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Palästina: Das heilige Land

Es sind Bilder der Sehnsucht, entstanden in Palästina vor rund 100 Jahren und mühevoll von Hand koloriert. Fotos eines Landes, das es so nie gab. Das aber stets die Fantasien von drei großen Weltreligionen beflügelt hat.

Von Stefanie Rosenkranz

Wir sehen ein Traumland: Der Hirt hütet seine Schafe, die Mutter stillt ihr Kind, der Bauer hält seine Garbe. Der Samaritaner im blauen Gewand zeigt seine Thorarollen, die Fischer am See Genezareth flicken ihre Netze. Der Jordan ist still und schön, Jerusalem ist steinern und stumm. Derweil zieht die Karawane der Kamele vorbei. Wir sehen ein Land, darin die Männer bärtig sind und die Frauen keusch. Das Leben ist archaisch, die Landschaft ist biblisch, die Menschen sind arm, aber würdevoll. Jederzeit könnte ein Patriarch daherreiten, ein Prophet aus seiner Hütte treten oder Jesus mit seinen Jüngern des Weges wandeln. Wir sehen ein Land, das es nie gab; es ist das Heilige Land.

Die wundersamen Fotografien, heute im Besitz des Jüdischen Museums in Amsterdam, gehörten ursprünglich dem niederländischen Getreidehändler Arie Speelman. Zweimal reiste er mit seiner Frau Anne Christine nach Palästina, 1926 und 1931. Mit Wagen, Chauffeur und Führer begab sich das Ehepaar auf die Spuren der Bibel. Gelegentlich mussten die Speelmans auch umsteigen auf Esel, dabei trugen sie blütenweiße Kleider und Tropenhelme. Und weil sie ein Andenken mitnehmen wollten nach Hause, wurden sie vorstellig im Fotostudio der amerikanischen Kolonie nahe dem Jaffa-Tor in Jerusalem. Deren amerikanische und schwedische Mitglieder, allesamt fromme Christen, hatten 1881 die erste selbstverwaltete Kommune in Palästina gegründet.

Land ohne Volk für ein Volk ohne Land

Damals war das Land eine vernachlässigte Provinz des osmanischen Imperiums. 400.000 muslimische Araber, 42.000 zumeist griechisch-orthodoxe Christen und nicht einmal 20.000 Juden lebten hier als Subjekte des fernen Sultans in Istanbul nebeneinander her. Die Juden waren zumeist arm und fromm, wohnten fast ausschließlich in Jerusalem, Safed, Hebron und Tiberias und beteten für die Ankunft des Messias. Von 1882 bis 1903 kamen rund 25.000 Einwanderer aus Russland hinzu, die nicht fromm waren, aber ebenso arm. Inspiriert erst von Leo Pinsker, einem Arzt aus Odessa, der die Meinung vertrat, dass die Juden nur in einem eigenen Staat zu einem "normalen" Volk werden könnten, und später vom österreichischen Journalisten Theodor Herzl, flohen sie vor den Pogromen in ihrer Heimat und versuchten sich als Pioniere in Palästina, das sie sich als "Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" vorgestellt hatten.

Indes, das Projekt war zunächst ein Flop: Die frühen Zionisten, misstrauisch beäugt nicht nur von Türken und Arabern, sondern insbesondere von ihren Glaubensbrüdern vor Ort, waren auf das Leben im Orient völlig unvorbereitet und finanziell abhängig vom jüdischen Philantropen Baron Edmond de Rothschild, der seinerseits nicht daran dachte, aus Frankreich nach Palästina zu ziehen. Über Jahrzehnte war der Zionismus eine Bewegung, die daraus bestand, "dass ein Jude einem anderen Juden Geld gibt, der es einem anderen Juden gibt, der es einem anderen Juden gibt, der in Palästina lebt", wie es in einem Witz hieß. Zwischen 1904 und 1914 ließen sich weitere 35.000 Einwanderer aus Osteuropa im Nahen Osten nieder. Diesmal gaben Sozialisten den Ton an: Sie gründeten die ersten Kibbuzim und träumten von einem Arbeiter- und Bauernstaat.

