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Nobelpreis: Wilde Spekulationen vor Bekanntgabe

In der nächsten Woche gibt das Nobelpreis-Komitee bekannt, wer in diesem Jahr die Auszeichnung entgegennimmt. Obwohl der Auswahlprozess sehr geheim ist, kocht die Gerüchteküche.

Einige der besten Wissenschaftler, Schriftsteller und Friedensaktivisten werden in der nächsten Woche einen Anruf aus Skandinavien erhalten. Dann gibt das Nobelpreis-Komitee bekannt, wer in diesem Jahr die mit zehn Millionen Kronen (1,07 Millionen Euro) dotierte Auszeichnung entgegennimmt. Wer neben den Preisträgern zu den Favoriten gehörte, wird die Öffentlichkeit allerdings erst 2055 erfahren.

Der Auswahlprozess für den wohl begehrtesten Preis der Welt ist so geheim, dass die Nominierungen ein halbes Jahrhundert lang unter Verschluss bleiben. "Dies ist ein sehr begehrter Preis und das macht es (die Spekulationen) so sensibel", sagte der Sprecher der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften, Jonas Forare.

"Es ist nicht gut, wenn Namen vorher zirkulieren"

Die Akademie wählt die Preisträger aus den Bereichen Chemie, Physik und Wirtschaft aus. "Es ist nicht gut, wenn Namen vorher zirkulieren." Das hindert jedoch nicht Medien, Wettbüros und Beobachter aus der ganzen Welt, sich an den Spekulationen zu beteiligen. Das australische Wettbüro Centrebet sieht den Vermittler und früheren finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari im Rennen um den Friedensnobelpreis vorn. Er wird gefolgt von US-Senator Richard Lugar und dem früheren Senator Sam Nunn, die sich um nukleare Abrüstung auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion bemühen. Auf den Plätzen drei und vier folgen die Rockmusiker und Aktivisten im Kampf gegen die weltweite Armut, Bono und Bob Geldof.

Mark Worwood von Centrebet erklärte, das Wettbüro halte einen Sieg der beiden Musiker nicht für wahrscheinlich. Die Wetter sahen das anders und hoben die Quoten so von 66 zu eins auf sechs zu eins. Bei den Spekulationen muss jedoch beachtet werden, dass die Nominierungen für die Nobelpreise schon acht Monate vor der Preisverleihung eingereicht wurden. Geldof gilt wegen seiner Organisation der Live-8-Konzerte als Favorit. Die Konzerte fanden jedoch erst im Juli statt, womit er ein Kandidat für den Preis im kommenden Jahr 2006 werden könnte.

"Es ist eine Weile her, dass ein Nobelpreis für Lyrik vergeben wurde"

Mit dem Friedensnobelpreis könnte das Komitee in diesem Jahr auch an die Atombombenabwürfe über Hiroschima und Nagasaki vor 60 Jahren erinnern. Favoriten wären dann der japanische Anti-Atomkraft Aktivist Nihon Hidankyo und die International Confederation of Atomic and Hydrogen Bomb Sufferers. Möglicherweise ginge der Preis dann auch an Mohamed ElBaradei, den Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) oder den israelischen Atomspion Mordechai Vanunu.

Für den Literaturpreis gelten in den Wettbüros der syrische Lyriker Adonis und sein koreanischer Kollege Ko Un als Favoriten, genauso wie die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates und der schwedische Poet Tomas Transtromer. "Es ist eine Weile her, dass ein Nobelpreis für Lyrik vergeben wurde", sagte Anna Tillgren vom Verlagshaus Bonniers. Auch die Namen des Amerikaners Philip Roth und des Peruaners Mario Vargas Llosa werden immer wieder genannt, da Beobachter einen Gewinner für wahrscheinlich halten, der nicht aus Europa stammt. In den vergangenen zehn Jahren gewannen den Preis neun Mal europäische Autoren, zuletzt im vergangenen Jahr die Österreicherin Elfriede Jelinek.

Nobel legte fest. Wer über die Vergabe entscheidet

Alfred Nobel hinterließ bei seinem Tod 1896 nur vage Richtlinien für die Preisvergabe. Er erklärte in seinem Testament, die Wissenschaftsauszeichnungen sollten an Forscher gehen, die "die wichtigsten Entdeckung" in ihrem Bereich gemacht haben. Der Preis für Literatur solle "die herausragendste Arbeit" ehren. Mit dem Friedenspreis solle ausgezeichnet werden, wer für die "Bruderschaft zwischen den Ländern, für die Abschaffung oder Reduzierung der Streitkräfte und für den Frieden" gearbeitet habe. Nobel legte auch fest, wer über die Vergabe entscheidet.

Die Königliche Schwedische Akademie vergibt die Preise für Chemie und Physik, das Karolinska-Institut den für Medizin, die Schwedische Akademie den für Literatur und ein fünf Mitglieder umfassendes Komitee ausgewählt vom norwegischen Parlament den für Frieden. Warum Nobel das norwegische Parlament einbezog, ist nicht bekannt. Schweden und Norwegen waren jedoch damals in einer Union zusammengefasst.

Datum für Literaturpreis noch nicht bekannt

Die Institutionen bitten vorangegangene Preisträger und ausgewählte Professoren um Nominierungen. Auch Mitglieder von Regierungen und Parlamenten können Vorschläge einreichen. Für alle Preise mit Ausnahme des für Frieden werden die Gewinner bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben und per Boten den Stockholmer Büros der internationalen Nachrichtenagenturen mitgeteilt. Der Friedenspreis wird in Oslo verkündet.

Der Nobelpreis für Medizin wird am Montag bekannt gegeben, der für Physik am Dienstag. Chemie folgt am Mittwoch, die Bekanntgabe des Friedensnobelpreises ist für Freitag angesetzt, der für Wirtschaft für den 10. Oktober. Der Wirtschaftspreis war von der schwedischen Zentralbank in Erinnerung an Nobel ins Leben gerufen worden. Das Datum für den Literaturpreis wird meist erst zwei Tage vor seiner Vergabe bekannt gegeben. Die Preisträger erhalten dann bei einer Zeremonie in Stockholm am 10. Dezember, dem Todestag Nobels, ihren Scheck, ein Diplom, eine Goldmedaille und einen Händedruck vom schwedischen König Carl XVI. Gustaf.

Karl Ritter/AP