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Ortstermin: Eine Reise ins Sommerloch

Die politische Sommerpause treibt Jahr für Jahr die seltsamsten Blüten - und Journalisten nach Sommerloch. Der Ort macht seinem Namen alle Ehre. Den Bewohnern ist das ganz recht so.

Von Barbara Steiner, Sommerloch

Zwischen Weinbergen aalt sich das 450-Seelen-Dorf in einer Senke in der Sonne. Eine Kirche, zwei Gasthöfe, sieben Weingüter - mehr gibt's hier nicht. Die Mittagsruhe wird nur von Vogelgezwitscher durchbrochen. Der Name zu der kleinen Ortschaft im Herzen Rheinland-Pfalz' passt perfekt: Sommerloch. Still ist es hier. Sommerloch eben. So still, dass man als Besucher, noch dazu als Reporter, ein bisschen Wind aufwirbeln möchte. So, wie Journalisten das halt machen im berühmten medialen Sommerloch, wo kleine Skandale schnell ganz groß werden und Schaumschläger die Chance auf fette Schlagzeilen haben.

35 Gästebetten im Ort

In Sommerloch ist kein Schaumschläger in Sicht. Dafür aber Elke Keber, die bereitwillig ihre Gartenarbeit unterbricht, um ihren Heimatort gegen Vorurteile - allen voran Langeweile - in Schutz zu nehmen. "Wir haben zahlreiche Ortsvereine, und jetzt am Wochenende haben wir unsere Kirmes. Also, dass in Sommerloch nichts passiert, kann man eigentlich nicht sagen."

Gerade die nachrichtenarmen Monate sind für die Sommerlocher die geschäftigsten des Jahres. Das liegt vor allem an der Bedeutung des Weinbaus für die kleine Gemeinde. "Der Sommer ist für uns 'ne arbeitsreiche Zeit, die Weinberge wachsen", sagt die Winzerin Andrea Kolling. Und weil in der Hochsaison viele Besucher nach einem Umtrunk in Sommerloch übernachten wollten, würden manchmal sogar die 35 Gästebetten im Ort knapp.

Außer den Weingütern fallen Andrea Kolling noch drei Arbeitgeber in Sommerloch ein: Eine Fensterbaufirma, ein Gerüstbauer und ein Versicherungsmakler. Die meisten Einwohner arbeiten auswärts, auch deshalb ist hier tagsüber wenig los. Die Kinder gehen im zwei Kilometer entfernten Wallhausen zur Schule.

Ein Platz zum Altwerden

Thomas Haßlinger steht auf Sommerloch - gerade, weil es so überschaubar ist. Ein Wegzug aus seinem Geburtsort kommt für ihn nicht infrage. Lieber nimmt der 52-Jährige täglich die Pendelei ins 50 Kilometer entfernte Wiesbaden in Kauf. Sicher könnte sich der gelernte Volkswirt auch ein Leben in der teuren hessischen Landeshauptstadt leisten: Er arbeitet bei einer IT-Firma, seine Frau bei einer Bank. Aber Haßlinger will nicht weg aus Sommerloch: "Ich genieße sehr, dass ich hier in aller Ruhe im Garten sitzen kann. Es ist ruhig, ich sehe die Weinberge, ich kenn' die Nachbarn. Das ist ein sehr ordentliches, schönes Umfeld, wo man sich entspannen und vielleicht sogar alt werden kann."

Offenkundig sehen das auch junge Familien so - in Sommerloch wird kräftig gebaut, auf vielen der großzügigen Grundstücke stehen Dreiräder, Kinderschaukeln oder Trampoline. "Wir schrumpfen nicht", sagt Haßlinger, der als zweiter Beisitzer dem Gemeindevorstand angehört. "Letztlich bleiben die Sommerlocher dann doch ganz gern hier, das heißt: Die jungen Leute bauen sich Häuser".

Auf Stefan Raab sind die Sommerlocher nicht gut zu sprechen

Warum, wird klar, als sich abends zur Kirmes, die hier Kerschekerb heißt, allmählich die Gasthöfe der Winzer füllen. Die Sommerlocher sitzen beim Wein zusammen, genießen gegrilltes Hähnchen oder Haxe, diskutieren über die bevorstehende Priesterweihe eines jungen Mannes aus dem Dorf ("ein Verlust"), begrüßen Freunde aus den Nachbarorten. Die Kinder spielen auf der Straße. Für die Dorfjugend hat Andrea Kolling eine Live-Band organisiert. Dass ihr beschauliches Leben in Kombination mit dem Ortsnamen zum Spott einlädt, wissen die Dorfbewohner spätestens seit einem Besuch von Stefan Raabs TV-Total-Reporter Elton vor nunmehr einem Jahrzehnt. Den haben sie nicht in besonders guter Erinnerung, damals herrschte tatsächlich Aufregung in Sommerloch.

Doch das Medieninteresse hat auch Vorteile: Es belebt das Geschäft. So erzählt die Winzerin Maria Barth, vier Reporter hätten Zimmer in ihrer Herberge gebucht. Dabei hat der Name des Dorfes mit der Jahreszeit eigentlich gar nichts zu tun, ebenso wenig wie mit Lücken, Löchern oder sonstigen Defiziten. Die gut 850 Jahre alte Gemeinde hieß ursprünglich wohl Sumerlache. Das ist ein Wort aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet etwa "nach Süden gelegene, feuchte Mulde".

Dagegen klingt Sommerloch eigentlich ganz gut - und lebenswerter.

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