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Papst Benedikt XVI.: Ein strenger Vater

Er hat den Handkuss abgeschafft und will lieber schlicht als ergreifend sein. Papst Benedikt XVI. trifft mit seinem konservativen Denken den Nerv der jungen Gläubigen.

Er hat den Handkuss abgeschafft und will lieber schlicht als ergreifend sein. Benedikt XVI. trifft mit seinem konservativen Denken den Nerv der jungen Gläubigen, die nächste Woche nach Köln zum Weltjugendtag kommen. Der Papst-Biograf Peter Seewald über den unbeirrten Oberhirten, der auch ihn wieder für die Kirche gewonnen hat.

Die Sonne brennt am Firmament, und vom Meer weht eine leichte Brise, als sich der Helikopter dem Ufer nähert. Die ersten reißen die Arme hoch. Und als das fliegende Papamobil über der Menge kreist, bricht eine Welle der Begeisterung aus. 200 000 Menschen sind am Strand zusammengekommen, doppelt so viele wie erwartet, drei Viertel davon junge Leute. Aus riesigen Lautsprechertürmen ertönen Fanfarenklänge. "Viva il Papa", schallt es über den Platz. Transparente werden hochgehalten. "Coraggio ti voliamo bene", heißt es auf einem, "nur Mut, wir mögen dich".

Von der Euphorie

der Massen lässt sich der kleine Papst jedoch kaum beeindrucken. Er predigt vor ihnen über ein Thema, das selbst katholischen Jugendlichen ein wenig sperrig erscheinen mag: über den Sonntag und die unverzichtbare Nahrung der Eucharistie. Dennoch wird es auf dem Open-Air-Gelände still. Und als der alte Mann am Altar mit seiner brüchigen Stimme das "Sanctus" anstimmt, brandet ein jubelnder Chor auf.

In dieser Minute hat nach dem Kardinalskollegium auch das italienische Volk Benedikt XVI. per Akklamation als seinen Oberhirten bestätigt. Am liebsten hätten die Italiener Ratzinger Ende Mai bei seiner ersten Reise nach Bari in Süditalien gleich ganz für sich reklamiert. Im Kernland der katholischen Kirche jedenfalls hebt sich die Herzlichkeit des Empfangs auffällig ab von der Distanziertheit der Deutschen.

Als in Bari Hunderte von Priestern ausziehen, um die Kommunion zu spenden, tragen viele von ihnen Dreitagebärte, coole Sonnenbrillen und Jeans und ein Hemd mit Priesterkragen dazu. "Die Kirche ist gar nicht alt und unbeweglich", sagt der Papst, "nein, sie ist jung." Und es sei auch nicht wahr, dass die Jugend nur "materialistisch und egoistisch ist. Das Gegenteil ist wahr: Die Jugend will das Große. Sie will, dass dem Unrecht Einhalt geboten wird. Sie will, dass die Ungleichheit überwunden und allen ihr Anteil an den Gütern der Welt gegeben wird. Sie will, dass die Unterdrückten ihre Freiheit erhalten. Sie will das Gute. Und deswegen ist die Jugend - seid ihr - auch wieder ganz offen für Christus". Dann fügte er hinzu: "Wer die Bequemlichkeit sucht, der ist bei Christus allerdings an der falschen Adresse." Bei Benedikt XVI. auch.

"Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen Ihn gar nicht wahr?", klagte er an, "wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum Ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit?" Er möchte sich ganz "einer inneren Erneuerung" verschreiben, hatte er nach seiner Wahl erklärt. Und damit bestätigt, dass Papst Ratzinger tut, was schon Kardinal Ratzinger für unabdingbar hielt. "Die Kirche muss sich von ihren Gütern trennen, um ihr Gut zu bewahren."

Mit diesem Papst, glaubt denn auch der Münchner Theologe Eugen Biser, werde das Christentum konsequent auf seinen Ursprung zurückgeführt, und damit auf Jesus Christus selbst. Der Papst sei nicht länger "der Chef der Kirche, nicht das Kultobjekt der Kirche, er steht anstelle eines anderen, der allein geliebt und an den geglaubt werden muss". Dreh- und Angelpunkt dafür ist die Konzentration auf den Kern der katholischen Lehre, besonders auf die Heiligkeit der Eucharistie. Die Regierung Ratzinger will wieder an das anknüpfen, was das Christentum von einer kleinen galiläischen Sekte zur mächtigsten Kirche der Welt machte: lehren, helfen, heilen. Es wäre die Rückkehr zu den Wurzeln, zu einem reinen Werk der Barmherzigkeit, zum Ursprung des Mysteriums - es wäre eine Benediktinisierung der katholischen Kirche.

