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Unterwegs mit Rettungskräften: Über Helfer, die immer richtig reagieren müssen - auch wenn ihre Arbeit behindert wird

Vom schweren Verkehrsunfall bis zum eingewachsenen Zehennagel: Jährlich mehr als elf Millionen Mal rückt in Deutschland der Rettungswagen aus. Unterwegs mit Helfern, die jederzeit richtig reagieren müssen.

Von Anika Geisler

Notarzt: Notruf 112

Notarzt bei einem "VU". Dies steht für Verkehrsunfall. Rettungsassistentin Melina Delventhal versorgt einen verunglückten Motorradfahrer.

Blutung an den Beinen, Altersheim. Als der Alarm in der Rettungswache schrillt und die knappe Nachricht der Leitstelle auf dem Melder erscheint, klingt das nach Routine. Melina Delventhal und Bastian Wiesner, Rettungsassistenten des Deutschen Roten Kreuzes in Hamburg-Harburg, werfen sich die orangefarbenen Jacken über, eilen die Treppe hinunter in die Garage und springen in "Friedrich", wie sie den Rettungswagen mit der Kennung "31 F" nennen. Blaulicht, Martinshorn.

Melina Delventhal, 23, fährt zügig und sicher. Acht Minuten später hasten die beiden schwer bepackt mit Trage, Notfallrucksack, EKG- und Beatmungsgerät in die Eingangshalle des Seniorenheims. Eine aufgeregte Pflegerin weist ihnen den Weg ins Obergeschoss. Im Zimmer angekommen, wird sofort klar: ein lebensbedrohlicher Notfall. Eine alte Dame liegt auf einer Decke auf dem Boden, über ihr zwei Pflegerinnen. Sie haben versucht, der Frau mit Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung zu helfen. Die Finger der Bewusstlosen sind blau wie Pflaumen, auch ihr Gesicht ist bläulich verfärbt.

Wenn sie nichts mehr tun können, tun sie nichts mehr

Nun scheint alles gleichzeitig zu passieren: Die Rettungsassistenten knien sich auf den Boden, tasten nach dem Puls, prüfen die Atmung, klemmen den Sauerstoffsättigungsmesser an einen Finger. Der Puls ist kaum zu spüren, die Frau atmet schwach. Melina Delventhal zerschneidet den Pullover und klebt "Defi-Patches" auf die Haut, Elektroden, die ein EKG ableiten und mit denen die Retter bei einem Herzstillstand eine Defibrillation durchführen können. Bastian Wiesner saugt mit einem Gerät blutiges Sekret aus dem Rachen der Patientin ab. Zeitgleich eilen Johannes Strobel in Begleitung eines Notfallsanitäters und einer Medizinstudentin herein. Der Arzt übernimmt das Kommando.

Familienfotos an der Wand, Porzellanfiguren auf dem Fenstersims – in dem 16-Quadratmeter-Zimmer drängen sich nun sieben Helfer. Das EKG-Gerät piept, das Herz schlägt, die Frau atmet. Aber was hat sie genau? Eine große Blutung ist nicht zu sehen. Wo ist der letzte Arztbrief? Gibt es eine Patientenverfügung? Ist ein Angehöriger zu erreichen?

Christian Vorwerk und Svenja Nelki bereiten einen Mann, der im Bad zusammengebrochen ist, für den Abtransport in die Klinik vor.

Christian Vorwerk und Svenja Nelki bereiten einen Mann, der im Bad zusammengebrochen ist, für den Abtransport in die Klinik vor.

Der Notarzt kniet am Kopf der Frau, überstreckt ihren Nacken, schiebt einen Tubus zwischen die Lippen, um die Atemwege offen zu halten. Dann klemmt er mit den Fingern die Sauerstoffmaske über Mund und Nase der Patientin und saugt zwischendurch weiter mit dem Schlauch blutiges Sekret aus dem Rachen. Nach und nach wird klar: Die Frau ist 97 Jahre alt und hat vermutlich eine Magenblutung. Sie droht an ihrem Blut zu ersticken.

Es existiert zwar eine Patientenverfügung, aber es ist ein knapp ausgefüllter Vordruck. Notarzt Strobel wirft einen Blick darauf: "Übersetzt steht da sinngemäß drin: Wenn Sie nichts mehr tun können, tun Sie nichts mehr", erklärt er seinen Leuten. Für den Mediziner nicht besonders hilfreich. "Ein Rettungsteam kann natürlich immer noch irgendetwas tun." Die Angehörigen gehen nicht ans Telefon.

