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Oberammergauer Passionsspiele: Das Leiden Jesu in Dunkelheit und Kälte der Alpen

Die Zuschauer leiden mit ihrem Jesus mit: Wie er da bloß und blutüberströmt ans Kreuz geschlagen hängt und der Atem wegen der Kälte im Oberammergauer Passionstheater sichtbar wird spüren sie, was Darsteller Frederik Mayet in diesem Moment körperlich leisten muss.

Die Zuschauer leiden mit ihrem Jesus mit: Wie er da bloß und blutüberströmt ans Kreuz geschlagen hängt und der Atem wegen der Kälte im Oberammergauer Passionstheater sichtbar wird spüren sie, was Darsteller Frederik Mayet in diesem Moment körperlich leisten muss. Gerade mal fünf Grad hat es in dem unbeheizten Festspielhaus - ein ungemütlicher Abend, der aber der intensiv gespielten Geschichte vom Leiden Jesu einen passenden Rahmen gibt. Die 4700 Zuschauer feiern das in vielen Elementen überarbeitete weltberühmte Passionsspiel jedenfalls mit anhaltendem Applaus.

"Irre, einfach irre", sind die überwältigten Worte, die Schauspielerin Jutta Speidel zum Passionsspiel einfallen. Die Darsteller, der Chor, das Orchester und das für die Passion 2010 grundlegend überarbeitete Bühnenbild: Die seit Jahrzehnten als Schauspielprofi erfolgreiche 56-Jährige ist bei ihrem ersten Besuch hin und weg von der Darbietung der Oberammergauer Dorfgemeinschaft. Denn nur wer in Oberammergau geboren ist oder dort seit mindestens 20 Jahren lebt darf an dem auf ein Pestgelübde von 1633 zurückgehenden Passionsspiel teilnehmen. An diesem Samstag sind 2400 Menschen und damit fast die Hälfte der 5300 Einwohner an der Premiere beteiligt.

Speidel gehört wie ihre Schauspielkollegin Michaela May, Kabarettist Gerhard Polt oder Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zu den prominenten Premierengästen. In dem ausverkauften Haus sind auch etliche Priester und Nonnen sowie vor allem auch aus den USA Anhänger sehr streng gläubiger Kirchengruppen. Ein Publikum, das einen kritischen Blick auf die Darstellung "ihres" Jesus hat.

Spielleiter Christian Stückl hat bei seiner dritten Inszenierung der nur alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele ein paar grundlegende Überarbeitungen vorgenommen. Diesmal inszeniert er die Jesus-Figur in den früher häufig als antisemitisch kritisierten Spielen so jüdisch wie noch nie: Stückl lässt Jesus auf hebräisch beten, am Gründonnerstag steht beim letzten Abendmahl eine Menora - der siebenarmige Leuchter - auf dem Tisch, auch die Torah-Rolle, die hebräische Bibel, kommt immer wieder vor. Außerdem lässt Stückl den jüdischen Rat der Hohen Priester einen kontroversen Streit austragen, ob Jesus wirklich das Todesurteil verdient hat.

Mit einer weiteren Neuerung am Text erweitert Stückl die Leidensgeschichte um das Wirken Jesu. In der ersten Hälfte der mehr als fünfstündigen Aufführung ist die Bergpredigt mit aufgenommen. Das dramaturgisch wichtigste Element ist allerdings die Verschiebung der Aufführung in den späten Abend. Mit der Androhung, ansonsten alles hinzuschmeißen, hatte der 48-Jährige beim Gemeinderat von Oberammergau durchgesetzt, das früher nur tagsüber stattfindende Theaterstück in den Abend hinein verlegen zu dürfen.

Die Todesstunde Jesu ist der Bibel zufolge am Nachmittag - bei Stückl hingegen ist sie nun gegen 22 Uhr. Der dramaturgisch mitreißende Effekt dieser Neuerung ist allerdings nicht zu leugnen: Schon die Massenszene, in der auf voller Bühne hunderte Bewohner Jerusalems lauthals die Kreuzigung von Jesus fordern und erst recht die Kreuzigungsszene selbst wirken in der vom freien Himmel umgebenen Bühne in der Dunkelheit beeindruckend.

Sollte alles nach den Vorstellungen der Oberammergauer gehen, werden in den 102 Vorstellungen bis Oktober fast 500.000 Zuschauer dem Schauspiel zusehen. Mit den Einnahmen aus Übernachtungen und dem Verkauf von Holzschnitzereien und anderen Souvenirs sollen die Spiele 500 bis 600 Millionen Euro in die Alpenregion spülen. Allerdings stockte in diesem Jahr infolge der Finanzkrise der Kartenvorverkauf im Ausland. Anders als in der Vergangenheit haben deshalb diesmal auch Kurzentschlossene noch gute Chancen, an Karten zu kommen.

Ralf Isermann, AFP / AFP
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