Zu Hilfe kommen könnte dem 78-jährigen Oberhirten dabei eine neue Generation junger Christen, die den Glauben wieder in seiner ganzen Kraft und Fülle erleben wollen, unverkrampft und fromm. Diese neue Jugendbewegung war über Nacht aufgetaucht, als habe das lange Leiden und Sterben Johannes Pauls II. verschüttete Energien freigesetzt. "Wir arbeiten nicht, um eine Macht zu verteidigen", sagt Benedikt XVI. "In Wahrheit arbeiten wir, damit die Straßen der Welt offen sind für Christus." Gegenwind und Geisterfahrer hat er dabei einkalkuliert. Denn selbst vor dem Apparat der Kirche, der an seiner Größe zu ersticken droht, will dieser Pontifex nicht Halt machen.

Die Römer

wunderten sich, als sie auf dem Umzugs-Lkw die Secondhand-Möbel ihres "Papa Tedesco" sahen, darunter alte Bücherregale, die nun zentimetergenau wieder aufgebaut wurden, mit jedem Buch am alten Platz. Drei Ordensschwestern und ein Kammerdiener arbeiten im päpstlichen "Appartamento". Außerdem Privatsekretär Georg Gänswein, 47, die blonde Eminenz der neuen Regierung. Zu dem bisherigen Arbeits- und Schlafraum kam ein Wohnzimmer hinzu, und neu ist auch das Trimmrad, das Doktor Buzzonetti besorgte, der 81-jährige Leibarzt des Papstes; extrahart eingestellt.

Ratzinger ist anders. Er empfängt im Gegensatz zu seinem Vorgänger selten Besucher zum Essen. Wenn er betet, tut er es meist allein. Ein TV-taugliches Reli-Tainment wird es mit ihm genauso wenig geben wie einen "eiligen Vater", der von Event zu Event jettet. Der Neue versteckt sich nicht, aber er will nicht das Spektakuläre tun, sondern das Wichtige. Wenn manche seiner Bewegungen etwas linkisch wirken, dann hat das mit seinem Stil zu tun. Er mag es, etwas kleiner und unsicherer zu wirken, als er in Wirklichkeit ist. Aber er kokettiert nicht damit, die Bescheidenheit ist echt. Ein Übergangspapst ist er schon deshalb nicht, weil er als zweiter Mann im Vatikan im Grunde schon eine Amtszeit hinter sich hat. Entscheidungen in Personalfragen allerdings, die er schon als Erzbischof in München so hasste, würde er am liebsten ganz dem Heiligen Geist überlassen. Wie etwa, wer Leiter der Klerus-Kongregation, des Vatikan-Ministeriums für die Priesterschaft, werden soll. Oder wie lange Kardinal Sodano noch Staatssekretär bleiben wird.

Am schlimmsten empfand

Ratzinger das Gefühl, als Papst eingesperrt zu sein. Nicht mehr einfach in sein Haus bei Regensburg reisen zu können, nach wie vor der Erstwohnsitz des Papstes. Jeden seiner Spaziergänge muss er anmelden. Umgekehrt wurden alte Verbindungen gekappt, darüber wacht eifersüchtig der ehrgeizige Sekretär Gänswein. Da gibt es die mühsamen Audienzen, das stundenlange Studium von Akten. Im 200-köpfigen Staatssekretariat gehen Tausende von Vorschlägen, Anträgen und Bittgesuchen ein. Täglich soll der Papst zu irgendeinem neuen Fall von Terror, einer Naturkatastrophe oder einer diplomatischen Verwicklung Stellung nehmen. Und zwischendurch läutet das silberne Papsttelefon mit der Direktverbindung zu Präsidenten und Ministerpräsidenten.

Die Klassentreffen, so schrieb er per Hand wehmütig an den Weiß Franz in Traunstein, müssten künftig wohl ohne ihn stattfinden. Nie zuvor telefonierte er so häufig mit seinem älteren Bruder in Regensburg. Als Kinder hatten sie sich "Josepherl" und "Georgerl" genannt. Seit Joseph zunehmend italienisierte, ruft ihn Georg "Giuseppe", was irgendwie so klingt wie bayerisch und italienisch zugleich. Manchmal aber macht sich der Papst klammheimlich aus dem Staub und trifft sich zum Plausch außerhalb der Kurie. Daran hat der alte Mann, der noch immer etwas Freches an sich hat, vor allem wenn sein weißer Schopf wie bei Pinocchio aus dem Scheitelkäppchen hervorlugt, eine spitzbübische Freude.

