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Naturreligionen: Die Geisterwelt der Kuna-Indianer

Noch immer gibt es Volksgruppen, die alle Natur als beseelt begreifen. So die Kuna-Indianer in Panama: vertraut mit Telefon und Bootsmotoren - und mit guten und bösen Geistern.

Wer zu viel in Mutter Erde herumbuddelt, nimmt ihr alle Festigkeit. Irgendwann stürzt sie zusammen und mit ihr das Universum. Davon ist Domingo überzeugt. So wie er daran glaubt, dass Bäume eine Seele haben und böse Geister sich Kranker bemächtigen. Dann hilft nur ein Gegenzauber mit gerösteten Kakaobohnen und mit "Nuchu"-Figuren aus Balsaholz, die das Geistervolk zum Teufel schicken und die Krankheit auch.

Domingo trägt

keinen Lendenschurz und jagt nicht mit Pfeil und Bogen. Der stämmige Fischer in Polohemd und Khakihosen hat in den USA gelebt, besitzt eine E-Mail-Adresse, und seine Heimatinsel Playón Chico ist per Linienflug von Panama City aus in 45 Minuten zu erreichen. Trotzdem lebt er in einer anderen Welt, der Geisterwelt der Kunas.

Die Kunas sind ein Indianerstamm auf den Koralleninseln des SanBlas-Archipels vor Panama. Bis heute haben sie sich gegen alle christliche Bekehrungsversuche resistent gezeigt. Daher hängen sie - trotz Telefon und Solarstrom - weiter ihrem uralten Glauben an, wonach die Welt aus der Vereinigung von Ipelele, der männlichen Sonne, mit der Großen Mutter, der Natur, entsprang. Ein rundum beseelter Kosmos umgibt die Kunas. Sichtbares und Unsichtbares sind untrennbar verknüpft. In den Naturgewalten verstecken sich genauso übernatürliche Kräfte wie in Tieren, Pflanzen oder Dingen. Der Wind etwa vermag Epilepsie aus den Köpfen zu "blasen". Die skelettierten Schädel der Coat’s, kleiner, scharfzahniger Säugetiere, halten böse Geister fern. Ein Trank aus Ameisen überträgt die Emsigkeit der Insekten auf den Menschen.

Doch zum Kampf

gegen böse Geister sind die Kräfte der Natur nur bereit, wenn sie respektiert werden. Der "Inatuledi", der Medizinmann, muss sich beim Baum dafür entschuldigen, dass er ihm Rinde raubt. Die Kunas sorgen sich so sehr um das Wohlergehen der magischen Mangos, dass sie Stücke in einen mit Blättern ausgepolsterten Korb legen - die Medizin soll es bequem haben. Der Inatuledi entfernt stets zwei Blätter, die sich am Baum genau gegenüber befinden. Das Zusammenbringen dieser zwei "Pole" vollzieht die lebensspendende Urhochzeit zwischen Mutter Natur und Vater Sonne nach.

Die "Nuchus", in unseren Augen geschnitzte Figuren, haben für die Kunas ein übernatürliches Innenleben. Sie kämpfen gegen böse Geister, die als Strafe für eine Sünde die "purba" eines Menschen, die Seele, geraubt und ihn krank gemacht haben. Die Hilfsgötter aktiviert der Duft von Kakaobohnen. Darum fehlt bei keinem Opfer und keiner Krankenbehandlung eine Schale, in der auf glühenden Kohlen Kakaobohnen rösten.

Die Inatuledi sind die Praktiker der Kuna-Religion, ihre Fähigkeiten sind erworben. Den direkten Draht zum Unsichtbaren aber haben die Seher, die "Nele". Zum Nele muss man geboren sein. Auf Ukupseni hält eine 25-Jährige Kontakt zu den Geistern. Eine Pfeife rauchend, schaukelt sie in einer Hängematte, glühende Kakaobohnen und ein Dutzend Nuchus vor sich. Langsam versinkt sie in Trance.

Als sie aufwacht,

flüstert sie einem jungen Ratsuchenden zu, was ihr die guten Geister enthüllt haben. Dritte dürfen nicht mithören. Das würde die Wirksamkeit der Botschaft von drüben schwächen. Auf dem Festland hinter der Insel Ukupseni liegt der Friedhof. Die Kunas halten ihre Toten auf Distanz. Sie teilen die Furcht vieler Naturreligionen, dass Verstorbene als lebende Leichen ihr Unwesen treiben können. Daher werden sie mit festgestampfter Erde bedeckt. Bis zu einem Jahr nach dem Tod kommen weibliche Angehörige samt Kindern jeden Tag ans Grab, über das sich ein Dach aus Palmwedel spannt. Hier kochen sie oder dösen in der Hängematte, ganz wie zu Hause. Unterstützt vom Rauch der Kakaobohnen, löst sich die Seele des Toten von der sterblichen Hülle und bevölkert als freundlicher Geist die unsichtbare Welt. "Wer ein anständiges Leben führte, darf in der Geisterwelt seine Frau wiedersehen", sagt Domingo, "wer böse war, bleibt einsam."

Teja Fiedler / print
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