Jeden Tag gehen in den Leitstellen bundesweit etwa 35.000 Notrufe ein

Strobel bespricht die Lage mit den Rettungsassistenten: Mit 97 hat ein Mensch sein Leben gelebt, da sind sie sich alle einig. Aber die Helfer können auch nicht einfach zusehen, wie jemand an seinem Blut erstickt. Der Arzt entscheidet: keine Intubation. Stattdessen: Blut absaugen, plus Beatmung mit Sauerstoffmaske und Beatmungsbeutel. Und ab ins Krankenhaus.

Eine halbe Stunde nachdem sie das Zimmer der alten Frau betreten haben, laden die Helfer die Patientin in den Rettungswagen und übergeben sie kurz darauf im Schockraum der Klinik. Dort stehen bereits zehn Ärzte, Schwestern und Pfleger bereit. Auch hier ist man sich nach einer kurzen Besprechung einig: im Falle eines Herzstillstands keine Reanimation. Auf dem Weg zum Ausgang sprechen Strobel und sein Helferteam über das Dilemma. "Natürlich kann ich als Notarzt theoretisch immer die Maximaltherapie fahren", sagt der Arzt. "Aber die wichtigen Fragen sind doch: Wie war der Gesundheitszustand vor dem Notfall, was ist angemessen in einem solch hohen Alter? Was ist das Therapieziel? Und was ist der Wille des Patienten?" Draußen bereiten Melina Delventhal und Bastian Wiesner den Rettungswagen auf den nächsten Einsatz vor und beziehen die Trage mit einem frischen Laken.

Alltag: Notarzt Johannes Strobel betreut mit seinem Team im Rettungswagen einen Herzkranken.

Alltag: Notarzt Johannes Strobel betreut mit seinem Team im Rettungswagen einen Herzkranken.

Der Arbeitsalltag der rund 40 000 Rettungsassistenten und Notfallsanitäter in ist anstrengend und komplex. Jeden Tag gehen in den Leitstellen bundesweit etwa 35 000 Notrufe ein, das führt zu 11,4 Millionen Einsätzen pro Jahr. Und diese Zahlen werden in den nächsten Jahren noch zunehmen: Die Lebenserwartung der Bevölkerung steigt, die Patienten werden immer älter – und somit immer häufiger krank.

Oft arbeiten die Retter in Schichten von 12 bis 16 Stunden, je nach Arbeitgeber für zehn bis zwölf Euro brutto die Stunde. Sie müssen innerhalb von Sekunden und Minuten weitreichende Entscheidungen treffen: bei Herzinfarkten, Schlaganfällen und Splitterbrüchen. Ein harter Beruf, der nicht nur Intelligenz, Kraft und Mut erfordert, sondern auch Einfühlungsvermögen: Die Helfer wuchten 100-Kilo-Patienten aus dem vierten Stock durch enge Treppenhäuser ins Erdgeschoss, sie müssen sich mit über 40 Notfallmedikamenten auskennen und oft genug Händchen halten.

Manchmal eilen die Retter zu Menschen, die sich einen Fuß am Bordstein angestoßen haben

"Wir wissen nie, was kommt, das macht den Job so besonders", sagt Bastian Wiesner, 42. Die Meldung aus der Leitstelle kann aufregend klingen, und dann stellt sich der Anlass des Hilferufs als Lappalie heraus. Manchmal eilen die Retter zu Menschen, die sich einen Fuß am Bordstein angestoßen haben, manchmal ist ein Auge gerötet, weil Shampoo hineingeraten ist, manchmal schmerzt ein eingewachsener Zehennagel. Alles schon da gewesen. "Gerade in der Stadt nimmt die Unsicherheit vieler Menschen bei medizinischen Belangen zu", sagt Sebastian Wenk, Notfallsanitäter an der ASG-Rettungswache in Stemwarde, einem Dorf wenige Kilometer östlich von Hamburg. "Vor allem viele jüngere Menschen können sich bei Kleinigkeiten kaum noch selbst helfen", sagt er. So habe sich unlängst ein 23-Jähriger aufgeregt gemeldet: Meine Freundin hat sich gerade auf dem Klo übergeben, was soll ich tun? Ein anderer junger Mann klagte über Fieber, er hätte es nun schon den zweiten Tag. "So etwas wie ins Bett legen und Hühnersuppe trinken kennen viele Jüngere gar nicht mehr", sagt Wenk.

In den ländlichen Gebieten hingegen bissen die Menschen manchmal zu lange die Zähne zusammen. Wie der 85-jährige Bauer mit dem Herzinfarkt, der auf die Frage, warum er sich nicht eher gemeldet habe, antwortete: Ich wollte Sie nachts nicht stören.

Reanimation auf der Autobahn: Diana Weden und Sebastian Günther versuchen, einen Mann wiederzubeleben.

Reanimation auf der Autobahn: Diana Weden und Sebastian Günther versuchen, einen Mann wiederzubeleben.

