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Palästinenser-Familie Khateeb Mit schwarzem Tee in ein neues Leben


Seit langer Zeit hat stern.de die palästinensische Familie Khateeb begleitet bei ihrem Kampf, in Deutschland bleiben zu dürfen. Jetzt jubelt die Familie - sie hat den Kampf gewonnen.
Von Malte Arnsperger, Dietzenbach

Tee. Es gab nur schwarzen arabischen Tee. Keinen Champagner. Die Khateebs haben auch keine Freudenparty veranstaltet, sie haben sich einfach in den Arm genommen. Demütig haben sie den Beginn ihres neuen Lebens gefeiert. Genau so, wie sie seit Jahren gekämpft haben - um ihr Leben in Deutschland. Denn seit einigen Tagen steht fest: Die Khateebs dürfen bleiben.

Die palästinensische Familie Khateeb aus dem hessischen Städtchen Dietzenbach hat Außergewöhnliches vollbracht und Schlimmes mitgemacht. Vater Majed, 48, Mutter Najah, 48, und ihre sieben Kinder haben nächtliche Razzien durchlitten und sind Abschiebungen entkommen, bevor es 2007 den Vater erwischte. Seitdem lebten die restlichen acht Familienmitglieder in ständiger Angst vor demselben Schicksal.

Und das alles nur, weil ihnen die Ausländerbehörde – fälschlicherweise - vorwarf, gar keine Palästinenser zu sein, sondern Jordanier, die man abschieben kann. Sogar der Petitionsausschuss des hessischen Landtags hat kürzlich gegen sie entschieden. Mit juristischen und vor allem öffentlichem Druck haben die Khateebs Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) jedoch letztlich dazu bewogen, ihnen die Aufenthaltserlaubnis zu erteilen. Der Hauptgrund für seine Entscheidung sei die "erfolgreiche Integration der Kinder" gewesen, teilte Rhein vor einigen Tagen mit. Und das in Zeiten, in denen die Nation eine hitzige Debatte um Integration führt. Die Khateebs sind aber nicht nur ein leuchtendes Beispiel für gelungene Integration, sondern auch für Willenskraft.

Zukunft in Deutschland

Hassan Khateeb strahlt über das ganze Gesicht und nickt seiner Schwester Jasmin zu, die ein heißes Glas Tee mit Minzblatt vor ihm abstellt. Der 20-Jährige ist der Held der Familie. Vor allem seinem unermüdlichen Einsatz und seiner Cleverness haben es die Khateebs zu verdanken, dass sie in Deutschland bleiben dürfen. Hassan hat seit der Abschiebung seines Vaters die Führungsrolle in der Familie übernommen. Er hat nicht nur einen Anwalt eingeschaltet, viele Dutzend Menschen als Unterstützer gewonnen, Mahnwachen organisiert und eine wahre Medienkampagne gestartet. Er hat auch dafür gesorgt, dass seine Geschwister nicht den Mut verlieren. "Ich habe die Verantwortung gespürt und wollte ein Vorbild für meine Geschwister sein", sagt der schwarzhaarige Jura-Student und zupft an seinem roten SC-Freiburg-T-Shirt.

Sein 15-jähriger Bruder Mohammed war durch die ständige Angst depressiv geworden, bekam Probleme in der Schule. Hassan trieb ihn an, half ihm bei den Schulaufgaben. Heute hat Mohammed durchgehend gute Noten, ist sogar Klassensprecher geworden. "Wir haben nicht viel Besitz, aber ich habe meinen Geschwistern immer wieder gesagt, wie wichtig Bildung ist."

Leise setzt sich Hassans Mutter dazu, bescheiden nimmt sie ganz am Rand des Sofas Platz. Sie sieht müde aus, mit dem schwarzen Schleier wirkt sie sogar traurig. "Ich hatte immer Angst, dass wir nicht bleiben dürfen", sagt sie in gebrochenem Deutsch. Sie ist die einzige in der Familie, die nicht fließend Deutsch spricht. Aber nun belegt sie Sprachkurse, will bald wieder als Lehrerin arbeiten. "Ich bin glücklich, weil wir und vor allem meine Kinder hier eine Zukunft haben."

Eine Zukunft, die sie natürlich auch mit ihrem Mann verbringen will. Doch der sitzt seit fast drei Jahren in einem Zeltlager in Jordanien, ohne Job und ohne seine Familie. "Meine Kinder fragen immer: Wann kommt mein Vater zurück?", sagt Najah. Sie blickt zu Hassan, der schaut betreten auf den Tisch. "Ich weiß es nicht. Es wäre nur konsequent, wenn er auch ein Bleiberecht in Deutschland bekommen würde. Wir werden jetzt versuchen, ihn zurückzuholen. Aber erst mal musste ich mich um uns kümmern."

Journalist überbringt die gute Nachricht

Das hat er erfolgreich getan. Hassan erinnert sich noch genau an den entscheidenden Moment, an dem er den Kampf um das Bleiberecht gewonnen hatte. Ein Journalist hatte ihn an jenem Mittwoch gegen 16 Uhr angerufen und ihm von einer entsprechenden Pressemitteilung des Innenministers erzählt. "Ich war fix und fertig, konnte es erst gar nicht realisieren, was das bedeutet. Dann habe ich es gleich meiner Mutter erklärt und sie lange umarmt. Später haben wir alle zusammen Tee getrunken, das ist Tradition."

Dass sich arabische Gewohnheiten und deutsche Lebensweise nicht ausschließen, ist nirgendwo in der Wohnung der Khateebs so offensichtlich wie im Wohnzimmer. Im Fernsehen läuft ein arabischer Sender, im Regal darunter liegt das Statistik-Buch "1000 Fußballer", und am Esstisch hat sich die 16-Jährige Jasmin mit ihrem türkisfarbenen Schleier über die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" gebeugt. Währenddessen zeigt Schwester Sara stolz ihren gerade erworbenen Fußballschiedsrichterausweis. Sie ist die vierte Schiedsrichterin in der Familie Khateeb. Am 30. Oktober pfeift sie ihr erstes Spiel: männliche E-Jugend, FC Dietzenbach gegen TGS Jügesheim. "Ich will entweder Grundschullehrerin oder Bundesligaschiedsrichterin werden", sagt die 12-Jährige. Und ihre großen dunklen Augen funkeln, als sie sagt: "Und ich will nach Paris ins Disneyland."

"Lust auf Deutschland"

Zukunftspläne schmieden, arbeiten, verreisen. All das war für die Khateebs seit ihrer Flucht nach Deutschland 1992 unmöglich. Denn das strenge Asylrecht in Deutschland verbietet den Asylbewerbern zu arbeiten und zwingt sie dazu, sich in einer eng begrenzten Region aufzuhalte. Für die Khateebs war das der Kreis Offenbach, die letzten Jahre auch der Regierungsbezirk Darmstadt. Viel mehr als Städte wie Dreieich, Langen oder Offenbach haben sie nicht gesehen. "Ich bin seit 18 Jahren in Deutschland, und ich kenne nichts“, sagt Mutter Najah. "Ich will nach Berlin und nach Düsseldorf. Im Fernsehen haben sie gesagt, da gibt es schöne Feiern."

An der Wand neben der Tür hängt ein Kalender, den die Khateebs nach der Bleiberechtsentscheidung von Freunden geschenkt bekommen haben. Der Titel: "Lust auf Deutschland".

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