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New York Frau nach rassistischem Notruf entlassen – jetzt verklagt sie den Arbeitgeber wegen Diskriminierung

Eine junge Frau telefoniert im Central Park und hält einen sitzenden Hund am Halsband
Die Frau wählte im Mai 2020 den Notruf aus dem Central Park heraus und sagte, sie werde von einem Afro-Amerikaner bedroht. Das Video, das der Mann filmte, ging viral.
© Christian Cooper/ / Picture Alliance
Der Fall wurde zum weltweiten Symbol für Alltagsrassismus: Eine weiße Frau wählt den Notruf, weil sie sich von einem schwarzen Mann bedroht fühlt. Gegen den Rauswurf durch ihren damaligen Arbeitgeber klagt sie jetzt.

Der 25. Mai 2020 ist ein Meilenstein in der Rassismus-Debatte in den USA: Es ist das Sterbedatum von George Floyd, der bei einer brutalen Festnahme in Minneapolis von einem weißen Polizisten getötet wurde. Und es ist der Tag, an dem ein Zusammentreffen zweier Spaziergänger im New Yorker Central Park eskalierte. Beides wurde per Video gefilmt und millionenfach im Netz angeschaut und geteilt.

Bei dem Fall im Central Park war keine Gewalt im Spiel, dennoch bewegte er weltweit Millionen Menschen, auch in Deutschland. Er gilt bis heute als Symbol für Alltagsrassismus, auf Wikipedia hat die Begebenheit einen eigenen Eintrag als der "Central Park Birdwatching Incident": Eine weiße junge Frau setzt einen rassistischen Notruf ab, sie fühlt sich von einem Schwarzen bedroht. Es folgt eine weltweite Rassismus-Debatte in den sozialen Medien. Weil die Frau damals auch sofort ihren Job verlor, verklagt sie jetzt ihren Arbeitgeber.

Virales Video: Rassismus-Vorfall in New York sorgt für Empörung

Ein scheinbar ganz normaler Morgen in New York

Der Fall begann an jenem Montagmorgen zunächst recht harmlos: Ein Vogelbeobachter und eine Hundebesitzerin geraten in Streit, er ist schwarz, sie weiß. Er bittet sie, ihren Hund anzuleinen. Denn es ist verboten, Hunde in diesem Teil des Parks unangeleint zu lassen. Sie ist offenbar aber nicht bereit dazu. Dann – das soll er selbst zu dem Vorfall gesagt haben – lockt er ihren Hund mit einem Leckerli in seine Richtung. "Wenn Sie machen, was Sie wollen, tue ich auch, was ich will", so seine überlieferten Worte. Sie wird wütend und bekommt sichtlich Angst, was in einem Video von dem Vorfall deutlich zu erkennen ist.

Denn inzwischen hält der Naturfreund seine Handykamera auf die Frau und filmt sie, während sie ihn auffordert, damit aufzuhören und ihren Hund am Halsband festhält, das Tier aber kaum unter Kontrolle bekommt. Sie droht, die Polizei zu rufen "weil ein afro-amerikanischer Mann mein Leben bedroht".

Den Notruf wählt sie tatsächlich. Zwar sagt sie am Telefon nicht, sie sei in Lebensgefahr, wiederholt aber, dass ein Afro-Amerikaner sie und ihren Hund bedrohe. Der Mann filmt ungerührt weiter, konstant aus mehreren Metern Entfernung. Die Frau wirkt panisch. Am Ende des Videos sagt er: "Danke Ihnen". Wofür er sich bedankt, ist unklar. Aber er teilt das Video auf seiner Facebook-Seite, seine Schwester postet es auf Twitter. Binnen kurzer Zeit kennen abertausende Menschen weltweit das Gesicht der Frau.

Symbol für den Rassismus im Alltag

Es entbrennt eine Rassismus-Debatte, denn die Frau betont in der Videosequenz immer wieder, ein Afro-Amerikaner bedrohe sie im Central Park. Über Nacht ist sie die Verkörperung des Alltagsrassismus in den USA geworden. Es ist das große Thema in den sozialen Medien.

Schon am nächsten Tag wird sie von ihrem Arbeitgeber, der Investmentgesellschaft Franklin Templeton, freigestellt, eine Weile danach gefeuert. Franklin Templeton twittert bereits am Tag nach dem Vorfall, man trenne sich von der Mitarbeiterin. Das Unternehmen dulde keinen Rassismus.

Später wird gegen die Frau bei der New Yorker Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Nach dortigem Recht sind falsche Anschuldigungen gegen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ethnischen Zugehörigkeit ein Hassverbrechen und können mit Gefängnis bestraft werden. Das Verfahren wird schließlich in diesem Februar eingestellt, weil die Frau inzwischen an einem Anti-Rassismus-Training teilgenommen hat.

Doch vorbei ist die Sache nicht – in der Klage, die die Frau jetzt in Manhattan gegen ihren damaligen Arbeitgeber eingereicht hat, erhebt sie schwere Vorwürfe: Man habe sie aus rassistischen und frauenfeindlichen Motiven entlassen. Sie sei gefeuert worden, ohne dass ihr Arbeitgeber, bei dem sie immerhin schon fünf Jahre beschäftigt gewesen war, den Fall genau untersucht hätte. Und man sei der Sache nicht auf den Grund gegangen, weil man sie als weiße Frau vorverurteilt habe.

Frau sieht sich öffentlich vorverurteilt und bestreitet Rassismus

Zudem bestreitet sie, den Notruf aus einer rassistischen Motivation heraus gewählt zu haben. Sie habe Todesangst gehabt, alleingelassen und bedroht. Ihre Anwältin wurde mit den Worten zitiert, ihre Mandantin sei öffentlich extrem angegriffen worden und man habe ihr Leben zerstört, ohne ihre Version zu hören. Auch gegen den Mann, der das Video filmte, werden Anschuldigungen erhoben: Er sei ein übereifriger Naturfreund und bekannt dafür, ständig im Streit der Vogelbeobachter gegen Hundebesitzer im Central Park mitzumischen.

Dass die Frau jetzt so in die Offensive geht und damit erneut zumindest nationale Aufmerksamkeit bekommt, war nicht unbedingt zu erwarten. Denn kurz nach dem Vorfall im Central Park hatte sie sich im vergangenen Jahr öffentlich für ihr Verhalten entschuldigt und in einem Social-Media-Post geschrieben, ihr Benehmen sei unangemessen und emotional gewesen. Sie habe das Verhalten des Mannes fehlinterpretiert. Dabei sei sie selbst es gewesen, die einen Fehler gemacht habe – ihren Hund nicht anzuleinen.

Franklin Templeton sieht der Klage zumindest nach offizieller Lesart gelassen entgegen. Die "New York Times" zitierte eine Sprecherin mit den Worten, das Unternehmen stehe zu der Entlassung. "Wir meinen, der Vorfall spricht für sich." Man habe angemessen reagiert und werde sich gegen diese haltlosen Vorwürfe zur Wehr setzen.

Quellen: "New York Times",  "ABC News", CNN


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