Sehnsuchtsland mit sanften Hügeln

Der Erste Weltkrieg machte der Utopie zunächst ein Ende. Danach wurde das Osmanische Reich zerstückelt und Palästina britisches Mandatsgebiet. Die Regierung in London hatte das Land inzwischen zweimal versprochen - sowohl den Arabern als auch den Juden, denen 1917 in der sogenannten Balfour-Deklaration die "Gründung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" zugesichert worden war. Doch Großbritannien behielt die Region selbst und versuchte ziemlich glücklos, zwischen immer zahlreicheren Immigranten aus Europa und arabischen Bewohnern zu vermitteln. In dieser Lage taten die Mitglieder der amerikanischen Kolonie unbeirrt gute Werke an Witwen und Waisen. Um sie zu finanzieren, eröffneten sie nacheinander ein Teppichgeschäft, eine Bäckerei, eine Schmiede, einen Souvenirladen, das noch heute berühmte "American Colony Hotel" für betuchte Pilger, und eben auch ein Fotostudio. Dort konnten geneigte Touristen Bilder kaufen, die ihre Fantasien bedienten. Die Farbfotografie war damals noch nicht verbreitet, aber auf besonderen Wunsch und gegen viel Geld konnte man die Schwarz-Weiß-Aufnahmen kolorieren lassen - eine mühselige Handarbeit, bei der manchmal mit einem einzigen Haar die Farbe auf die gläserne Fotoplatte gepinselt wurde.

Speelman scheute weder Aufwand noch Kosten. Er bestellte 1200 solcher Glasplatten, die meisten davon aufgenommen in der Zeit vor 1918, als Palästina noch zum Osmanischen Reich gehörte. Aufwendig verpackt in Holzkisten, wurde ihm die einzigartige Sammlung nach Amsterdam nachgeschickt. Der Geschäftsmann veranstaltete Dia-Abende in ganz Holland, und so konnten seine Mitbürger eines Sehnsuchtslandes mit sanften Hügeln ansichtig werden, das heiliger nicht sein konnte. Jesus lebt, das war die Botschaft. Dass die biblischen Gestalten auf den Bildern fast alle Muslime waren, interessierte nicht weiter; sie waren nur Statisten in der göttlichen Seifenoper. Die Bilder der amerikanischen Kolonie, nicht nur koloriert, sondern auch ideologisch gefärbt, zeigen einen imaginären Ort, auf ewig erstarrt in unseren Vorstellungen. Hier lieben die Menschen ihren Nächsten wie sich selbst. Es sind edle Fremde, unschuldig und rein.

Herzschlag des Universums

Das wirkliche Land ist klein und so schmal, dass auf einer Weltkarte sein heutiger Name nicht reinpasst: Israel. Je mehr sich alles ändert, desto mehr bleibt alles beim Alten, das gilt hier nun schon seit zwei Jahrtausenden. Im Moment sieht das so aus: Auf Selbstmordattentat folgt Angriff, auf Qassam-Rakete Abriegelung, auf Waffenstillstand Waffengang, auf Verhandlung Siedlungsbau. Weil sie die irdischen Protagonisten mit biblischen verwechselt, an die sie messianische Erwartungen hat, verfolgt die Weltöffentlichkeit das Drama immer noch gebannt. Diejenigen, die nicht hier leben, finden, dass diejenigen, die hier leben, irgendwie besser sein sollten als die übrigen Erdbewohner. Zumindest hier sollten alle Menschen Brüder werden. Das Land hat nur einen einzigen nennenswerten Fluss, und sein größter See ist ziemlich klein. Außer kargen Hügeln, staubigen Wüsten und flachen Stränden hat es wenig zu bieten. Und doch ist es vermutlich das bekannteste Land der Welt.

Nur knapp über sieben Millionen Menschen leben hier, doch hinzu kommen Milliarden spirituelle Bewohner, die alle eine Meinung zum Land haben, aber selten die gleiche. Das liegt daran, dass es über alle Maßen heilig ist - das Gelobte Land eben. Den Juden wurde es vom Allmächtigen persönlich versprochen; deswegen haben sie dort 1948 nach fast 2000 Jahren Exil, Verfolgung und Vernichtung ihren Staat gegründet. Den Christen liegt es am Herzen, denn hier hat Jesus gelebt und ist einen entsetzlichen Tod gestorben, um anschließend wieder aufzuerstehen aus seinem Felsengrab und aufzusteigen gen Himmel, wo er zur Rechten Gottes sitzen soll. Und die Muslime glauben, dass ihr Prophet Mohammed eines Nachts von hier aus auf seinem Pferd Burak zu Allah geritten ist. So kommt es, dass die Anhänger der drei monotheistischen Weltreligionen allesamt überzeugt sind, dass sie hier den Herzschlag des Universums vernehmen. Allerdings glauben sie zumeist auch, dass jeweils nur sie diesen Herzschlag hören, während die anderen bloß so tun, als ob.

