Panorama Die Posse geht in eine neue Runde


Eigentlich sollten die neuen Rechtschreibregeln zum 1. August deutschlandweit verbindlich eingeführt werden. Doch Bayern und NRW sind ausgeschert - und verursachen damit ein Schulchaos sondergleichen.

Wer in Bayern und Nordrhein-Westfalen nach dem 1. August in der Schule "Stängel" nicht nach den neuen Regeln mit "ä", sondern wie früher mit "e" schreibt, der darf das noch eine Weile weiter ungestraft tun. In den anderen Ländern der Republik wird Schülern dies dagegen nach den Sommerferien als Fehler angekreidet - sofern sich nicht noch weitere Bundesländer dem Vorstoß anschließen. Ein neues Stück aus der unendlichen Geschichte der Rechtschreibreform - oder aus dem Tollhaus des deutschen Bildungsföderalismus?

Keine Vorwarnungen

Die Kultusministerkonferenz (KMK) fühlt sich durch das überraschende Vorgehen der Ministerpräsidenten von Bayern und NRW, Edmund Stoiber (CSU) und Jürgen Rüttgers (CDU), mehr als düpiert. Es habe keinerlei Vorwarnungen gegeben, dass einzelne Bundesländer doch noch aus der einheitlichen Linie ausscheren, sagte die KMK-Präsidentin und brandenburgische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU).

Ende Juni waren die Regierungschefs der Unionsländer mit ihrem Wunsch, das verbindliche Wirksamwerden der gesamten Reform um ein Jahr zu verschieben, am Widerstand ihrer SPD-Amtskollegen gescheitert. Für einen solchen Beschluss wäre Einstimmigkeit erforderlich gewesen. Weil es die nicht gab, stand der Fahrplan für die bundesweite Einführung der Reform fest - zumindest bis zu diesem Wochenende.

Stoiber hatte mitgestimmt

Den Termin 1. August 2005 für den verbindlichen Start der Reform hatten im Juli 1996 Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein sowie einige deutschsprachige Regionen in einer "Zwischenstaatlichen Vereinbarung" festgelegt. Auch Stoiber hatte damals dem Vertragswerk seinen Segen gegeben. Im Vergleich zu Deutschland regte sich in den Nachbarstaaten wenig Protest gegen die neuen Schreibweisen.

Um den Termin 1. August 2005 trotz der absehbaren Änderungen an der Reform auf jeden Fall einzuhalten, hatten sich die Kultusminister eine komplizierte Konstruktion ausgedacht und auch einstimmig beschlossen. Die nach Auffassung der Minister "unstrittigen Teile" der Reform sollten nach den Ferien verbindlich werden und alte Schreibweisen als Fehler gelten. Die strittigen Bereiche der neuen Regeln sind die Getrennt- und Zusammenschreibung, Interpunktion und die Silbentrennung. "Der Rest ist praktisch unstrittig", sagte Johanna Wanka. Als unstrittige Bereiche nannte sie Doppel-"s" und "ß". Oder die Frage, "wann verwendet man drei oder zwei Konsonanten".

Keine Probleme mit neuer Rechtschreibung

In den Fällen, wo in nächster Zeit noch Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung zu erwarten sind, sollten die Lehrer zunächst weiter Toleranz üben und die alten Schreibweisen nicht als Fehler werten. Seit sieben Jahren werden die neuen Schreibweisen bereits an den deutschen Schulen unterrichtet - und nach fast einmütiger Aussage aller Lehrerorganisationen auch ohne größere Probleme. Das neue Durcheinander nach dem Vorpreschen von Bayern und NRW werde dazu führen, "dass niemand mehr die Rechtschreibung ernst nimmt", fürchtet die GEW-Vize-Chefin Marianne Demmer.

Wolf-Rüdiger Feldmann vom Verband der Schulbuchverlage warf den Politikern im ZDF-Morgenmagazin Inkonsequenz vor, nur gut vier Wochen nach dem einstimmigen Beschluss der KMK zur Einführung auszuscheren. "Die Halbwertzeit von politischen Entscheidungen, die wir damit erreicht haben, ist schon äußerst bedenklich." Schulen und Verlage als Bildungsmedien-Anbieter brauchten Planungssicherheit.

Nur aus Wahlkampfzwecken

Auch wenn nun in einigen Bundesländern in Schülerdiktaten die alten Schreibweisen vorerst weiter nicht als Fehler gewertet werden: Ein richtiger Stopp der Rechtschreibreform ist das nicht. Unterrichtet werden weiterhin die neuen Regeln. Nicht wenige vermuten deshalb, dass Stoiber und Rüttgers mit ihrem Vorgehen vor allem bei konservativen Kreisen im Wahlkampf punkten wollen.

Dabei ist Rüttgers bei den Reformgegnern im Wort. Als CDU-Oppositionsführer hatte er ihnen noch im Sommer vergangenen Jahres für den Fall eines Wahlsieges versprochen, als neuer NRW-Regierungschef wieder zur alten Rechtschreibung zurückzukehren.

So mancher Schulminister empfindet insgeheim das Vorgehen einiger Länder-Regierungschefs als neue, schallende Ohrfeige für die Kultusministerkonferenz. Nach dem angedrohten Austritt Niedersachsens aus der ältesten deutschen Fachministerkonferenz war es nur schwer gelungen, alle 16 Bundesländer wieder unter einen Hut zu bringen.

Auf der einen Seite werden der KMK neue, wichtige Aufgaben zugeschrieben - wie etwa die Qualitätssicherung an den Schulen nach dem deutschen Pisa-Debakel. Auf der anderen Seite soll die KMK-Geschäftsstelle in Bonn kräftig Stellen abbauen. Nur mühsam kam der verlangte KMK-Sparhaushalt zu Stande. Doch statt ihn - wie erhofft - zu billigen, leiteten die Länder-Regierungschefs Ende Juni die Vorlage kommentarlos zur weiteren Kontrolle erst einmal an die Länder-Finanzminister weiter.

DPA/AP AP DPA

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