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Nebentätigkeit im Alter: Jobbende Rentner: Muße oder Muss?

Mehr als eine halbe Million Rentner in Deutschland arbeiten über das Rentenalter hinaus. Die Frage ist: Tun sie es, weil sie es müssen oder weil sie es wollen? Die Verbände geben den hohen Lebenshaltungskosten und der Rentenreform die Schuld. Das Bundesabeitsministerium widerspricht.

Von Anna Miller

Die Zahl der jobbenden Rentner nimmt immer weiter zu. Im vergangenen Jahr sind rund 660.000 Menschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren einer Arbeit als Mini- oder Midijobber für maximal 400 bis 800 Euro im Monat nachgegangen. Die Sprecherin des Arbeitsministeriums bestätigte am Montag einen entsprechenden Bericht der "Saarbrücker Zeitung". Im Jahr 2000 lag die Zahl noch bei 416.000. Das entspricht einer Steigerung um 58,6 Prozent in zwölf Jahren. Doch warum ist das so? Arbeiten die Senioren, weil sie das Geld zum Leben brauchen oder weil sie es gerne tun?

Die Zahl der Rentner habe schlicht zugenommen, und zwar um etwa 3 Millionen, argumentiert das Bundesarbeitsministerium. Und wo es mehr Ältere gebe, da gebe es rein statistisch auch mehr ältere Arbeitende. Viele wollten eben auch mit 65 nicht einfach aufs Altenteil. Keinesfalls lasse sich aus der Entwicklung "mehr Bedürftigkeit im Alter" herauslesen.

Diese Argumente lassen die Verbände nicht durchgehen. "Die Lebenshaltungskosten sind in den letzten Jahren massiv gestiegen", sagt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VDK, gegenüber stern.de. "Die Kosten für Gesundheit, Energie und Heizung sowie öffentlichen Verkehr zwingen alte Menschen dazu, Nebenjobs anzunehmen."

Außerdem bräuchten alte Menschen häufiger Medikamente und ärztliche Betreuung. "Sie wohnen auch oft in schlecht isolierten, alten Häusern und haben veraltete Elektrik. Da steigen die Energiekosten. Und das Fahrrad statt den Bus zu nehmen, liegt auch nicht mehr bei jedem drin."

Oft sei da der einzige Ausweg, zum Amt zu gehen. Und auf 400-Euro-Basis zu jobben - bis ins hohe Alter. Der Gang zum Arbeitsamt sei für viele nicht leicht, meint Mascher. "Besonders für alte Frauen ist es sehr beschämend. Sie müssen sich eingestehen, dass sie es alleine nicht mehr schaffen."

"Die Politik interessiert sich zu wenig für die alten Leute"

Der Linken-Abgeordnete Matthias Birkwald, der zu diesem Thema eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt hatte, sagte der "Saarbrücker Zeitung": "Ruhestand war gestern. Malochen bis zum Tode heißt heute das Schicksal von immer mehr Rentnerinnen und Rentnern." Gering bezahlte Arbeit führe direkt in die Altersarmut.

Birkwald forderte, alle Rentenkürzungsfaktoren abzuschaffen, die Rente mit 67 zurückzunehmen und wieder Mindestentgeltpunkte für Langzeitarbeitslose und Niedrigverdiener einzuführen.

Auch der Bundesverband Volkssolidarität klagt die Politik an. "Die Interessen der alten Menschen spielen bei politischen Entscheidungen schlicht keine große Rolle", mahnt ihr Sprecher Tilo Gräser. Die sinkenden Löhne auch bei Jungen führten nur dazu, dass die neue Generation im Alter auch weniger hätte. Ein Teufelskreis. "Die Rente verliert an Wert. Wenn da gleichzeitig die Lebensmittelpreise und die Mieten stetig steigen, wird es für die Senioren immer enger."

"Viele versuchen es dann als Zeitungsträger oder füllen im Supermarkt Regale auf", sagt Mascher. Diejenigen, die im Alter weiterarbeiten würden, weil es sie erfüllt, gebe es zwar auch. Aber: "Das sind ohnehin meist die besser gestellten."

mit DPA
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