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Erinnerung an NS-Opfer: Neusser Hausbesitzer will Stolpersteine entfernen

Nach langem Hin und Her wurden vor einem Privathaus in Neuss Stolpersteine für NS-Opfer verlegt. Beim Besitzer wird nun Protest laut – aus unglaubwürdigem Grund, findet die Stadt.

Künstler Gunter Demnig hält einen Stolperstein in die Kamera

Künstler Gunter Demnig hat in mittlerweile 1200 Städten und Gemeinden in ganz Europa seine Stolpersteine für die Opfer des Holocausts verlegt

Überall in Deutschland erinnern kleine, in den Boden eingelassene Steine an die Opfer des Nationalsozialismus. Ihr voller Name, Geburtstag und, sofern bekannt, die Daten ihrer Deportation und ihres Todes sind eingraviert in eine quadratische Messingplatte, die an einem Betonblock in den Boden eingelassen ist. Die Steine werden vor der Tür verlegt, hinter der das jeweilige Opfer gelebt oder gearbeitet hat. Jetzt aber stolpert ein Hausbesitzer sinnbildlich über die Mahnmale vor seinem Eingang. Der Neusser verlangt laut "Rheinischer Post" von der Stadt, die Stolpersteine umzusetzen. Die Bewohner würden beim Verlassen des Hauses ständig mit Schaulustigen kollidieren.

 Die mahnenden Steine seien laut Bericht an bisher 25 Stellen in Neuss eingelassen worden. Obwohl sie auf öffentlichen Gehwegen und Straßen verlegt werden, müsse die Stadt nach dem Einverständnis der Besitzer der angrenzenden Häuser fragen. So sei es auch bei der aktuellen Beschwerde geschehen. "Ich habe keine Entscheidung getroffen", hieße es darin. Nach Angaben des Stadtarchivleiters Dr. Jens Metzdorf sei jedoch ein Jahr lang Briefe gewechselt und Telefonate geführt worden. "Wir mussten etwas unternehmen." Und so habe man dem Unnachgiebigen einen letzten Brief mit einer Widerspruchsfrist von drei Wochen geschickt. Keine Reaktion. Die Stolpersteine seien schließlich verlegt worden – und der Protest plötzlich laut. Der Hauseingang sei früher woanders gewesen, soll eine weitere Begründung des Eigentümers gelautet haben. Außerdem habe er mit dem Rückzug seiner Genehmigung einer Gedenktafel vor dem Haus gedroht, sollte seiner Forderung nicht nachgekommen werden.

Keine Gefahr durch Stolpersteine

Der Neusser Beschwerdeausschuss, an den sich der Eigentümer mit seinem Anliegen jetzt gewandt habe, habe die Forderung entschieden abgelehnt. Er könne die Begründungen nicht nachvollziehen. "In Deutschland und Europa wurden in den vergangenen 20 Jahren bereits über 50.000 solcher Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Bislang wurde kein Fall einer Verkehrsgefährdung, Beeinträchtigung der Fußgängerströme oder gar folgenreichen Kollision mit vor den Stolpersteinen hockenden Personen bekannt", erklärt die Stadt der Zeitung. Laut Metzdorf ginge aus der damaligen Bauakte außerdem deutlich hervor, "dass das Haus und der Eingang genau dort lagen." Zudem habe es noch nie eine Umsetzung der Steine gegeben.

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Seit 2005 verlegt er sie, um an die Gräueltaten des Holocausts zu erinnern. Auf die Einlassung der besagten Steine hätten er, seine Sponsoren und die Stadt über ein Jahr gewartet. Cornel Hüsch, Mitglied des Ausschusses von der CDU, kommentierte die Entscheidung gegenüber der "Rheinischen Post" so: "Wir tragen keine Schuld. Aber wir können Schuld auf uns laden, indem wir vergessen und verdrängen." Für eine Stellungnahme sei der Eigentümer nicht erreichbar gewesen.


Andra Wöllert