Die Rettungskräfte in Stemwarde betreuen ein anspruchsvolles Einsatzgebiet: viele Bundesstraßen mit vielen Motorradfahrern, zwei Autobahnen und weit verstreute Dörfer. Manchmal dauert es aufgrund der Entfernungen eine halbe Stunde, bis der Notarzt dazustoßen kann. Bis dahin müssen die Rettungsassistenten die Notlage allein in den Griff bekommen.

Für Sebastian Günther und Diana Weden beginnt die 16-Stunden-Schicht mit einem Einsatz um 7.07 Uhr bei einer Gerüstbaufirma: Platzwunde am Kopf nach Unfall mit Eisenstange. Danach folgen: Brand in Einkaufszentrum (Fehlalarm), Herzrhythmusstörungen in Hausarztpraxis, Bauchschmerzen im Altersheim, eine Amputationsverletzung der Fingerkuppe an einer Druckerstanze.

Ruhe und Kompetenz ausstrahlen, das ist ein ganz wichtiger Teil der Behandlung und oft das beste Beruhigungsmittel

Diana Weden liebt ihren Beruf, schon als Kind wollte sie Sanitäterin werden. "Ruhe und Kompetenz ausstrahlen, das ist ein ganz wichtiger Teil der Behandlung und oft das beste Beruhigungsmittel", sagt sie. Dem Gerüstbauer mit der Kopfplatzwunde, der am ganzen Körper schlottert vor Schreck, streicht sie während des Transports in die Notaufnahme beruhigend über die Hand. Ihr Kollege Christian Vorwerk spricht auch immer wieder beschwichtigend mit den aufgeregten Angehörigen: "Rasen Sie jetzt bitte nicht mit Warnblinker hinter uns her, wenn wir Ihre Frau in die Klinik bringen. Wir haben Blaulicht und dürfen über rote Ampeln fahren – Sie nicht. Ein Patient reicht uns."

Bei Blaulichtfahrten setzen die Retter drei verschiedene Arten von Signaltönen ein. Es gibt das Martinshorn für die Stadt, das fürs ländliche Gebiet und das mit Pressluft getriebene. Diese "Pressen" sind so markerschütternd laut, dass sie auch den letzten zögerlichen Autofahrer zur Seite drängen sollten.

Rettungsassistentin Diana Weden notiert sich Messwerte und Vorerkrankungen ihres Patienten auf dem Handschuh.

Rettungsassistentin Diana Weden notiert sich Messwerte und Vorerkrankungen ihres Patienten auf dem Handschuh.

Sollten. Sebastian Günther erzählt, was alle Kollegen auf ihren Fahrten schon erlebt haben: wie viele Leute meckern und schimpfen, wenn der Rettungswagen ihnen am Einsatzort im Weg steht. Wie, trotz Blaulicht und Martinshorn, manche Autofahrer auf der Gegenfahrbahn extra einen Schlenker rüberziehen, einfach um die Retter zu ärgern. Und wie wiederum andere im Windschatten des Einsatzfahrzeugs durch die Rettungsgasse rasen.

Die Rettungskräfte versorgen Menschen quer durch alle Schichten: Adelige auf dem Landgut ebenso wie die Bewohner der "Whiskeyranch", eines Hamburger Pflegeheims mit vielen ehemaligen Kiezgrößen, in dem es wie in einer Kneipe riecht. Dabei spüren die Helfer häufig, dass manch Bessergestellter sie als willfährige Dienstleister betrachtet. Nach dem Motto: "Ich bin Privatpatient, bringen Sie mich ins Marienkrankenhaus!" – obwohl das am anderen Ende der Stadt liegt.

Dann drehen 15 Leute seelenruhig neben dir mit ihren Handys Videos, während du ein Unfallopfer bei 30 Grad im Schatten reanimierst

Auch bei den Passanten nimmt die Dreistigkeit zu. Oft müssen die Rettungskräfte umringt von Gaffern arbeiten, etwa bei Unfällen auf der Autobahn. "Dann drehen 15 Leute seelenruhig neben dir mit ihren Handys Videos, während du ein Unfallopfer bei 30 Grad im Schatten reanimierst und die Ehefrau des Verletzten weinend danebensteht", erzählt Sebastian Wenk.

In den kurzen Pausen, wenn die Retter in der Wache ihr Essen aufwärmen, tauschen sie sich aus über ihre letzten Einsätze. Der Patient mit den fragilen Knochen, der sich beim Umdrehen im Schlaf den Oberschenkel gebrochen hat. Die Schlägerei bei einer Feier: 20 Rocker in Lederkutten. Die vermüllte Wohnung, in der es so bestialisch stank, dass sich der Polizist, der auch am Einsatzort war, im Vorgarten übergeben musste. Die Frau mit dem Schlaganfall, die sie in Rekordzeit in die Klinik gebracht haben – und die abends wieder ihre Arme und Beine bewegen konnte. "Als wir das aus dem Krankenhaus gehört haben, waren wir ganz schön stolz", sagt die Stemwarder Retterin Svenja Nelki, die diese Patientin versorgt hat.

