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Ostermesse in Rom: "Beleidigung aller Missbrauchsopfer"

Die Menge in Rom jubelte, als Kardinal Angelo Sodano die Missbrauchsvorwürfe gegen die Katholische Kirche als "unbedeutendes Geschwätz" bezeichnete. Der US-Opferverband empfindet diese Äußerung schlicht als Beleidigung.

Der Vatikan ist überraschend vom üblichen Ablauf der Ostermesse abgewichen, um die Kritik im Zuge des Missbrauchsskandals als belanglos zurückzuweisen. Zum Auftakt des Gottesdienstes ergriff der Vorsitzende des Kardinalskollegiums vor tausenden Gläubigen das Wort und erklärte demonstrativ, Benedikt XVI. könne sich des Rückhalts der Gemeinde sicher sein.

Der Papst schweigt

"Heiliger Vater, das Volk Gottes ist mit Dir und wird sich nicht von dem unbedeutenden Geschwätz dieser Tage beeinflussen lassen", sagte Angelo Sodano unter dem Jubel der Anhänger des Papstes, die trotz des regnerischen Wetters auf dem Petersplatz gekommen waren. Benedikt selbst sprach in seiner anschließenden Osterbotschaft diverse politische Konflikte an bevor er seinen traditionellen Segen "Urbi et Orbi" spendete. Zu den Missbrauchsvorwürfen äußerte er sich aber wie schon bei den vorangegangenen Osterfeierlichkeiten nicht.

Der ungewöhnliche Auftritt Sodanos zeigt, wie sehr der Vatikan den Druck durch den Skandal spürt. Die katholische Kirche steckt in einer ihrer schwersten Krisen, seitdem in zahlreichen Ländern, darunter auch Deutschland, immer mehr Vorwürfe der Misshandlung und des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kirchenvertreter laut werden. Auch Benedikt wurde wegen seines Umgangs mit der Affäre kritisiert.

Sodano würdigte Benedikt als einen Fels, der die Kirche aufrecht halte. "Die Kirche ist mit Dir", sagte der Kardinal und fügte hinzu, seine Solidaritätsbekundung werde insbesondere von jenen 400.000 Priestern mitgetragen, die in Schulen, Krankenhäusern und Missionen in aller Welt dienten. Beobachter interpretierten dies als eindeutigen Versuch der Klarstellung, dass lediglich eine kleine Minderheit Kinder missbraucht habe. Die Leiterin des US-Opferverbands SNAP, Barbara Blaine, bezeichnete Sodanos Rede als beleidigend. Den Opfern gehe es um Trost und Heilung. Ihre Aussagen sollten nicht als "unbedeutendes Geschwätz" abgetan werden.

Medienkampagne gegen die Kirche?

Der Vatikan hat zuletzt mehrfach die Medien wegen ihrer Berichterstattung über den Missbrauchsskandal kritisiert. So hieß es in der Zeitung des Kirchenstaats, der Papst sei Ziel einer "verabscheuungswürdigen Verleumdungskampagne" geworden.

Fast zeitgleich sorgte jedoch ausgerechnet der persönliche Prediger des Papstes für neuen Wirbel. Bei einem Karfreitagsgottesdienst zog Pater Raniero Cantalamessa in Benedikts Beisein einen Vergleich zwischen den Vorwürfen gegen die katholische Kirche und ihr Oberhaupt im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal und der kollektiven Gewalt gegen die Juden. In der Debatte würden Stereotypen verwendet und persönliche und kollektive Verantwortung verwechselt, zitierte er aus dem Brief eines jüdischen Freundes. Dies erinnere an die schändlichsten Aspekte von Antisemitismus. Nun entschuldigte Cantalamessa sich, nachdem sich der Vatikan distanziert und Vertreter zahlreicher jüdischer Gemeinden in aller Welt mit Bestürzung reagiert hatten.

Reuters / Reuters