Ein prekäres Zuhause

Ein Land für heilig zu halten ist eine eigentümliche und furchterregende Vorstellung. Normalerweise sind Götter oder ausgesuchte Tote heilig, allenfalls noch Kirchen, Tempel, Flüsse, Berge oder Städte, aber hier gleich alles. Mit Ausnahme der Menschen. Wo Prophezeiungen als Grundstücksvertrag herhalten müssen und die Landnahme zum göttlichen Gebot erklärt wird, stören die irdischen Bewohner irgendwie die sakrale Geografie - meistens, weil sie der falschen Religion angehören. Das Heilige Land ist ein prekäres Zuhause. Ein ums andere Mal wurden diejenigen, die hier leben, in den vergangenen zwei Jahrtausenden verfolgt, verbannt, ermordet, ihre Tempel, Synagogen, Kirchen und Moscheen vernichtet, ihre Städte dem Erdboden gleichgemacht, ihre Dörfer verbrannt, ihre Olivenbäume entwurzelt.

Die Römer mordeten die Juden, weil die nicht an ihre Götter glaubten. Es kamen die Christen. Die verstießen fast alle Juden, weil sie nicht an Jesus glaubten. Es kamen die Muslime. Die mordeten die Christen, weil sie nicht an Mohammed glaubten, die Christen kamen zurück und mordeten die Muslime, weil die nicht an Jesus glaubten, worauf die Muslime zurückkamen und die Christen mordeten, weil die nicht an Mohammed glaubten. Zuletzt kehrten die Juden zurück und vertrieben die Araber, egal, ob Muslime oder Christen, weil sie keine Juden waren. Weswegen derzeit nicht wenige Muslime davon träumen, die Juden zu morden, weil sie keine Muslime sind. Der einzigartige Status ihrer Heimat hat den Menschen im Heiligen Land kein Glück gebracht.

Enttäuschte Hoffnungen auf Frieden und Versöhnung

Seit im zweiten Jahrhundert nach Christus ein Bestseller namens "Bibel" in Umlauf kam, der sowohl das Alte wie auch das Neue Testament beinhaltet, ist die Geschichte Palästinas Weltkulturerbe, überladen mit immer wieder enttäuschten Hoffnungen auf Frieden und Versöhnung. Bis heute wird alles, was hier geschieht, unter ein Vergrößerungsglas erdumspannender Aufmerksamkeit gelegt. Von Beirut bis Bordeaux, von Krefeld bis Kinshasa, von Mailand bis Moskau haben ganze Generationen die Saga der jüdischen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob gehört oder gelesen. Sie kennen die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, sie wissen, wie Moses, das Findelkind, sein Volk aus Ägypten heimführte ins Gelobte Land, ohne es je betreten zu dürfen.

Dort droschen sich die Hebräer irgendwie durch, sie intrigierten, liebten, buhlten, plünderten, mordeten, stritten mit anderen und untereinander, unterdrückten und wurden selbst unterdrückt, bauten einen Tempel, der wieder zerstört wurde. Sie wurden reich, um bald darauf wieder zu verarmen, landeten im babylonischen Exil und kehrten wieder zurück. Nicht immer fürchteten sie ihren strengen Gott, weswegen der Herr in regelmäßigen Abständen Propheten zu den Kindern Israels entsandte, die das Volk zur Ordnung riefen und Grausiges vorhersagten. "Man wird dies Land ringsumher bedrängen und dich von deiner Macht herunterreißen und deine Häuser plündern" und dergleichen mehr - was über kurz oder lang auch geschah. In der Zwischenzeit massakrierten sich hier auch sämtliche Supermächte der Gegend: Assyrer und Ägypter, Babylonier und Perser, Griechen und Römer.

Unruhige Zeiten

Als Jesus im mythischen Stall zu Bethlehem zur Welt gekommen sein soll, war seine Heimat Teil des Römischen Reiches und hatte unter der Herrschaft des Herodes, König von Roms Gnaden, eine kurze Blütezeit erlebt. Der brillante Verwalter hatte eine Wasserleitung nach Jerusalem legen lassen, den jüdischen Tempel wieder aufgebaut, Masada, das Herodium und Caesarea errichten lassen. Ein angenehmer Zeitgenosse war er gleichwohl nicht: Nacheinander beseitigte er seinen Schwager, seine zweite Frau und drei seiner Söhne. Weil ihm klar war, dass sich nach seinem Ableben die Trauer seiner Untertanen in Grenzen halten würde, ließ er Hunderte von Männern in der Arena von Jericho einschließen. Sein diabolischer Plan, sie nach seinem Tod ermorden zu lassen, damit das Volk bei seinem Begräbnis weinen würde, konnte zwar vereitelt werden. Doch seither gilt er als Schurke schlechthin.

