HOME

Olympia 2008: Die Geheimnisse der Fackel

Das olympische Feuer ist auf seinem Weg um den Globus - doch wie wird es transportiert und seit wann gibt es den Fackellauf überhaupt? stern.de verrät Ihnen, was Sie schon immer über die reisende Fackel wissen wollten.

In Athen wurde sie entzündet, dann trat sie ihre Reise um den Globus an. In den nächsten 130 Tagen wird das olympische Feuer durch 134 Städte und über 137.000 Kilometer transportiert. Erste Station war Peking, von hier aus ging es weiter nach Kasachstan, wo die Flamme jetzt eintraf. Präsident Nursultan Nasarbajew begrüßte sie in dem zentralasiatischen Staat. In der Stadt Almaty wurde das Feuer mit einer bunten Zeremonie, aber auch scharfen Sicherheitsvorkehrungen willkommen geheißen. Aus Sorge vor Protesten wegen des gewaltsamen Vorgehens Chinas in Tibet waren 4500 Polizisten und Geheimdienstleute im Einsatz. Nächste Station der olympischen Flamme ist Istanbul. Am 6. August soll sie wieder in Peking sein. stern.de sagt Ihnen, was Sie schon immer über die Fackel wissen wollten.

Wie sieht die Fackel aus?

Jeder Gastgeber entwickelt seine eigene Fackel. Während sich die Entwürfe in den 1950er Jahren noch recht ähnlich sahen, sind es heute individuelle Hightech-Produkte. Die Peking-Fackel besteht aus Aluminium, wurde leicht gekrümmt gestaltet und hat die Form einer Papierrolle. Papier ist neben Schießpulver und Kompass eine der bedeutendsten chinesischen Erfindungen. Die Oberfläche ist mit Glückswolken und dem chinesischen Phoenix gestaltet. Der Vogel gilt in China vor allem als Symbol der Barmherzigkeit und bewacht als Skulptur den südlichen Teil des Kaiserpalastes. Die Fackel ist 72 Zentimeter lang und wiegt 985 Gramm. Die Flamme brennt mithilfe einer Propangaspatrone maximal 20 Minuten. Ohne Windeinfluss ist die Flamme zwischen 25 und 30 Zentimeter hoch und angeblich auch bei hoher Sonneneinstrahlung für das bloße Auge sichtbar. Viele Träger haben eine eigene Fackel, die mitunter anschließend zum Verkauf angeboten wird.

Seit wann gibt es den Fackellauf?

Man sollte annehmen, dass schon im antiken Griechenland der Fackellauf fester Bestandteil der Zeremonien war. Das stimmt zwar, hatte aber nichts mit den Olympischen Spielen zu tun. Fackelläufe gab es in Athen als sportlichen Wettbewerb. Zu Ehren verschiedener Götter rannten Athleten mit ihren Fackeln zu den jeweiligen Altären der überirdischen Weltgestalter. Dem Sieger kam die Ehre zu, das Altarfeuer erneuern zu dürfen. Während der Olympischen Spiele selbst brannte das Feuer jedoch nur auf dem Altar der Göttin Hestia im Prytaneum, wo in der Antike das Schlussbankett für die Athleten stattfand.

Der erste Fackellauf der Neuzeit, wie man ihn heute kennt, wurde bei den Sommersspielen 1936 in Berlin durchgeführt. Damals brachte der Historiker Carl Diem die Idee vor, das Feuer von Olympia bis in die Hauptstadt bringen zu lassen. Den ersten Fackellauf bei Winterspielen gab es 1952 in Oslo. Jedoch wurde das Feuer dort nicht in Olympia, sondern in der Hütte der norwegischen Skilegende Sondre Norheim an einem Herd entzündet. Es sollte daran erinnert werden, dass die Region die Wiege des Skisports ist.

Wo wird das olympische Feuer entzündet?

Bekanntlich war es Prometheus, der den Göttern das Feuer stahl und es den Menschen brachte. Die Tat kam ihn teuer zu stehen. Göttervater Zeus ließ ihn an einen Fels ketten und jeden Tag einen Adler herbeifliegen, der Prometheus die Leber aus dem Leib pickte. Die göttliche Herkunft macht das Feuer zu einem heiligen Element. Es repräsentiert Reinheit und darf daher auch nur durch die Sonne gewonnen werden. In der Antike nutzte man hierfür die Skaphia. Im Zentrum dieser Schale wurde das Licht gebündelt und an einem Büschel getrocknetem Gras eine Flamme entfacht. Nach dem antiken Vorbild wird das Feuer heute mit Hilfe eines Hohlspiegels mehrere Monate vor Beginn der Spiele im Heiligtum von Olympia entzündet. Die Zeremonie vor den Ruinen des Heratempels wird von Schauspielerinnen durchgeführt, die antike Priesterinnen verkörpern. Das Feuer wird dann in einer Tonschale ins alte Stadion getragen. Hier überreicht die Hohepriesterin eine Fackel an den ersten Läufer. In diesem Jahr kam dem griechischen Taekwondo-Kämpfer Alexandros Nikolaidis diese besondere Ehre zu. Die Fackel wird dann zunächst immer erst bis ins Panathinaikon nach Athen getragen, wo 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden.