In ihrem Beruf lernen die Helfer jeden Tag hinzu – auch für das eigene Leben: Diana Weden hat sich einen Fahrradhelm gekauft. Sebastian Günther hat seine Ambitionen, Motorrad zu fahren, ad acta gelegt. Und er schnallt sich auch auf ganz kurzen Fahrten immer an, seit er zwei verunglückte Männer aus dem Auto holen musste, die "nur mal kurz etwas holen wollten" und sich nicht angeschnallt hatten. Sie waren gegen den Bordstein und ein Verkehrsschild geprallt und hatten mit ihrem Körper die Windschutzscheibe durchschlagen. Als Günther eintraf, sah er als Erstes das Loch in der Frontscheibe und dann einen Verletzten, der teils skalpiert war. Wer als Rettungssanitäter arbeitet, der weiß, wie schnell sich das Leben komplett ändern kann.

Platzwunde nach Sturz in der Schule: Melina Delventhal (links) und die Mutter des Kindes trösten den jungen Patienten.

Platzwunde nach Sturz in der Schule: Melina Delventhal (links) und die Mutter des Kindes trösten den jungen Patienten.

Kurz vor Feierabend werden Melina Delventhal und Bastian Wiesner in Hamburg-Harburg zu einem "VU" gerufen, einem Verkehrsunfall. Ein Motorradfahrer ist im Stadtverkehr auf die Gegenfahrbahn geraten und gegen ein Auto geprallt. Nun liegt er auf dem Asphalt und kann nicht mehr aufstehen. Der Autofahrer läuft aufgeregt herum. "Ich hab eine Vollbremsung gemacht und schon gestanden, als es passiert ist", ruft er. Mehrere Polizisten versuchen, das Verkehrschaos zu regeln. Nach und nach wird klar: Der Motorradfahrer scheint keine Knochenbrüche zu haben, dafür aber knapp 1,4 Promille. "Ein C-Zwo-Fall", sagt Melina Delventhal – C2 heißt im Retterjargon Alkohol, abgeleitet von dessen chemischer Formel. Im Rettungswagen fängt der Patient an zu pöbeln. "Du Arschloch", beschimpft er Bastian Wiesner. Der bleibt gelassen: "Für Sie bin ich immer noch 'Sie Arschloch'." Schließlich fährt ein Polizist neben der Trage stehend mit ins Krankenhaus. Sicher ist sicher.

Ein bedrückender Feierabend für den Notarzt

Auch am anderen Ende Hamburgs arbeiten Diana Weden und Sebastian Günther kurz vor Feierabend inmitten des Verkehrs. Sie wurden zum Autobahnkreuz A 24/A 1 gerufen, "unklare Bewusstlosigkeit" stand auf dem Melder. Ein junger Mann hatte seinen Vater vermisst und per Handyortung gefunden: reglos in seinem Wagen sitzend, auf dem Standstreifen der Autobahn.

Die Retter ziehen den Mann aus dem Auto auf den Boden und beginnen mit der Wiederbelebung, bis der Notarzt kommt. Aber: Dem Mann ist nicht mehr zu helfen. Schließlich, spätnachts, lädt ein Bestatter den Verstorbenen in einen Sarg. Ein bedrückender Feierabend.

Immerhin war kein Kind betroffen. Davor graut es fast allen Rettern am meisten. Und sie erzählen deshalb lieber von Einsätzen mit einem Happy End. Vor Kurzem wurden der Harburger Rettungsassistent Stephan Uphues und seine Kollegin zu einer Schwangeren gerufen, die Wehen im Fünfminutentakt hatte. Auf dem Weg ins Krankenhaus hörte Uphues, der am Steuer saß, einen Schrei aus dem Fond des Wagens. Er stoppte, ließ das Blaulicht weiterlaufen und eilte nach hinten. "Danach ging alles ganz schnell", erzählt er. "Die Frau hat zweimal gepresst, und dann war das Kind da, rosig und gesund. Wir haben es abgenabelt, warm eingewickelt und der Mutter auf die Brust gelegt. In der Klinik haben sich alle gefreut, als wir an kamen."

Die Mutter hat ihren Jungen Adam genannt. Sein Geburtsort: Hamburg, Holsteiner Chaussee/ Ecke Hogenfelder Straße.

Die Reportage ist dem aktuellen stern entnommen:





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