Dass er nach der Geburt des Jesuskindes aus Angst vor der Ankunft des Messias sämtliche kleinen Knaben in und um Bethlehem abschlachten ließ, wie im Matthäus- Evangelium zu lesen ist, kann jedoch nicht stimmen. Denn damals lag Herodes bereits seit vier Jahren mausetot in seinem Grab im Herodium, das in puncto Größenwahn einer Pyramide kaum nachsteht. Trotzdem wurde der holde Knabe im lockigen Haar, dessen Geburtstag wir demnächst wieder in einer planetaren Party besingen werden, in unruhige Zeiten hineingeboren, der heutigen Situation im Westjordanland und in Gaza nicht ganz unähnlich. Die Juden litten unter der römischen Besatzung und waren untereinander zutiefst gespalten. Einige kollaborierten mit den Römern, andere, insbesondere die fanatischen Zeloten, riefen zum bewaffneten Aufstand auf, während die asketischen Essener am Toten Meer ein weltabgewandtes Leben führten. Immer wieder kam es zu Unruhen, die von allerlei messianischen Erlösern, Heilsbringern und Wundertätern mit religiösen Inhalten überfrachtet wurden.

Das Buch der Bücher

Jesus war nur einer unter vielen, der damals die göttliche Stimme vernahm, aber vermutlich war er der Charismatischste - und vielleicht auch der Einzige, der behauptete, zugleich Menschensohn und Gottes Kind zu sein. Es kam, wie es kommen musste, er hatte es oft genug selbst prophezeit: gekreuzigt, gestorben und begraben, dann auf wundersame Weise wiederauferstanden von den Toten. Manchmal langweilt die himmlische Saga auch, besonders, wenn man die Namen der Propheten im Religionsunterricht auswendig lernen muss, Habakuk, haha, und Hesekiel zum Beispiel. Dennoch ist die Bibel das Buch der Bücher. Die Schicksale von Kain und Abel, von Saul, David, Absalom, Samson und Delila, die Geschichten von Johannes dem Täufer, der grausamen Salome und dem entsetzlichen Martyrium des Mannes aus Nazareth, das uns irgendwie trotzdem Trost spenden soll, bewegt die Menschen, weit über die Christenheit hinaus. Tausendfach wurde diese kollektive Fantasie gemalt, inszeniert, ausgeschmückt, besungen, verfilmt.

Jeder machte aus dem Heiligen Land, was er wollte. Auf den Gemälden sieht der Nahe Osten mal aus wie Holland, mal wie Umbrien. Der Jordan ist breit wie der Rhein, Jesus könnte Venezianer sein, und Maria die Nachbarin von Peter Paul Rubens in Antwerpen. Das babylonische Exil wurde dank Boney M. zum Disco-Beat - "By The Rivers Of Babylon" -, der Exodus aus Ägypten zum Gospel - "Let My People Go" - und die Geschichte von Moses und seinem Bruder Aaron zu einer Oper von Arnold Schönberg. Dan Brown transformiert in seinem "Da Vinci Code" die biblische Geschichte zum spinnerten Krimi, Mel Gibson verwandelt die "Passion Christi" in eine Blutorgie. Manche können sich kaum satthören an Jesu Tod, vertont von Bach in der Matthäuspassion, andere bevorzugen das Leiden seiner Mutter Maria in Pergolesis "Stabat mater".

Zwischen Traum und Albtraum

Abertausende reisen Jahr für Jahr in das Gelobte Land, kaufen Holzkreuze und Fläschchen mit Jordanwasser und suchen Gott in den Abgaswolken, die ihre Reisebusse in Bethlehem, Nazareth, Jerusalem und rund um den See Genezareth hinterlassen. Offenbar finden sie ihn auch. Davon zeugt die ekstatische Leere in ihren Gesichtern und die wundersame Art, mit der es ihnen gelingt, alles zu übersehen, was nicht in ihr Bibel-Bild passt: die Mauer, die das Land von Nord nach Süd durchzieht, die Kilometer von Stacheldraht, mit dem seine Bewohner sich voreinander schützen, die Checkpoints. Man würde sich gern über die frommen Touristen lustig machen, doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken, wenn man die Felsen der Wüste Negev betrachtet oder die Hügel rund um Jerusalem im Morgenlicht. Plötzlich ist man selbst gefangen in einer eigentümlichen Atmosphäre, irgendwo zwischen Traum und Albtraum. Dann hilft es, an den Strand von Tel Aviv zu gehen, in ein Café in Ramallah oder in einen Supermarkt in Afula. Hier steht nichts geschrieben, hier wurde nichts versprochen. Das Land ist nicht heilig. Aber es ist ein Zuhause.

Mitarbeit: Felix Schroeter

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