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Neue Mohammed-Karikaturen: Verteidigt die Religion, aber auch die Vernunft!

Eine offene Gesellschaft bedeutet nicht, dass jeder religiöse oder weltliche Gedanke unwidersprochen stehenbleiben darf. Das ist keine Toleranz, sondern geistiges Phlegma. Ein Kommentar

von Frank Ochmann

Es geht also weiter. Nach dem Schmähvideo gegen den Islam, den darauf folgenden Protesten und teils gewalttätigen Ausschreitungen mit Toten und Verletzten, läutet die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" mit neuen Mohammed-Karikaturen die nächste Runde in diesem Konflikt ein. Hierzulande ist alles noch ruhig, und alle Beteiligten versuchen, mit Augenmaß und möglichst kühlem Kopf eine Eskalation zu verhindern. Wie lange das gelingt, wird sich zeigen. Denn auch bei uns legen Provokateure nach, indem sie zum Beispiel ankündigen, den aus den USA stammenden anti-islamischen Film öffentlich vorführen zu wollen. Die Reaktion von islamischer Seite ließ nicht lange auf sich warten: Straßenschlachten, so heißt es, könnten die Folge sein.

Innerhalb kurzer Zeit erleben wir zum zweiten Mal in diesem Land, dass bestimmte religiöse Ansichten mit Anschauungen kollidieren, die in einer weltlichen, in der Aufklärung wurzelnden Gesellschaft selbstverständlich sein sollten. In diesen Tagen ist das die Überzeugung, dass Meinungsverschiedenheiten zwar gern mit aller Leidenschaft, aber ohne jegliche Gewalt oder Bedrohung ausgetragen werden müssen. Denn das Gewaltmonopol des Staates ist nicht verhandelbar. Bei Religionsstreitigkeiten so wenig wie in Fußballstadien.

Eine solche Haltung zeugt von Feigheit

Wenige Wochen zuvor war es die rituelle Beschneidung, die durch ein Urteil des Kölner Landgerichts plötzlich in der ganzen Republik heftig diskutiert wurde. In diesem Fall vor allem unter dem öffentlichen Druck der Vertreter jüdischen Glaubens forderte der Bundestag, die rituelle Beschneidung in Deutschland möglichst bald gesetzlich zu erlauben. Die meisten Ärzte und nicht wenige Juristen sind von der Angemessenheit einer solchen Regelung keinesfalls überzeugt. Von Schmerz und psychischem Trauma reden die einen, von einem Sonderrecht, das gegen das Grundgesetz verstoßen würde, die anderen. Trotzdem machte sich auch die Kanzlerin für die möglichst schnelle Legalisierung stark. Wie aus dem CDU-Bundesvorstand zu hören war, befürchtet Angela Merkel, Deutschland könne sich anderenfalls zu einer "Komikernation" entwickeln. Bei einer Frau mit einem naturwissenschaftlichen Doktortitel ist es mindestens erstaunlich, dass sie den Widerstand gegen bestimmte religiöse Auffassungen – und die damit verbundene Frage, wie weit ein Grundrecht ein anderes einschränken kann – für einen schlechten Witz zu halten scheint.

Religion sei keine Privatsache, sondern müsse öffentlich sein. Diese Haltung, wie sie bei uns Vertreter unterschiedlicher Glaubensrichtungen bekunden, ist verständlich. Denn religiöse Überzeugungen beschränken sich üblicherweise nicht auf private Sentimentalität. Sie haben Folgen, die sich im Leben – auch im Leben der Anderen – zeigen. Judentum, Christentum oder Islam versuchen dabei auch Staat zu machen. Und diese Freiheit dürfen sie sich selbstverständlich nehmen – solange andere, gleichwertige oder gar höherrangige Freiheiten wie die körperliche Unversehrtheit oder die Pressefreiheit dabei nicht eingeschränkt werden. Dass sie nicht einfach nur Privatsache ist, gilt nämlich ohne jede Einschränkung auch für die "weltliche" Vernunft.

Nicht alles unwidersprochen lassen

Was menschliches Denken durch Fragen, Zweifeln und logisches Schließen an Einsichten gewonnen hat und weiter gewinnen wird, darf gleichfalls nicht nur im stillen Kämmerlein von Bedeutung sein, wollen wir nicht aufgeben, was zum gewachsenen und auch in der Geschichte erkämpften Wesen unserer Gesellschaft gehört. Die zeichnet sich keinesfalls dadurch aus, dass sie alle möglichen Meinungen unwidersprochen und urteilslos nebeneinander gelten lässt. Eine solche Haltung zeugt nicht von Toleranz, sondern von geistigem Phlegma, womöglich von Feigheit. Darum muss bei uns auch die säkulare Vernunft öffentlich sichtbar, öffentlich vertreten und gegebenenfalls öffentlich verteidigt werden.