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Boykott-Aufruf wegen Palmöl Nutella ist nur der Anfang

Palmöl-Früchte und Nutella - das umstrittene Pflanzenöl
In Nutella ist das umstrittene Palmöl (rechts: Früchte der Ölpalme) enthalten. Gibt es Alternativen?
© Picture Alliance
Wegen der umweltzerstörerischen Auswirkungen der Palmöl-Produktion hat Frankreichs Umweltministerin zum Nutella-Boykott aufgerufen. Grünenpolitikerin Nicole Maisch will mehr.

Frau Maisch, essen Sie noch Nutella?
Nutella nicht, aber da Palmöl auch sonst in wahnsinnig vielen Alltagsprodukten drin ist, esse ich es wohl doch manchmal in Schokoriegeln oder auch Gebäck. Es ist aber zum Beispiel auch in Waschmittel. Es war clever von Frau Ségolène, Nutella zu nehmen, weil es so eine starke Marke ist, ein Produkt, das jeder kennt und das für viele emotional aufgeladen ist. Das Sonntagsfrühstück ...

… unserer Fußballmannschaft!

Genau (lacht). Aber natürlich sind alle möglichen anderen Produkte auch betroffen.

Sollte unsere Nationalmannschaft etwas gegen Nutella sagen?

Ja, ich fände es gut, wenn die mehr Verantwortung für ihre Werbeaktivitäten übernehmen würden. Es wäre allerdings ein bisschen schlicht zu sagen, wir essen kein Nutella mehr, dafür aber Nutoga oder sowas ...

… oder Hanuta, Duplo oder Kinderschokolade?

Palmöl ist auch in Duschgels. Dieser Rohstoff ist wirklich sehr, sehr weit verbreitet. Ich finde es gut, dass das Unternehmen unter Druck ist. Wobei Ferrero stellvertretend für alle anderen steht, die zu wenig tun. Wir müssen darüber reden, wie man nachhaltig produziert. Was die Unternehmen bisher gemacht haben, ist relativ dünn.

Aber Ferrero behauptet, nur noch Palmöl zu verwenden, das zu 100 Prozent als nachhaltig zertifiziert sei. Was heißt das genau? Und was bringt das? 

Die benutzen den Standard des RSPO (Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl). Aber da sagt selbst der Umweltverband, der das Ding zertifiziert hat, nämlich der WWF, das wäre nur ein Mindeststandard, kein Umweltsiegel.

Also Landraub und Rodungen finden immer noch statt?

Das sagen die Kritiker des RSPO wie Greenpeace und die Regenwald Alliance. Die Aussage "Wir sind 100 Prozent nachhaltig" ist anhand der Standards dieses RSPO nicht glaubwürdig. Da geht es vor allem um Nachvollziehbarkeit. Das finde ich erstmal gut. Identitätssicherung, Aber das sind noch keine hohen Standards.

Was heißt Identitätssicherung?

Dass man das Palmöl von der Schokocreme bis zur Plantage zurückverfolgen kann. Dass es nicht aus irgendwelchen obskuren Quellen kommt. Wie gesagt, das finde ich alles nicht schlecht, aber es reicht nicht. Das ist ein Standard, den sich die Industrie-Player selbst ausgesucht haben. Und der kann nur ein erster Schritt sein.

Was raten Sie dem Verbraucher?

Einfach hinten drauf gucken, was drin ist. Und im Zweifelsfall kann man entweder Alternativen ohne Palmöl finden oder in den Sachen, wo Palmöl wichtig ist, um die Qualität zu erreichen, nach Produkten mit nachhaltigem Palmöl suchen.

Aber schmeckt Nutella dann überhaupt noch?

Ich finde es lecker. Und ich habe mal geguckt, wie teuer es ist: 400 Gramm der Fair-Trade-Version liegen bei 4,50 Euro. Zumindest online kostet auch Nutella (wenn nicht gerade im Discounter-Kampfpreis) 4 Euro und ein paar Zerquetschte. Bis vor einigen Jahren musste man beim Geschmack der Alternativprodukte wirklich Abstriche machen. Aber gerade wenn man gern Süßkram isst, ist der Eine-Welt-Laden schon ein El Dorado. Ich spreche aus Erfahrung. (lacht)

Welchen Siegeln kann man denn trauen?

Das bekannteste Palmölprojekt, das ich kenne, ist das der Fairhandels-Organisation Gepa.

Viele Menschen fühlen sich von der Wissenslast erdrückt und sehnen sich fast nach der Unwissenheit ihrer Kindheit zurück. Alles was früher in Ordnung war, ist jetzt schlecht. Und du selbst trägst die Verantwortung.

Das ist auf jeden Fall auch eine Überforderung! Vom Palmöl bis zum geschredderten Küken. Man hat ja schon das Gefühl, je mehr ich weiß, desto mehr Schrecken kommt über mich. Deshalb ist es einerseits wichtig, verlässliche Siegel zu haben, andererseits braucht man gerade bei internationalen Handelsbeziehungen eine Haftung entlang der Produktionskette. Unternehmen, die Kleinbauern vertreiben, die roden lassen oder die ausbeuterische Kinderarbeit betreiben, müssen auch in Europa für Sub- und Subsub-Unternehmer belangt werden können. Der Konsument hat viel in der Hand, aber wir haben ja alle auch noch was anderes zu tun, als Konsument zu sein. Deshalb brauchen wir gesetzliche Standards.

Also hat Frau Royal etwas Gutes getan mit ihrem Nutella-Boykottaufruf?

Das ist natürlich klassische Kampagnenarbeit, und natürlich ist es ein Ausschnitt aus der Realität. Aber wenn es die Diskussion anfeuert, finde ich das gut. 


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