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Empörung in Frankreich: Marseilles Obdachlose müssen gelbes Dreieck tragen

Eine Initiative der Stadt Marseille sorgt bei Bürgern und Hilfsorganisationen für Empörung. Obdachlose werden mit einem gelben Dreieck stigmatisiert - die historischen Parallelen sind eindeutig.

Man möchte der französischen Stadt Marseille keine bösen Absichten unterstellen, aber die wachsende Kritik an einem neuen Ausweis für Obdachlose deutet klar auf einen Fehlgriff hin. In vielen französischen Städten gehören Obdachlose, die sogenannten "Clochards", zum Stadtbild. Um bei medizinischen Notfällen wirksamer helfen zu können, hat die Mittelmeer-Metropole in Zusammenarbeit mit der Organisation "Samu social" beschlossen, einen neuen Ausweis für die Obdachlosen zu entwerfen. Dieser soll gut sichtbar um den Hals, auf der Brust oder auf dem Rucksack befestigt werden.

Obwohl der Ausweis wichtige Angaben über die Person enthält, identifiziert er den Träger schon von weitem als obdachlos. Das Design ist ebenfalls unvorteilhaft gewählt - auf der Vorderseite ist ein großes gelbes Dreieck zu sehen.

Es dauerte nicht lange, bis erste Bürger und Hilfsorganisationen Parallelen zwischen dem gelben Dreieck und dem gelben Davidstern zogen, mit dem Juden während der Nazi-Zeit stigmatisiert wurden. Laut der Organisation "Judgement dernier" stehen auf der Karte Informationen wie Name, Sozialversicherungsnummer, Blutgruppe, aber auch Angaben zu Allergien, Schizophrenie oder HIV.

Vizebürgermeister versteht Aufregung nicht

Raymond Negren von der Hilfsorganisation "Médecins du Monde à Marseille" sagt zur der Nachrichtenagentur AFP: "Der Ausweis ist im Hinblick auf Datenschutz und den stigmatisierenden Effekt problematisch. Er steht gegen all unsere Arbeit und Bemühungen auf der Straße. Ärztliche Behandlungen, auch auf der Straße, sind an den Hippokratischen Eid gebunden, der gleichermaßen für Obdachlose wie für alle anderen gilt."

Am Mittwoch hat die Organisation "Judgement dernier" eine Protestkundgebung gegen den Ausweis mit dem gelben Dreieck organisiert, der bereits mehr als 300 Mal an Clochards ausgehändigt wurde. Auch das Französische Rote Kreuz hält den Ausweis für problematisch. Trotz wachsender Kritik zeigte sich der Vizebürgermeister von Marseille, Xavier Mery, wenig einsichtig. Der Ausweis sei "durch absurde Polemik skandalisiert worden." Mery bestreitet laut AFP, dass sich auf der Karte medizinische Informationen befinden, die der Geheimhaltung unterliegen.

amt
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