Sender begleitete Kampusch und ihre Schwester Sabina Sirny auf ihrer ersten Flugreise nach Barcelona. In einem roten Sommerkleid wirkte Kampusch bei der Stadtbesichtigung heiter und entspannt. Sie fühle sich nicht als Opfer, auch wenn sie so gesehen werde. "Zum Opfer machen einen nicht die anderen, sondern immer nur der Täter und man selbst", sagte sie.

Kampusch war im März 1998 als Zehnjährige auf dem Schulweg verschleppt worden. Bis 23. August 2006 hatte sie ihr Entführer Wolfgang Priklopil in einem Versteck unter seiner Garage gefangen gehalten. Priklopil beging Selbstmord, nachdem Kampusch geflohen war.

Sie habe einmal zynisch gemeint, sie werde auf seinem Grab tanzen, erzählte Kampusch. "Das war natürlich nicht der Fall, aber es war schon auch eine gewisse Genugtuung dabei, so eine Art Sieg, so im Sinne von: es war immer klar, es konnte nur einen von uns beiden geben, und ich war das letztendlich und er nicht". Sie habe sich an seinem Sarg von Priklopil verabschiedet.

Über die acht Jahre ihrer Gefangenschaft in einem winzigen fensterlosen Raum sprach Kampusch nicht. Es gebe keine Worte und keine Definitionen für Qual oder Leid, sagte sie.

Kampusch holt ihre versäumte Schulbildung mit Privatlehrern nach und besucht in Wien die Fahrschule. Vor einigen Wochen war sie beim Tanzen in einer Wiener Diskothek mit einem jungen Mann abgelichtet worden. Zeitungen, die das Bild veröffentlichten, schrieben, das sei ihr erster Freund. Kampusch selbst sprach von einer Zeitungsente. "Das ist eben das Witzige daran, weil die wissen das ja nicht und behaupten das einfach so", sagte sie. Sie wolle nicht wie das Partygirl Paris Hilton in der Öffentlichkeit stehen und sie wolle auch kein Superstar sein. "Ich möchte, dass ich und mein Fall ernst genommen werden, dass die Ereignisse nicht unter den Teppich gekehrt werden", sagte Kampusch.

Gesundheitlich gehe es ihr besser. Sie sei bei lauten Geräuschen aber immer noch recht schreckhaft und habe mit Kreislaufproblemen zu kämpfen, sagte Kampusch. Sie habe während der Gefangenschaft sehr an Hunger und Einsamkeit gelitten, hatte Kampusch nach ihrer Flucht erzählt.

Natascha lebt allein in Wien

Die junge Frau lebt allein in einer Wohnung in Wien. Sie sei nicht immer so stark wie sie erscheine, gab Kampusch zu. Sie würde jedoch nicht in der Öffentlichkeit zusammenbrechen oder weinen. "Das regle ich für mich privat", sagte sie.

Der ORF zeigt das Interview mit Kampusch am Montagabend. Zitate daraus wurden am Nachmittag vom ORF vorab veröffentlicht.

DPA DPA

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