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Pädophilie-Debatte: Die Akte Kinderschutzbund

Die Grünen lassen ihre Vergangenheit in Sachen Pädophilie aufarbeiten, und auch der Deutsche Kinderschutzbund hat dazu allen Grund, wie Recherchen des stern im Bundesarchiv Koblenz zeigen.

Von Wigbert Löer

Der Deutsche Kinderschutzbund wird bei der Aufarbeitung seiner Vergangenheit einiges auffinden, wovon er sich heute distanzieren dürfte. Das ergaben stern-Recherchen im Bundesarchiv in Koblenz, das alte Akten des Verbandes aufbewahrt. Die Dokumente zeigen, dass nicht nur Walter Bärsch, der Präsident des Kinderschutzbundes von 1981 bis 1991, eine aus heutiger Sicht fragwürdige Rolle spielte.

So näherte sich der Kinderschutzbund in den 80er Jahren den berüchtigten "Stadtindianern" an, einer Kommune aus Nürnberg, die Jugendliche aufnahm, die Schulpflicht abschaffen wollte und der auch etliche Pädophile angehörten. Auf einer Sitzung im Mai 1983 entschied der Vorstand mit Blick auf die Stadtindianer, "es soll versucht werden, eine Annäherung der Standpunkte zu erreichen". So steht es im Protokoll der Sitzung.

Unterstützung für die "Stadtindianer"

Ein Jahr später sprang der Kinderschutzbund einer Stadtindianerin bei, die wegen Verbreitung "schwer sittlich-gefährdender Schriften" vor Gericht stand. Ein Berliner Professor, der sich an führender Stelle im Kinderschutzbund engagierte, erstellte für dieses Verfahren ein Gutachten - und der Vorstand des Verbandes beschloss: "Wir stellen es der Verteidigung als Stellungnahme des Deutschen Kinderschutzbundes zur Verfügung."

Walter Wilken, der damalige Geschäftsführer des Kinderschutzbundes, regte zudem noch an, das Gutachten mit Prozessakten als Veröffentlichung des Deutschen Kinderschutzbundes herauszugeben. Der Vorstand stimmte dem Vorschlag zu.

1987 veröffentlichte der Kinderschutzbund einen Grundsatztext zum "Sexuellen Missbrauch", inhaltlich abgesegnet vom Vorstand. Der Druck der Broschüre kostete 5000 D-Mark (2500 Euro), die Auflage lag bei 2000 Exemplaren. In dem Text heißt es: "Wir werden uns nicht an der Kriminalisierung (sexuell) gewaltsam agierender erwachsener Familienangehöriger beteiligen, und uns nicht als bürgerliches Meldesystem, als 'Horchposten' der Sozial-, Polizei- oder Justizbehörden missbrauchen lassen." Solch einer Aussage konnten Pädophile wunderbar zustimmen.

Der Präsident und der Pädophilenlobbyist

Der Text befasste sich auch mit dem umstrittenen Paragrafen 176 des Strafgesetzbuches, der den sexuellen Missbrauch von Kindern unter Strafe stellt. Zur Freude der Pädophilen wurde er als zu streng abgelehnt. Der Grund: Der Paragraf verletze das Recht der Kinder auf sexuelle Selbstbestimmung. In der strafrechtlichen Praxis, heißt es dort, seien Kinder als Sexualpartner von Erwachsenen nicht als "gleichberechtigte, ebenbürtige, verantwortungsfähige Akteure" vorgesehen.

Aus den Briefen und Berichten von Vorstandssitzungen, die das Bundesarchiv aufbewahrt, geht auch hervor, wie der Pädophilen-Lobbyist Werner Wendig den Kinderschutzbund-Präsidenten Walter Bärsch für sich gewann. "Werner Wendig" ist nicht der echte Name des Lobbyisten, stern.de hat ihn geändert, weil Wendig wegen sexuellen Missbrauchs von drei Jungen verurteilt wurde, seine Strafe verbüßt hat und stern.de nun sein Resozialisierungsinteresse respektieren muss.

Unterstützung auch für den Untersuchungshäftling Wendig

Dieser Wendig schrieb Walter Bärsch zuerst Briefe und traf sich dann mit ihm am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Ein zweites Treffen fand in der Verbandszentrale in Hannover statt, auch Geschäftsführer Walter Wilken nahm daran teil. Wendig engagierte sich zu dem Zeitpunkt seit Jahren für die Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS), in der sich Pädophile sammelten. Die AHS hatte ein Kuratorium, und hierfür gewann Wendig 1989 den hoch respektierten Präsidenten des Kinderschutzbundes.

Bärsch verwandte sich sogar noch für Wendig, als dieser längst in Untersuchungshaft saß. Dem stern liegt ein offener Brief Bärschs vor, in dem dieser, inzwischen Ehrenpräsident des Kinderschutzbundes, "im Namen aller Mitglieder der AHS" gegen die juristische Beweisführung "zum Nachweis der Schuld des Herrn Wendig" protestiert. Erst 1994 verließ Bärsch die AHS.

Lange, begeisterte Leserbriefe von Pädophilen

Pädophile Positionen in der Verbandszeitschrift 1985 widmete sich die Verbandszeitschrift "Kinderschutz aktuell" dem Thema Sexualität. Zu lesen waren Forderungen wie diese: Es müsse darum gehen, "vor Gesetz den Unterschied zwischen gewaltsamer Sexualität und gewaltfreier pädophiler Sexualität zum Tragen zu bringen". Pädophile schrieben daraufhin lange, begeisterte Leserbriefe, die auch großzügig abgedruckt wurden. Über mehrere Ausgaben machten sie die Zeitschrift so zu ihrem Forum.

Und auch die Kinderschutzbasis selbst meldete sich zu Wort. Jürgen Pfitzner vom Ortsverband Köln des Kinderschutzbundes schrieb, er hätte sich "eine mehr erfahrungsbezogene, konkrete Darstellung sexueller Gefühle, Bedürfnisse und Handeln von Kindern und Jugendlichen gewünscht und wie sie damit in einer Welt, in der Erwachsene das Sagen haben, anecken".

Der Deutsche Kinderschutzbund hat angekündigt, diesen Teil seiner Geschichte von dem Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter aufarbeiten zu lassen. Walter erforscht mit einem Team auch, in welchem Umfang und Kontext die Grünen pädophilenfreundliche Positionen vertraten.