Ostalgie Zwischen DDR-Klorolle und NVA-Bunker


Ein "Hostel für Ostalgiker" füllt derzeit in Berlin eine Marktlücke und die Medien, doch auch in der Provinz lebt das Erbe des untergegangenen Staates fort.
Von Rudolf Stumberger

An der Wand hängen Drucke mit den Konterfeis von Erich Honecker und Willi Stoph, zum Empfang gibt es Rotkäppchen-Sekt und die Tapeten sind so bunt wie die 1970er Jahre. Dies alles im Original-Plattenbau ein paar Ecken vom Berliner Ostbahnhof entfernt für 38 Euro das Einzelzimmer. Oder günstiger: Neun Euro die Nacht im "Pionierlager". "Ostel- das DDR-Design-Hostel" nennen die Betreiber ihre mehrstöckige Retro-Unterkunft im Ostteil Berlins, die mit ihren Möbeln vom Dachboden und Flohmärkten "ostalgische Wohnerfahrungen" verspricht, mit O-Ton der "Aktuellen Kamera" in der Dauerschleife und irgendwo steht auch eine Rolle original DDR-Klopapier herum. "Wohnen wie im realen Sozialismus" - ausgedacht haben sich dieses touristische Konzept Daniel Helbig (35) und Guido Sand (42), vormals Artisten im ostdeutschen Staatszirkus

Mit ihrem Salto rückwärts in Sachen Unterbringung haben sie zugleich einen Volltreffer gelandet - das "Ostel" wird gerne von Touristen angesteuert, die von der DDR mehr als nur die Mauerreste erfahren wollen. Und die Nostalgie-Bleibe hat mittlerweile ein Rauschen im sommerlichen Blätterwald verursacht, man berichtet gerne über die "DDR mit Halbpension" (die aber gar nicht angeboten wird), so etwa die taz. Zwar reiht sich das "Ostel" ein in eine Art DDR-Nostalgie, die spätestens seit dem Film "Good bye Lenin" ihren Ausdruck findet, doch findet andererseits der Tourist in Berlin neben dem kommerziellen DDR-Museum an der Museums-Insel (und den politischen Gedenkstätten) wenig Gelegenheit, den DDR-Alltag abseits der Stasi zu erforschen - das Ostel stößt durchaus in eine Marktlücke.

Eine unvergessliche Reise in die "Zeit vor 1989".

Die hat man in bescheidenen Rahmen auch in der ostdeutschen Provinz entdeckt. So wird in Dresden etwa eine "Romantische Ostalgie Abendfahrt im Barkas" zu Semper-Oper und Zwinger angeboten. Der Barka ist ein himmelblau lakierter Kleinbuss aus DDR-Produktion (Baujahr 1966), das Romantische kommt in Form einer Flasche Sekt daher und das Ganze kostet für zwei Stunden 45 Euro. Die "gesondert geschulte Brigade" verspricht so eine unvergessliche Reise in die "Zeit vor 1989". Der hat sich auch Oberstleutnant Hansjörg Götz in Rothenburg nahe der polnischen Grenze verschrieben. Hier draußen auf dem flachen Land, wo jedes Haus aussieht wie zweimal renoviert, scheint die DDR - anders als in Berlin - völlig zu verblassen. Doch es gibt Hinterlassenschaften - zum Beispiel die gut ein Dutzend Kampfflugzeuge vom Typ Mig und Suchoi, die vom "Luftfahrttechnischen Museumsverein Rothenburg" auf einem ehemaligen Militärflugplatz in der Lausitz gewartet werden

Links ist der Gashebel, ranziehen, dann ging es dahin", erklärt dann schon mal Oberstleutnant Götz die Funktionen im Cockpit eines Mig-21-Düsenjägers. Doch das macht er ehrenamtlich wie auch der ganze Verein auf Traditionspflege denn auf Kommerz ausgerichtet ist - so wie früher eben. Gleiches gilt auch für die Kameraden vom "Militärhistorischen Museum Kolkwitz". Hier ist der Verein der "Kolkwitzer Bunkerfreunde GS 31" tätig und Vereinsvorsitzende Bernd Jacob weiß viel über diese Anlage zu erzählen - war doch der 55-Jährige Oberstleutnant der DDR der letzte Kommandant der Anlage. 2004 gründete sich der Verein, der nun das "Bunkermuseum" betreut. In Kolkwitz war der Gefechtsstand der Luftstreitkräfte und die Luftverteidigung der NVA untergebracht. Von hier aus wurde der gesamte Luftraum südlich der Linie Salzwedel-Schwedt erfasst, kontrolliert und an den zentralen Gefechtsstand in Fürstenwalde gemeldet.

Clubraum mit DDR-Liedgut

Einer der Bunkerräume dient mittlerweile als Clubraum für die Vereins-Jugend, auf die Berndt Belger gerne hinweist. Der 54-Jährige war als Bauingenieur Bunkerbauer bei der NVA und wenn Oberstleutnant Jacob das Militärische der Anlage erklärt, so ist Belger für die technische Seite des Bunkers zuständig. Im Clubraum dröhnt Rockmusik aus den Lautsprechern, aber man kann die gesamte Bunkeranlage auch mit original DDR-Liedgut beschallen. Wenn dann die Nationalhymne des Arbeiter- und Bauernstaates erklingt, "kommen bei den Besuchern schon die Emotionen hoch", weiß der Ingenieur zu erzählen. Auch hier wird die "Ostalgie" ehrenamtlich betrieben. Zurück in Berlin-Friedrichshain. Hier findet sich nahe dem Frankfurter Tor der "Vorwende-Laden", eine Art Mischung aus Kommerz und Traditionspflege.

Im Schaufenster liegen Dinge wie eine Packung DDR-Waschpulver oder eine Ausgabe von "Frösi". Das ist die Abkürzung von "Fröhlichsein und Singen", dem "Pioniermagazin für Jungen und Mädchen" aus dem Jahre 1967. Den Laden betreibt Frank Arendt, ein 63jähriger Bauingenieur der 1998 arbeitslos wurde und im Hinterzimmer hat er ein kleines DDR-Museum Museum eingerichtet. Sein größter Stolz ist ein original Porzellangeschirr - weiß mit braunem Rand - und dem Signet "PdR" - "Palast der Republik". Der allerdings steht für Ostalgie-Aktionen nicht mehr zur Verfügung - er wird derzeit zurückgebaut und ist in einigen Monaten wie die DDR vom Erdboden verschwunden.

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