So behutsam Benedikt XVI. seinen Anfang auch gestaltete, der neue Stil des Hauses wurde schnell deutlich. Stillschweigend schaffte er den Handkuss ab. Als Nächstes verschwand die Tiara aus dem päpstlichen Wappen, Symbol auch für die weltliche Macht seines Thrones. Wojtyla hatte sich angewöhnt, in der Einzelperson zu sprechen, Ratzinger führte nach dem "Ich" wieder das päpstliche "Wir" ein, um nicht die Person, sondern das Amt und die bischöfliche Kollegialität in den Vordergrund zu stellen. Vatikanmitarbeiter bestätigen, vieles sei nun straffer, effizienter, transparenter geworden. Alle Seligsprechungen wurden an die Kurie delegiert; Kardinäle haben wieder direkten Zugang zum Chef; Bischofssynoden werden zeitlich verkürzt - weniger ist mehr.

Als Zeichen der Integration

bat er Kardinal Carlo Maria Martini, eine Vorzeigefigur der Liberalen, zu einer seiner ersten Audienzen. Seinen früheren Kontrahenten Kardinal Walter Kaspar, im Vatikan zuständig für die Ökumene, hob er nicht nur neu in den Sattel, sondern gab ihm auch noch einen kräftigen Schubs. Seither verkehrt der Kurier des Papstes zwischen Rom und den Höfen der orthodoxen Patriarchen nur noch im Galopp.

Auch der Dialog mit dem Judentum hat bei Benedikt XVI. hohe Priorität. Israel Singer, Vorsitzender des Jüdischen Weltkongresses, freute sich über die Wahl des neuen Pontifex, denn dieser Mann, sagt er, habe in den letzten zwanzig Jahren durch seine Theologie und Freundschaft "die zweitausendjährige Geschichte der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum verändert". Die erste Amtshandlung war ein Brief an die jüdische Gemeinde von Rom. Kurze Zeit später unterbrach er das Seligsprechungsverfahren für einen französischen Priester, dem antisemitische Reden vorgehalten werden. Als Ende Juli eine Kritik des israelischen Außenministeriums, der Papst habe sich nicht zu einem Attentat in Netanja geäußert, kurzfristig für diplomatische Dissonanzen sorgte, sprangen Benedikt sofort 130 Rabbiner bei, die sich in einer Erklärung von der Regierung in Jerusalem distanzierten.

Ratzinger gab beizeiten wichtige Impulse für die Entwicklung der Ökumene. Er wolle sich unermüdlich "für die Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit" einsetzen. Der Papst prägte dafür den Begriff "spirituelle Ökumene". Damit will er verhindern, dass der Prozess sich weiterhin im Gestrüpp der Niederungen verheddert und bei zweitrangigen Fragen stecken bleibt. Ob orthodox-katholisch, katholisch-orthodox oder auch evangelisch-katholisch - nicht alle Wege führen nach Rom, aber das Tor zur Einigung könnte da gebaut werden, wo die Schnittmengen am größten sind.

Entgegenkommen könnte Benedikt XVI.

dabei die neue Sehnsucht nach Sinnlichkeit, Ruhe und Romantik. Für die neuen Katholiken ist die Kirche schon längst nicht mehr trotz, sondern gerade wegen ihrer Prinzipienfestigkeit wieder attraktiv. Ihren fest gefügten Wertekanon begreifen sie in einer Zeit der Auflösung bisheriger Regeln und Verhaltensmuster als wertvolle Orientierungshilfe. Gebete und Gottesdienste sind ihnen Medizin gegen den stressigen Alltag der Leistungs- und Konsumgesellschaft. Und dass die Kirche auf Wahrheit besteht, macht sie in den Augen der jungen Gläubigen nicht zum Gespött, sondern zur Orientierung gebenden Instanz. "Der Papst ist wie meine Oma", beschrieb ein Jugendlicher in einer Internet-Aktion der Katholischen Jugend sein Verhältnis zu Benedikt XVI., "die sagt auch immer das gleiche, und ich mache es dann anders. Aber eigentlich weiß ich, dass sie Recht hat."

