Niederlande Eine Nacht im fremden Bett


Imagekampagne einmal ganz anders: Um den schlechten Ruf des Südteils von Rotterdam zu widerlegen, wurden die "Nordler" zum Übernachten eingeladen. stern.de hat die "Matratzenhopper" auf ihrem Abenteuer begleitet.
Von Anorte Linsmayer

Der Süden Rotterdams hat ein Imageproblem. Er gilt als Arbeiterviertel mit billigem Wohnraum für Menschen mit geringem Einkommen. Wer es sich leisten kann, zieht in den Norden der Stadt. Doch auch der Süden hat eine Menge zu bieten, heißt es zumindest dort. Davon sollen sich Nord-Rotterdamer selbst überzeugen, wenn sie mutig genug sind und beim "Matratzenhopping" eine Nacht und einen Tag in fremden Betten verbringen.

Irina rutscht auf der braunen Bank hin und her, blickt erwartungsvoll auf den sich füllenden Platz und nippt an ihrem Wasserglas. Sie lächelt nervös, ihr Freund Remy streicht ihr beruhigend über den Arm. Ein Musikertrio spielt Rotterdamer Volkslieder mit Akkordeon und Kontrabass. Einige Leute wippen und klatschen im Takt, noch leicht verhalten, aber mit breitem Grinsen im Gesicht. Die Ungewissheit über den weiteren Verlauf des Abends verbindet, denn der Tischpartner von gerade könnte bereits der Gastgeber sein, den man kurz darauf nach Hause begleitet und mit dem am nächsten Morgen am Frühstückstisch gegessen wird.

Durch einen Fragebogen zum perfekten Bett

Nur Zahnbürste, Schlafanzug und Kuscheltier sollten Irina und Remy einpacken, sonst gab es bisher keine Informationen. Das junge Paar ist aus dem Norden Rotterdams gekommen, um so den Süden besser kennen zu lernen. "Das ist doch eine echt abenteuerliche Sache, einfach bei Fremden zu schlafen", sagt der 44-Jährige Hausmeister. "Wenn man im Norden wohnt und dort alles hat, dann fährt man nicht einfach so nach Süd. Was soll man da schon groß machen?" So wie Remy sehen die meisten "Nordler" Rotterdam-Süd.

Darum scheint eine Imagekampagne nötig. Elke Scheffers und Linda Malherbe von der organisierenden Eventagentur hatten die Idee zu dieser ungewöhnlichen Stadt-Image-Verbesserungs-Aktion. Die "Nordler" sollen die schönen Ecken von Süd gemeinsam mit den "Südlern" erkunden. "Wir wollen erstmal klein anfangen und haben die Teilnehmerzahl auf fünfzig Personen aus Nord und fünfzig aus Süd begrenzt", sagt Elke Scheffers. "Wir haben auf Grund von Alter, Interessen, Berufen und Präferenzen Gast und Gastgeber eingeteilt und hoffen, dass sie sich gut verstehen. Es ist ja nur für eine Nacht und wenn es nicht passt, können sie auch wieder nach Hause fahren. Sie haben es ja nicht weit."

Die Teilnehmer haben bei der Anmeldung einen Fragebogen ausgefüllt - mit ihren Interessen, Rauch- und Essensgewohnheiten und Schlafpräferenzen, denn vom luxuriösen Gästezimmer bis zur Matratze in Küche oder Wohnzimmer scheint in dieser Nacht alles möglich. Eine Frau mit dunkelblauem Rucksack zwinkert selbstbewusst zu: "Klar ist es aufregend, diese Ungewissheit, aber wir entdecken ja nicht Afrika, sondern nur den anderen Stadtteil."

Investitionsprogramm Rotterdam-Süd

Das "Matratzenhopping" ist lediglich ein kleiner Teil des umfangreichen Investitionsprogramms für Rotterdam-Süd. Der "Pact op Zuid", ein Zusammenschluss dreier südlicher Teilgemeinden und fünf Wohnungsbaugesellschaften, investiert bis 2015 etwa eine Milliarde Euro in die Verbesserung von Wohn- und Lebenssituation in den südlichen Stadtteilen. "Der große Wohntest 2004 hat ergeben, dass die Menschen hier nicht zufrieden sind", sagt Carolien van Eykelen vom "Pact op Zuid". "Die großen Wohnkomplexe sind unattraktiv und auch beim Schul- und Freizeitangebot mangelt es."

Zumeist wohnen in Rotterdam-Süd Menschen mit geringem Einkommen. Wer sich eine bessere Wohnung leisten kann, zieht weg. Das Investitionsprogramm soll das ändern. Der Süden soll anlocken statt abschrecken. Schritt für Schritt. Ein ganz kleiner wird gerade gemacht. "Wir probieren mit dieser Aktion die Vorurteile gegenüber dem Süden abzubauen", sagt van Eykelen. "Wir hoffen, dass die Leute, die im Süden schlafen und ihn erleben weiter erzählen, wie schön es war und so dann mehr Leute von Nord nach Süd kommen."

