Nierenspende-Show Trotz Protest auf Sendung


Heute Abend wird die krebskranke Lisa, 37, im niederländischen Fernsehprogram BNN bekannt geben, wem sie ihre Niere spenden will. Drei Kandidaten haben sich beworben, das Publikum ist per SMS dabei. "Die große Nierenspende-Show" wird ausgestrahlt - trotz weltweiter Kritik.
Von Albert Eikenaar, Amsterdam

Noch immer ist die niederländische TV-Anstalt BNN fest entschlossen, die weltweit umstrittene "Große Nierenspendeshow" auszustrahlen. Es wird dabei immer deutlicher, dass die Programmführung sich in eine schwierige Lage manövriert und mögliche gesundheitsschädliche Nebenwirkungen nicht richtig einkalkuliert oder gar unterschätzt hat. Zum ersten Mal in der BNN-Geschichte - einem öffentlich-rechtlichen Jugendsender, der 1995 gegründet wurde - gibt es nur negative Reaktionen auf eine ihrer oft "überraschenden" Programmideen. Die Show sei unmoralisch, unethisch, widerlich, heißt es.

Nicht nur die Medien reagierten in Berichten und Kommentaren mit Erschütterung, Entsetzen und Empörung. Auch zehntausende einfache Niederländer, die sich längst an provozierendes Fernsehen gewöhnt haben, machten klar, dass BNN diesmal eindeutig zu weit gehe.

Nierenpatienten begrüßen Show

Nur eine Gruppe nahm die ganze Hysterie vergleichsweise ruhig auf: der Verein der Nierenpatienten. Die Organisation begrüßt es, dass die BNN-Show deutlich macht, dass die Gesundheitsbehörden das Problem des Nierenspendermangels nie in den Griff bekommen haben. "Darüber wird 'zig Jahre geredet. Es werden Kampagnen geführt, es wird im Parlament debattiert, Hilferufe von Ärzten abgegeben, doch die Situation ändert sich nicht. Wir sind zum Sterben verdammt", lässt die Organisation verlauten.

Auch BNN selbst rechtfertigt sich mit diesem Aspekt. "Es ist BNN mit einem Schlag gelungen, dieses Problem in allen Herren Ländern auf die Tagesordnung zu bringen. Jeder spricht darüber", erläutert die BNN-Pressestelle. "Wir bekamen Telefonate aus 177 Ländern. Nur Legoland war nicht dabei."

Integrität des Senders angekratzt

Diese Publizität war eines der Ziele des BNN-Chefs Laurens Drillich. Doch die Kritik, die andernorts geäußert wird, kratzt an der Integrität der Sendeanstalt. Die Menschen stören sich vor allem daran, dass die Spendeniere in einer Art Wettbewerb vergeben wird. Aus den veröffentlichten Emails zur Show:

- "Das Thema ist gut, die Ausarbeitung schlecht"
- "Spiel mit der Gesundheit"
- "Psychodrama über den Rücken der Teilnehmer"
- "Wer haftet, wenn's schiefgeht?"
- "Ausbruch der Pubertät"
- "Emotionstv. auf niedrigstem Niveau"
- "Sind Lisa's Nieren in Ordnung?"

Keine OP in den Niederlanden

Die letzte Frage ist schmerzlich, jedoch äußerst relevant, denn es ist fraglich, ob Lisas Organe nicht schon längst von schwebenden Tumorzellen befallen sind. Dann würden sich ihre Niere nicht für eine Transplantation eignen, da auch die kranken Zellen mittransplantiert werden würden. In diesem Fall dürfte der Eingriff gar nicht stattfinden, weder in den Niederlanden noch in einem anderen Land.

So oder anders: Die niederländische Ärzte und Kliniken haben angekündigt, die Operation generell nicht durchzuführen. Sie distanzieren sich von der Show und halten sich penibel an die Reihenfolge der Nieren-Warteliste. Das bedeutet, dass BNN einen seiner Bewerber unerwartet ins - ferne - Ausland schicken muss, vielleicht in ein zweifelhaftes Hospital.

Ob und wie die OP trotzdem stattfinden kann - oder ob BNN einen anderen Weg gefunden hat - wird erst Freitagabend in der Livesendung klar. Bis dahin hat BNN alle Hände voll damit zu tun, sich gegen die Kritik aus dem In- und Ausland zu stemmen. Das Image steht der TV-Station steht auf dem Spiel - und das der Branche generell.

Die Alternative: wegzappen

"Wo bleiben die Autoritäten, die sich verpflichtet fühlen, die Produktion solcher ekelhafter Billigware zu stoppen? TV-Produzenten - auch von anderen Sendern - sollten ihre Verantwortung überdenken, neu definieren", kommentiert die Tageszeitung Trouw. Leider, stellt das Blatt fest, werden solche verantwortungsbewussten Manager immer seltener beim ständigen Rennen um Geld und Quoten. Jeder testet die Grenzen aus. "Bei BNN sind sie längst überschritten", rügt Trouw. Ein Eingreifen der Regierung ist für Trouw (und das ist im Prinzip die Meinung aller Medien) jedoch keine Lösung: "Wir wollen die Tür zu Zensur und Staats-TV nicht öffnen." Trouw setzt stattdessen auf die Vernunft des Publikums. "Hoffentlich zeigt es Courage, verdrängt seine Neugier und wendet sich massenhaft voller Abscheu vo diesem Programm ab."


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