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Papst Benedikt spricht "Wort zum Sonntag" Keine Sensationen, keine Hoffnungen


Mit einer Fernsehansprache richtete sich Benedikt XVI. vor seinem Deutschlandbesuch an die "lieben Landsleute" - blutleer und belanglos.
Ein Kommentar von Frank Ochmann

Es ist Benedikt XVI. nicht vorzuwerfen, dass ihm auch im siebten Jahr seines Pontifikats jene Ausstrahlung fehlt, mit der Johannes Paul II. selbst die noch zu beeindrucken wusste, die seiner Lehre oder gar seiner Kirche fern standen. Niemand kann aus seiner Haut, und kein Papst steht in der Pflicht, das Amt als Klon seines Vorgängers auszufüllen. Es ist Benedikt auch nicht vorzuwerfen, dass er inzwischen das 84. Lebensjahr vollendet hat und schon darum manchmal müde und verbraucht wirkt. Diesen Eindruck hinterließ er jedenfalls beim "Wort zum Sonntag", das er fünf Tage vor seiner Ankunft in der Heimat sprach.

Vom pontifikalen Thronsitz in seiner Sommerresidenz Castelgandolfo den Blick starr auf den Teleprompter gerichtet, war im beinahe regungslosen Gesicht Benedikts nichts, aber auch gar nichts von der Vorfreude auf seine Heimatvisite zu entdecken, die ihn angeblich erfüllt. Aber das "Wie" dieser kurzen Ansprache ist gar nicht entscheidend. Mit mehr Esprit und Charisma war nicht zu rechnen. Weitaus bedeutender ist, was der Papst gesagt hat. Und vor allem: was nicht.

Keine Sensationen - das ist gewollt

Beim lustlosen Auflisten der Stationen seiner Reise war nur an einer Stelle so etwas wie eine innere Beteiligung auszumachen. Da nämlich, wo er dem Vorwurf entgegentrat, der Besuch sei womöglich nur religiöser Tourismus oder Show. Nein, es sei ja sogar Absicht, "keine Sensationen" zu bieten, entgegnete der Pontifex. Bei der Zusammenkunft mit den Vertretern der evangelischen Kirche in Erfurt wolle man "inwendig beeinander" sein - denkend, hörend, betend. Mögen die von der katholischen Kirchen getrennten Christen selbst entscheiden, ob ihnen das als ökumenisches Bekenntnis genügt.

Und was hatte der Papst den anderen "verehrten Damen und Herren", den "lieben Landsleuten" mitzuteilen? Vielleicht würden sie ihn ja fragen, ob es Gott überhaupt gäbe, sinnierte Benedikt unvermittelt - und begann sogleich eine ebenso kurze wie blutleere Meditation über die Spuren des Göttlichen in der Größe des Kosmos, in der Vernunft und in der Schönheit. Aber ist es denn diese Frage, die hierzulande die meisten Menschen umtreibt, wenn sie an den Papst denken und die Kirche, der er vorsteht? Nur die, das Gros der Gesellschaft, kann Benedikt ja gemeint haben. Denn seine Kirchentreuen haben die Frage nach der Existenz Gottes längst bejaht. Welche Frage aber fällt den Suchenden und Kirchenfernen wohl zuerst ein vor diesem Besuch?

Das wären Ihre Themen gewesen…

Vielleicht die Frage nach dem immer noch nicht aufgearbeiteten Missbrauchsskandal hier und in anderen Teilen der Weltkirche? Oder die Frage, ob 5000 Euro für das Leid einer vergewaltigten Kinderseele angemessen sind? Womöglich treibt viele Menschen hierzulande auch die Frage um, warum es ein barmherziger Gott zulassen kann, dass seine vermeintlichen Vertreter auf Erden so unbarmherzig erscheinen können, wenn sie auf Menschen treffen, deren Ehe gescheitert ist und die dennoch eine neue Bindung suchen. Oder auf Menschen, deren einziges "Vergehen" es ist, sich zum eigenen Geschlecht hingezogen zu fühlen. Vielleicht beschäftigt sie auch das: Warum für einen Hausmeister oder eine Krankenschwester im kirchlichen Dienst nicht dieselben Arbeitnehmer- und Tarifrechte gelten wie sonst in der deutschen Wirtschaft. Oder auch, was bei einer angeblichen Trennung von Staat und Kirche Religionsvertreter in Rundfunkräten öffentlich-rechtlicher Sender zu suchen haben.

Richtig, es sind immer die selben "ollen Kamellen", die vielen einfallen, wenn sie "Papst" oder "Kirche" hören. Vielleicht aber sind diese Vielen gar nicht so störrisch oder schwer von Begriff, wie es Priester und Prälaten glauben könnten. Vielleicht fallen einem diese Fragen ja deshalb wieder und wieder ein, weil es darauf auch nach der x-ten Wiederholung noch keine befriedigende Antwort gibt. Keine, die das menschliche Leiden beendet oder auch nur lindert, das oft genug hinter solchen Fragen steht.

Mitgefühl statt Antworten

Wie hätte sich dieses "Wort zum Sonntag" angehört, wenn Benedikt auch nur eine dieser oder ähnlicher Fragen aufgegriffen hätte? Wenn er deutlich gemacht hätte, wie sehr er es verstehen kann, dass mancher sich damit herumquält? Dazu hätte es gar keiner Antwort bedurft, keines Sprunges über den lehramtlichen Schatten. Nur Mitgefühl hätte es gebraucht und einen suchenden Sinn für das, was Menschen wirklich beschäftigt, wenn sie es in diesen Zeiten und in diesem Land mit Papst und Kirche zu tun bekommen.

Vieles spricht dafür, dass etliche von ihnen Gott tatsächlich suchen, ja vermissen, wie der Papst in seiner Ansprache vermutet. Aber bevor er und seine Kleriker darauf eine Antwort geben können, die glaubwürdig ist und nur darum auch Gehör finden kann, müssen sie sich ganz anderen Fragen stellen. Davon aber war nichts zu bemerken.

Der Besuch des Papstes hat noch nicht begonnen und sollte der Fairness halber nicht bewertet werden, bevor Benedikt den Rückflug angetreten hat. Doch die kurze Fernsehansprache, mit der er einen Auftakt setzen wollte, lässt für die kommenden Tage wirklich "keine Sensationen" erwarten. Belangloser jedenfalls hätte dieses Wort an die Landsleute kaum ausfallen können.


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