Suche nach Suppengemüse

Braune Willkommenstüten, in denen sich die Grundausrüstung fürs Überleben dieser Nacht befindet, helfen bei der Suche nach dem richtigen Gastgeber: ein Kofferanhänger mit der Adresse der Gastgeber, eine Kamera für Schnappschüsse, Notizbücher, ein Stadtplan, ein Wecker, "Ich liebe Rotterdam-Süd" - Aufkleber und drei Restaurantgutscheine befinden sich darin.

Am Kofferanhänger von Remy und Irina prangt ein knallroter Pin mit weißem Suppengemüse. Remy steckt den Pin an seine dunkle Jacke und liest die Adresse auf dem Kofferanhänger: Poortgebouw. "Wahnsinn!" Remy ist begeistert. "Das kennt in Rotterdam jeder. Da wohnt die linke Szene, Punks und so. Alles Hausbesetzer. Super, dass wir da mal rein dürfen." Remy und Irina ist die Vorfreude anzumerken. Sie laufen nicht lange suchend über den Platz, denn der rot-weiße Suppengemüse-Pin fällt auf. "Hi. Wir sind Alex und Nicola vom Poortgebouw. Dann kommt mal mit."

Villa Kunterbunt auf Niederländisch

Das Poortgebouw ist auf allen Seiten von Wasser umgeben. Wie eine Brücke spannt es sich über den Fluss. Seit 27 Jahren wird das ehemalige Hafengebäude bewohnt. Zuerst hatten sich Hausbesetzer dort niedergelassen, jetzt wohnen vor allem Künstler aus der ganzen Welt in dem Gebäude, so wie die junge Deutsche Nicola. "Die Rotterdamer denken immer noch, dass wir Hausbesetzer sind, aber wir zahlen Miete, wie jeder andere auch", sagt sie. "Das Poortgebouw ist ein echtes Monument im Süden. Jeder Rotterdamer fährt hier mit dem Auto lang, aber rein traut sich kaum jemand."

Das Gebäude könnte die niederländische Variante der Villa Kunterbunt sein. 30 Leute wohnen hier auf vier Etagen. Die jüngste Bewohnerin ist 9 Jahre, die Älteste 62. Im Erdgeschoss ist eine Bar und eine kleine Bühne für Konzerte. Der Rundgang durch Remys und Irinas Unterkunft für die Nacht dauert über eine Stunde. "Jeder Raum sieht hier anders aus. Wahnsinn. Hier kann man sich richtig austoben, ohne Auflagen vom Vermieter", staunt Irina, als Nicola gerade die Tür zu einem Zimmer öffnet, indem ein riesiges Loch in der Wand klafft - eine Verbindung zum Zimmer nebenan.

Nicola wohnt seit einem Jahr im Poortgebouw. Sie hat in Amsterdam studiert und ist danach in den Niederlanden geblieben. "Klar wollten wir bei dieser Aktion mitmachen. Viele Leute haben uns gegenüber Vorurteile. Wir freuen uns über Gäste, die sich mal selbst ein Bild machen wollen." Das die Gäste dann gleich über Nacht bleiben, ist auch für Nicola neu. Bei 30 Mitbewohnern ist aber immer ein Zimmer unbenutzt, so dass Remy und Irina den Luxus eines eigenen Zimmers und Bettes genießen können.

Keine Spur von Punks und Hausbesetzern

Beim Frühstück mit Ausblick auf die Maas und die Erasmusbrücke endet das "Matratzenhopping" am nächsten Morgen für Remy und Irina noch nicht. Sie wollen noch mehr vom Süden sehen und haben sich für eine Entdeckungstour mit dem Rapper P-Mode eingeschrieben. Er wird sie an die Plätze führen, an denen sich der Hip Hop in Rotterdam entwickelt hat. Remy macht noch ein letztes Foto. Die Kamera muss er wieder abgeben, denn aus den Fotos und Notizen der Teilnehmer soll im nächsten Jahr ein Buch über Rotterdam-Süd und die Übernachtungsaktion entstehen.

"Das war eine super Sache", sagt Irina freudestrahlend. "Jetzt haben wir auch Freunde in Rotterdam-Süd und das, obwohl wir nur eine Nacht in ihrem Haus verbracht haben." Auch bei Remy haben die letzten 18 Stunden einen bleibenden Eindruck hinterlassen - von Punks, Hausbesetzern und Rotterdam-Süd. "Am Anfang dachte ich noch: was soll ich bei den Hausbesetzern? Aber das ist hier gar nicht so links, wie ich dachte. Keine Punks, keine Hausbesetzer", sagt er. "Es kam mir echt so vor, als wären wir weit weg gewesen, im Urlaub oder so. Dabei waren wir nur auf der anderen Seite der Brücke."


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