Panorama Drei Mal "Mayday" und tiefes Atmen im Cockpit


Wilde Spekulationen in Griechenland über den Absturz der Boeing 737-300. Nur eines ist sicher: Eine unbekannte männliche Stimme rief drei Mal "Mayday" - das internationale Wort für Notfälle.

Gab es einen Sabotageakt? War es eine Generalprobe von Terroristen, die etwas Größeres in der Region planen? Oder brach eine Schlägerei zwischen den Piloten im Cockpit aus? Diese und andere Spekulationen kursieren bei zyprischen und griechischen Boulevardblättern mangels genauer Angaben über die Umstände, unter denen 121 Menschen beim Absturz einer Boeing 737-300 der zyprischen Fluggesellschaft Helios am 14. August ums Leben kamen. Kaum ein Experte glaubt jedoch an die wilden Gerüchte.

Nur eines ist sicher: Eine unbekannte männliche Stimme rief drei Mal "Mayday" - das internationale Wort für Notfälle. Das ergab nach Angaben des griechischen Fernsehens (NET) vom Sonntag die Auswertung des Stimmenrekorders. Außerdem hörten die Spezialisten ein "tiefes Ein- und Ausatmen" im Cockpit - vermutlich vom Steward, der vergeblich versuchte notzulanden.

Chefermittler Akrivos Tsolakis, ein Mann mit einer fast 40- jährigen Erfahrung in Sachen Luftfahrt, und die aus den USA angereisten Boeing-Experten bemühen sich um Sachlichkeit. "Wir werden diesen Fall, so schwierig er auch ist, klären und alle Details vorlegen."

Rekonstruktion des Todesfluges

Aus den bislang vorliegenden Fakten ist eine Rekonstruktion des Todesfluges - mit einigen Lücken - möglich. Die Maschine hob gegen 9.07 Uhr Ortszeit in Larnaka (Zypern) ab. Wenige Minuten später meldet der deutsche Pilot, er habe Probleme mit der Kühlung der Elektronik (Computer). Der britische Techniker der Helios Airways übermittelt ihm aus Larnaka, er solle das primäre Kühlungssystem abschalten und das sekundäre einschalten. "Wo ist die Sicherung?" fragt der Pilot. "Hinter deinem Sitz", antwortet der Techniker.

In diesem Moment gibt es die ersten Funkunterbrechungen und Störungen. "Word Confuse" (Kommunikationsprobleme), konstatiert der britische Techniker. Er vermutet, dass der deutsche Pilot sein Englisch nicht versteht und schlägt vor, dass der zyprische Co-Pilot mit einem zyprischen Techniker auf einer anderen Frequenz griechisch sprechen soll.

Plötzlicher Sauerstoffmangel

Dieses Gespräch findet nie statt. Denn gleichzeitig tritt in der Unglücksmaschine ein plötzlicher Sauerstoffmangel auf, wie der Daten-Flugschreiber belegt. Im Cockpit gibt es andauernde akustische Alarmsignale. Über den Passagiersitzen fallen die Sauerstoffmasken aus ihren Gehäusen.

So könnte es gewesen sein: Die Piloten waren beschäftigt mit der Lösung des Problems der Kühlung und des Sauerstoffmangels. Dabei bemerkten sie nicht, dass sie mittlerweile die Schwelle von 13 885 Fuß (fast 3700 Meter) Höhe überschritten, weil sie vorher den Autopiloten eingeschaltet hatten. Der Autopilot bringt sie langsam auf 34 000 Fuß (rund 10 400 Meter).

Bis zur Höhe von 13 885 Fuß bekommt der Mensch genug Sauerstoff, um gut denken und arbeiten zu können. Darüber hinaus beginnt ein Zustand, der von Konfusion bis zu Ohnmacht und Koma gehen kann, wie Experten erläutern. Ein Unfall sei meist auf eine Kombination technischer Probleme und menschlicher Fehler zurückzuführen, meint Chefermittler Tsolakis.

Vermutlich die Atemzüge des Stewards

Der Funkkontakt brach wahrscheinlich ab, weil sich die Maschine aus der Region der Flugsicherung Zyperns entfernte und die Kommunikationsfrequenz nicht auf die der Flugsicherung Athens umgestellt worden war. Mit mindestens einstündiger Verspätung bemerken die griechischen Luftlotsen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie können keinen Kontakt aufnehmen. Alarm gibt es in Athen jedoch erst, als das per Autopilot gesteuerte Flugzeug den Airport Athen in Flughöhe ("Cruising Altitude") überfliegt und dann "Kurven in der Warteschleife" dreht. Der Autopilot hatte keine anderen Anweisungen.

Dann wird es dramatisch: Auf dem Stimmenrekorder ist der Notruf und ein "tiefes Ein- und Ausatmen" vermutlich durch eine Sauerstoffmaske zu hören. Von Zeit zu Zeit auch ein Flüstern, als ob jemand mit sich selbst spricht, wie es heißt. Es wird vermutet, dass es sich um die Atemzüge des Stewards handelt, der die Todesmaschine notlanden wollte. Er hatte eine Pilotenlizenz für kleinere Maschinen. Vermutlich war er die "Gestalt", die Kampfbomberpiloten durch das Cockpitfenster gesehen hatten.

Nach einem dreistündigen Irrflug fällt das eine und dann das andere Triebwerk der Maschine aus, der letzte Tropfen Treibstoff ist verbraucht. Das Flugzeug zerschellt auf einem Hügel rund zehn Kilometer vom Flughafen von Athen entfernt. Griechische Medien sind empört, weil die Fluglotsen fast eine Stunde lang nicht reagierten, als die Maschine stumm über der Ägäis flog.

Takis Tsafos/DPA


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