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Ölmanager wird Erzbischof: Justin Welby führt die Anglikaner

Den Anglikanern in aller Welt steht bald ein ehemaliger Ölmanager vor. Doch wer glaubt, der neue Erzbischof von Canterbury wird künftig dem Kapital nach dem Mund reden, dürfte sich täuschen.

Er ist 56 Jahre alt, Vater von fünf Kindern und wird vielleicht einmal Prinz Charles zum König krönen: Justin Welby ist am Freitag zum 105. Erzbischof von Canterbury ernannt worden. Damit gibt künftig ein ehemaliger Erdölmanager, Schüler der Eliteschule von Eton und Cambridge-Absolvent die theologische Richtung für die rund 77 Millionen Anglikaner weltweit und die knapp 25 Millionen Gläubigen in der Church of England vor.

Nach seiner Ausbildung ging Welby in die Industrie. Für den französischen Konzern Elf Aquitaine und als Finanzvorstand der britischen Bohrgesellschaft Enterprise Plc. arbeitete er in der Erdölbranche. Ein Aufenthalt in der Erdölförderregion Nigeria konfrontierte ihn mit dem Thema Ausbeutung - er beschloss ein Mann der Kirche zu werden.

"Kann ein Unternehmen sündigen?" lautete dann der Titel seiner Doktorarbeit als Theologe. Die Antwort war ein klares Ja. Welby schlug sogar einmal vor, Wirtschaftsunternehmen nicht nur zivilrechtlich, sondern auch strafrechtlich zu belangen. "Freilich kann man ein Unternehmen nicht einsperren", sagte er einmal. "Aber man könnte es dazu verpflichten, einige Jahre lang sein Strafregister im Briefkopf zu führen."

Welby tritt in große Fußstapfen

Welby ist ein Pragmatiker mit Bischofsstab. "Ich habe viel gelernt in den Firmen, in denen ich gearbeitet habe, vor allem von Chefs und Kollegen", sagt er. Um Geld für einen guten Zweck hat er sich auch schon von der Kathedrale im nordenglischen Durham abgeseilt, wo er seit einem Jahr Diözesanbischof ist.

Für die finanzmarktkritische Bewegung Occupy, die in London monatelang den Platz vor der St. Paul's Kathedrale besetzt gehalten hatte, hat Welby durchaus Sympathien. Seit längerer Zeit sitzt er als Mitglied des Oberhauses bereits im Finanzausschuss des Parlaments und äußerte sich wiederholt kritisch zum Verhalten etwa von Banken.

Welby tritt in große Fußstapfen. Er folgt Rowan Williams (62) nach, der nach zehn Jahren sein Amt Ende Dezember niederlegt. Dessen Einsatz für Frauen im Bischofsamt könnte Welby fortführen. Williams hatte sich immer wieder in die aktuelle Politik eingemischt und etwa den "Big-Society"-Gedanken von Premierminister David Cameron als Versuch der Regierung gegeißelt, sich aus der Verantwortung für soziale Belange zu stehlen. Von Welby wird in dieser Hinsicht kaum Stillschweigen erwartet.

Michael Donhauser, DPA / DPA