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Neues Bildungsgutachten: Pflichtkindergarten für Zweijährige

Kinder sollen schon mit zwei Jahren in die Kita kommen und bereits im Kindergarten Englisch lernen - das empfiehlt eine neue Studie des "Aktionsrat Bildung". Im Interview mit stern.de erklärt Dieter Lenzen von der FU Berlin, warum die Früherziehung in Deutschland zu spät beginnt.

Welche Fähigkeiten brauchen unsere Kinder, um sich in der globalisierten Welt durchzusetzen?

Sie müssen vor allem lernen, wie man mit Unsicherheit umgeht.

Was meinen Sie damit?

Ich bin sechzig, meine Generation hatte noch die Gewissheit, dass sie den Rest des Lebens in ihrem erlernten Beruf verbringen wird. Das wird bei den künftigen Generationen garantiert nicht mehr so sein. Sie müssen Unsicherheiten aushalten, flexibel sein, sprachgewandt, tolerant im Umgang mit anderen...

... und bereit, überall auf der Welt zu arbeiten. Also die eierlegende Wollmilchsau?

Nein. Gemeint ist Flexicurity, Sicherheit durch Flexibilität.

So viel Anpassungsbereitschaft können vielleicht noch bildungsbewusste Familien ihren Kindern vermitteln, aber wie steht es mit den übrigen?

Natürlich fällt es der Mittelschicht leichter, ihre Kinder auf solche Anforderungen vorzubereiten, aber es hilft nicht, zu jammern, die Forderungen sind einfach da. Globalisierung ist ja nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance. Es ist die Pflicht unseres Bildungssystems, gerade auch Kinder aus bildungsfernen Schichten fit zu machen.

Fordern Sie deshalb eine Kindergartenpflicht mit zwei Jahren einzuführen?

Ja, für Kinder mit schweren Sprachdefiziten, denn Sprechen lernen ist der Schlüssel für alle anderen Fähigkeiten. Die Zeit zwischen zweieinhalb und fünf Jahren ist entscheidend. Wenn ein Kind, das zu Hause wenig Ansprache hat, erst mit fünf in den Kindergarten kommt, kann es das kaum mehr nachholen.

Was, wenn Eltern ihr Kind nicht so früh in den Kindergarten geben wollen?

Es gibt ja auch eine Schulpflicht und Möglichkeiten, diese durchzusetzen, wenn Eltern sich verweigern.

Sollten die Kinder etwa mit der Polizei in die Kita geschafft werden?

Polizei oder Jugendamt, das kann nur die absolute Ausnahme sein, denn Zwang bringt wenig. Besser sind Anreize - dafür ist England ein gutes Beispiel. Dort gibt es ortsnahe Familienzentren, die Eltern und Kinder auch in anderen Fragen unterstützen, beispielsweise bei Behördengängen. Wenn eine Familie spürt, das tut uns gut, dann wird sie sich dem nicht entgegen stellen. Es sind doch nicht alle verbohrt.

Welches zweijährige Kind müsste, welches sollte in den Kindergarten?

Das müsste eine Eingangsuntersuchung entscheiden.

Sie empfehlen auch, dass Kinder schon im Kindergarten Englisch lernen sollen.

Oder eine andere Fremdsprache. Natürlich nicht im Frontalunterricht, sondern spielerisch. Ich habe Zweijährige beim Zähneputzen beobachtet, die dazu ein italienisches Lied sangen, "lavare denti", und ganz nebenbei die Worte für Hände waschen, "lavare mani" lernten.

Wo droht Überforderung?

Es macht keinen Sinn, einem türkischen Kind, das erst richtig deutsch lernen muss, auch noch Englisch aufzubürden. Auch muss man nicht unbedingt schon mit zwei Jahren anfangen, je nach Entwicklungsstand aber mit vier, fünf Jahren. Wichtig sind gut ausgebildete fremdsprachige Erzieher.

Was würde das alles kosten? Kindergartenpflicht für Zweijährige? Zwei- sprachige Erzieherinnen?

Größenordnung zweieinhalb Milliarden pro Jahr...

Hoppla, da haut es aber unsere 16 Finanzminister vom Stuhl!

Klar, mit dem jetzigen Verteilungsmodell der Steuern lässt sich das nicht machen. Aber hat mal einer durchgerechnet, was uns gescheiterte Jugendliche kosten? Allein die 25 Prozent der Azubis, die ihre Lehre abbrechen und in der Arbeitslosigkeit landen?

Sollten Vierjährige Lesen und Schreiben lernen?

Ja, warum nicht? Es muss nur ihre Neugier geweckt werden, es reicht, wenn Bücher herumliegen und viel vorgelesen wird.

Wie wichtig finden Sie das Spielen?

Lernen ist im Spielen unvermeidlich, das heißt aber nicht, dass das Spielen alles Lernen ersetzt. Gerade bei lernschwachen Kindern braucht es auch Anregung von außen.

Welchen Rat können Sie Eltern geben - mehr oder weniger Druck auf die Kinder?

Druck ist das falsche Instrument. Eltern können ihren Kindern vermitteln, dass es schön ist, etwas zu lernen und dass es durchaus möglich ist, sich in einer Welt zurecht zu finden, die sehr unsicher geworden ist. Am besten kann man diese Strategie bei kleinen Kindern studieren. Die sagen, heute kann ich meinen Schuh zubinden, das konnte ich gestern noch nicht. Sie haben das, was wir Erwachsenen oft verloren haben: Sie stellen sich jeden Tag auf etwas Neues ein.

Interview: Ingrid Eißele

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