Joseph Ratzinger ist der geborene Lehrer, Papst werden aber wollte er nie. Schon in das Amt des Präfekten der Glaubenskongregation musste Karol Wojtyla seinen Cheftheologen, der so gerne Professor geblieben wäre, geradezu hineinzwingen. Danach sollte endgültig Schluss sein. Bei der Eröffnung des Konklave am 18. April gebrauchte er dermaßen harsche Worte, dass seine Predigt nur als Antiwahlwerbung verstanden werden konnte.

Auch die päpstlichen Hofschneider waren nicht auf Ratzinger vorbereitet. Als er rekordverdächtig bereits am Tag darauf um 18 Uhr gewählt war, lagen im "Zimmer der Tränen", dem Ankleideraum neben der Sixtinischen Kapelle, drei Gewänder bereit. Eines lang, eines breit, eines für Untersetzte - keines passte. Die Soutane viel zu kurz, die Pantoffeln zu eng, und aus den halblangen Ärmeln sah ein abgewetzter schwarzer Pullover heraus. "Wie zusammengeflickt", murrte einer der Kurialen an seiner Seite.

Doch die inhaltlichen Einwände

schienen gravierender: ein "Großinquisitor" als Stellvertreter Christi. Ein alter Mann, der sich nach Ruhe sehnt, war Leiter der größten globalen Organisation auf Erden geworden. Ein scheuer Intellektueller auf dem Stuhl des Menschenfischers. Und dann auch noch ein Deutscher. Ein Friedensfürst - ausgerechnet aus dem Land der Kirchenspaltung und des Naziterrors? Waren den beiden großen Schismen - die Spaltung in Ost-und Westkirche und die Reformation Luthers - nicht jedes Mal deutsche Päpste vorangegangen?

Vorsorglich legte der erste Deutsche, der seit der Reformation den Stuhl Petri in Besitz nimmt, schon mal ein Schulterband mit roten statt der bisherigen schwarzen Kreuze um, letztmals getragen, als die Kirche noch ein Ganzes war. Von Leo IX., ebenfalls einem Deutschen. Dessen Gedenktag, der 19. April, war dann auch der Tag, an dem aus Joseph Ratzinger Benedikt XVI. wurde.

Doch in dem Moment, in dem er die Arme hob, die Finger spreizte und freudig den 100 000 Menschen auf dem Platz entgegentrat, so glaubt Bruder Georg, waren die Zweifel beiseite gewischt, da "hat er diesen geistigen Sprung gemacht. Die Haltung war: Das will der liebe Gott von dir, das musst du jetzt machen, und zwar fröhlich und nicht gezwungen". Auch die Skepsis der Beobachter schwand.

In Italien berichteten die Medien nicht mehr nur über einen "Cardinale No", sondern über einen Präfekten, der am Borgo Pio spazieren ging, sich mit Katzen unterhielt und bei Obstverkäufern nach den besten Äpfeln für Strudel fragte. "Seine Wahl ist eine gute Nachricht", sagte selbst Massimo D'Alema, ein Führer der Post-Kommunisten, "ich habe Sympathie für Menschen mit Intellekt und Kultur."

Jeweils 30 000 bis 60 000 Menschen erwarten Benedikt XVI. seither sonntags und mittwochs auf dem Petersplatz. Millionen Menschen gingen weltweit in Buchläden, um sich über Ratzinger selbst ein Bild zu machen. Täglich laden tausend Hörer das aktuelle Programm des Radio-Vatikan-Kanals "105-live" auf ihren MP3-Player, um beim Joggen oder Busfahren die beruhigende Stimmlage ihres "Beee-ne-detto" zu hören.

Wojtyla hat gepflügt und gesät, sein Nachfolger will nun hegen und pflegen, bewässern und aufziehen - und zurechtschneiden. Ganz nach dem benediktinischen Motto: Zurückgeschnitten grünt es wieder neu.

Mit Ratzinger wird die Kirche politischer und kämpferischer. Sie ist keine One-Man-Show, sondern eine Glaubens- und Wertegemeinschaft, die sich im Auftrag der nächstfolgenden Generation dem Verfall der Gesellschaft entgegenstellt. "Wir wollen kein Reich der Macht gründen", erklärt der Nachfolger Petri, "aber wir haben etwas mitzuteilen." Und wer wirklich den Wechsel wolle, macht Benedikt XVI. klar, brauche zuallererst einen Wandel des Bewusstseins und des eigenen Verhaltens. Beim Weltjugendtag in Köln wird sich zeigen, wie weit der Papst mit dem deutschen Pass auch die eigenen Landsleute begeistern kann.

Peter Seewald / print