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Wortschatz Von Spuckschutzscheibe bis "Bleiben Sie gesund" – wie Corona unsere Sprache prägt

Ein rotes Spielpferd auf einer Spirale und eine grüne Rutsche im Hintergrund sind mit Absperrband umwickelt
Dass Spielplätze wegen des Coronavirus gesperrt sind, begreifen inzwischen selbst Dreijährige
© Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild / DPA
Am Esstisch fallen gerade ganz andere Begriffe als vor der Coronakrise. Und selbst Dreijährigen ist klar, warum der Spielplatz gerade gesperrt ist. Es ist nicht die erste Krise, die unsere Sprache beeinflusst.

Wenn ich mit meinem Sohn dieser Tage an seinem Lieblingsspielplatz vorbeigehe und er sieht das mit weißrotem Flatterband abgesperrte Tor und die dahinter verwaiste Sandkiste, dann sagt er enttäuscht: "Oh, Coronavirus." Dass ein Dreijähriger ein solches Wort benutzt und anstandslos als Begründung hinnimmt, dass Rutsche, Schaukel und Wippe tabu sind, beweist, was eine Krise mit unserer Sprache macht. Es passierte auch schon, dass ein Spaziergänger (in vorgeschriebenem Hygieneabstand muss man ja dazusagen) hinter uns nieste und mein Sohn ihm statt "Gesundheit" beherzt zurief: "Corona!" 

Die Intensität einer Krise lässt sich an der Veränderung unseres Wortschatzes messen. Man sagt 9/11 – Nine Eleven – und jeder weiß, dass der Tag gemeint ist, an dem zwei Flugzeuge ins World Trade Center krachten. Die darauffolgenden unnötigen Kriege beförderten den "Kollateralschaden" in unseren Alltagssprachgebrauch. In einer österreichischen Tageszeitung las ich gerade die Schlagzeile: "Wirtschaftscrash als Kollateralschaden der Virusbekämpfung."

Sprache ist ein eigentümliches Ding

Donald Trump (ich finde es legitim, ihn als Krise zu betrachten) brachte uns die "Fake News", die "alternativen Fakten" und sorgte dafür, dass einem bei "Mauer" Mexiko vor DDR einfällt. Seit dem einst drohenden Grexit verbinden wir mit einem "Rettungsschirm" weder Regen noch den Sprung aus einem Flugzeug, sondern Maßnahmen, um Banken vor dem Bankrott zu retten. Der Brexit war die logische Folge aus dem Grexit und gipfelte in den Megxit, als sich Prinz Harry und Meghan weigerten, ihre royalen Pflichten fortzuführen. 

Sprache ist ein eigentümliches Ding, sie wächst endlos wie Triebe aus einer Kartoffel und ist formbar wie Knete. Sie hilft uns, komplizierte Dinge in einem Wort auszudrücken und macht Emotionen griffig formulierbar: die Flugscham zum Beispiel. Und oft sollen sich schlimme Dinge einfach nicht mehr so schlimm anhören (Kollateralschaden, s.o.).

Coronakrise verändert Sprache radikal

Die erste Krise, die ich bewusst miterlebt habe, war die Ölkrise von 1973. Das "Sonntagsfahrverbot" werde ich auf ewig damit verbinden. Aber noch nie hatte ich das Gefühl, dass ein Ereignis unsere Sprache so radikal verändert wie die Coronakrise. Auf dem YouTube-Kanal einer Influencerin, die sich vor wenigen Wochen noch mit Themen wie "Sport und Periode" oder "nachhaltig shoppen" beschäftigte, diskutieren Teenager jetzt über Tröpfcheninfektion, Aerosol, Partikeldurchmesser. Die Unterschiede zwischen FFP3 und FFP2-Masken werden erörtert wie die Nuancen von Lidschatten.  

Meine persönliche Lieblingswortschöpfung seit Corona ist die Spuckschutzscheibe. Sie hat sicher schon vorher existiert, aber nicht bei mir. Jetzt rede ich darüber mit meiner Frau beim Abendessen; es fallen Begriffe wie Risikogruppen, Premiumkontakte, Mortalitätsrate, Fallzahlen, Klorollenhamsterer, Geisterspiele, Ausgehverbot, Social Distancing, und wir fragen uns, wer von unseren Bekannten systemrelevant ist. Allein, wie schwer sich diese Worte lesen und wie viele von meinem Rechtschreibprogramm rot unterkringelt sind, zeigt, welch untergeordnete Rolle sie in unserem Leben bislang spielten. Ich könnte auch schwören, dass es zuvor Jahre gab, in denen ich nie von Quarantäne gesprochen habe. Den Rachenabstrich kannte ich nur vom DNA-Test beim sonntäglichen Tatort. Und ganz sicher hatte Klinkenputzen für mich eine völlig andere Bedeutung.

Wird "Bleiben Sie gesund" bleiben?

Spannend wird, welche Worte sich so in unseren Wortschatz einbrennen, dass sie auch nach Corona fester Bestandteil bleiben. Sehr berührt hat mich, als unser DHL-Bote schon vor Wochen bei uns klingelte, das Paket in anderthalb Metern Abstand auf den Treppenabsatz legte und mir zum Abschied zurief: "Bleiben Sie gesund, Herr Albes." Bleiben Sie gesund – das gefällt mir. Inzwischen enden so zwei Drittel aller E-Mails, die ich bekomme. Manche Absender machen sich nicht mal mehr die Mühe, es auszuschreiben. So wie MfG gab es auch schon BSg und Bg, je nachdem, ob man beim Du oder Sie ist. In diesem Sinne, liebe Leser: Passen Sie auf sich auf. PSasa.


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