Das Feuer darf nie erlöschen. Sollte es dennoch passieren, muss dieselbe Zeremonie in Olympia wiederholt werden. Um das zu vermeiden, wird die "Mutter-Flamme" in einer eigenen Laterne mitgeführt und von mehreren Sicherheitsleuten rund um die Uhr bewacht. Die erste Fackel des Tages muss an dieser "Mutter-Flamme" entzündet werden.

Welche Route nimmt das Feuer?

Wie es von Athen aus weitergeht, entscheidet das Olympische Komitee des jeweiligen Ausrichters der Spiele. In diesem Jahr sind das bekanntlich die Chinesen. Und schon beim Fackellauf wollen sie Rekorde brechen. Die "Reise der Harmonie", die unter dem Motto "Entfache die Leidenschaft, teile den Traum" stattfindet, führt über 137.000 Kilometer und alle fünf Kontinente. Nach der Ankunft der Flamme auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking am 31. März entzündete Staats- und Parteichef Hu Jintao die Fackel und reichte sie mit staatsmännischer Strenge an den chinesischen Hürdenläufer Liu Xiang weiter. Inzwischen ist das Feuer nach Almaty geflogen, ehemalige Hauptstadt von Kasachstan. Weitere Stationen sind Istanbul, St. Petersburg, London, San Francisco und Buenos Aires. Der einzige Stopp in Afrika ist Daressalam. Anschließend reist die Flamme wieder nach Asien, wo sie unter anderem nach Islamabad, Neu Delhi und Bangkok und auch erstmals durch Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang getragen wird. Taiwan, das die Volksrepublik China als abtrünnige Provinz betrachtet, wurde wegen des Konflikts mit dem großen Nachbarn nachträglich von der Liste gestrichen. Deutschland steht bei diesen Spielen nicht im Routenplan.

Wie wird das Feuer transportiert?

Bei einer Reise auf alle fünf Kontinente ist es kaum möglich, die Strecke nur mit Läufern zu bewältigen. Die größten Distanzen reist die Flamme daher per Flugzeug. Den Job übernommen hat die chinesische Fluggesellschaft Air China, die eigens dafür einen Airbus A330 zur Verfügung stellt. Die Maschine wurde sowohl innen als auch außen mit Emblemen und Farben für den Fackellauf gestaltet. Während des Transports lodert die Flamme als Sparversion in einer speziellen Sicherheitslaterne und wird von geschultem Personal bewacht.

Um sich von anderen Gastgeberländern abzuheben und die eigenen geographischen Eigenarten zu betonen, gehen die Veranstalter mit dem Feuer auch exotische Wege. Die Chinesen haben von der "Mutter-Flamme" bereits eine zweite Flamme abgespalten und sie auf den Weg in den Himalaya geschickt. 35 Bergsteiger sollen das olympische Feuer in einer eigens angefertigten Spezialfackel mit Doppelverglasung im Mai auf den 8.850 Meter hohen Mount Everest tragen. Vor den Spielen in Sydney im Jahr 2000 ging ein Taucher mit der Flamme unter Wasser und führte sie um das Great Barrier Reef, zur Durchquerung der australischen Wüste kamen Kamele zum Einsatz. In Atlanta 1996 fuhr die Flamme in einem Wagen der Union Pacific, der ersten transkontinentalen Eisenbahn, reiste in einem indianischen Kanu und tuckerte mit einem Dampfer über den Mississippi. Einmal bereits reiste die Flamme schneller als der Schall. Das war 1992 vor den Winterspielen von Albertville, als sie mit der Concorde von Athen nach Paris geflogen wurde.

Wer darf die Fackel tragen?

Grundsätzlich darf jeder die Fackel tragen, der in der Lage ist, die Distanz zurückzulegen. Pro Läufer sind das zwischen 200 und 400 Meter. Insgesamt sind 21.880 Läufer unterwegs, pro Tag zwischen 100 und 200 Teilnehmer. Diese legen in täglich maximal zehn Stunden bis zu 50 Kilometer zurück. Bei der Auswahl der Fackelträger gilt das olympische Prinzip der Gleichheit. Niemand darf etwa aufgrund von Behinderungen, ethnischer Zugehörigkeit oder Religion aus dem Kreis der Bewerber ausgeschlossen werden. Ob das auch in der Umsetzung klappt, sei vor allem in Regime-Nationen wie Nordkorea und natürlich dem Gastgeberland dahingestellt. Verantwortlich für die Auswahl sind die jeweiligen Nationalen Olympischen Komitees. Auch die drei Hauptsponsoren - Coca Cola, Samsung und Lenovo - haben über Internet, Mobiltelefon und Fernsehen 4221 Fackelträger ausgewählt. Der letzte Fackelträger, der die Flamme zur Eröffnungszeremonie in das Olympiastadion bringt, bleibt traditionell bis zum Schluss geheim. Spätestens am 8. August wird die Welt auch dieses Geheimnis kennen.