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Papst-Besuch in Deutschland: Die große Arbeit hinter dem perfekten Auftritt

Während des Papstbesuchs stand halb Deutschland Kopf. Ganze Felder wurden umgegraben, Fahrten achtmal geprobt, Stühle umlackiert. Und es wurde dafür gesorgt, dass Papst Benedikt XVI. seine geliebte Fanta trinken kann.

Von Christoph Wirtz

Ganz zum Schluss der Reise unterläuft Monsignore Georg Gänswein dann doch ein Fehler. Vier Tage lang hatte der päpstliche Privatsekretär unter den kritischen Augen der Öffentlichkeit mit größter Eleganz und Routine Redemanuskripte auf Pulten platziert, Gastgeschenke diskret zur Seite geräumt, Rosenkränze im Namen des Heiligen Vaters verteilt oder ihm über Stufen hinweggeholfen. Und nun sitzt der Prälat ausgerechnet beim letzten Termin der päpstlichen Reise durch Deutschland am späten Sonntagnachmittag im Freiburger Konzerthaus am Rand der Bühne und verpasst seinen Einsatz.

Die letzten Takte Mozart sind verklungen, die Begrüßung des Erzbischofs verhallt, alles wartet. Nichts geschieht. Der Papst schaut um sich. Kardinalstaatssekretär Bertone schaut um sich. Sekunden werden zu Ewigkeiten. Unruhe macht sich breit. Da endlich geht ein Ruck durch Gänswein, er öffnet die weiße Mappe mit dem päpstlichen Siegel auf seinen Knien, kramt in den Papieren und bringt dem Papst schließlich eiligen Schrittes seine Ansprache – begleitet von Sympathiebeifall des Publikums. Freiburg ist die Heimatdiözese des Schwarzwälders Gänswein.

Kleine Fehler wirken riesengroß, wenn sie in einem nahezu perfekten Umfeld passieren. Und annähernd perfekt war die Organisation des dritten Besuchs von Papst Benedikt XVI. in seinem Heimatland. Perfekt und unfassbar aufwendig. Rund 105 Stunden verbrachten der Papst und seine 33-köpfige Entourage in Deutschland, vom ersten Salutschuss auf dem militärischen Teil des Berliner Flughafens Tegel bis zum letzten Winken auf dem Rollfeld in Lahr bei Freiburg. Das Protokollbuch des Auswärtigen Amts mit geprägtem Bundesadler zählte rund 300 Seiten – als das Programm in Rom vorgestellt wurde, soll der Papst um "Erbarmen" gebeten haben.

17 Ansprachen und fünf Großgottesdienste mit mehr als 250.000 Menschen lagen auf seiner 21. Auslandsreise in Berlin, Erfurt und Freiburg vor dem 84-Jährigen. Allein für den Vespergottesdienst im thüringischen Eichsfeld mussten auf einem 25 Hektar großen Feld – rund 40 Fußballfelder – dreieinhalb Kilometer Wege angelegt werden, eine 16 Meter hohe Altarbühne wurde gebaut, Handynetze in der Region verstärkt und die A38 auf zehn Kilometern zum Busparkplatz umfunktioniert. Von dort hatten die Gläubigen dann noch drei Kilometer zu Fuß zu pilgern.

Formationsfahrt wurde achtmal geübt

Als besonderer Höhepunkt des Besuchs im Land der Reformation galt die Begegnung mit Vertretern der evangelischen Kirche im Augustinerkloster in Erfurt. Niemals war ein Papst näher an den Wurzeln des Protestantismus als Benedikt XVI. Er saß neben der Grabplatte, auf der Martin Luther sein Mönchsgelübde abgelegt hatte und vor dem Altar, an dem er 1507 seine erste Messe feierte.

In protestantischer Bescheidenheit wurde für den Papst zu diesem historischen Anlass ein äußerst schlichter Armstuhl aus einem Konferenzraum des Landeskirchenamts reaktiviert – immerhin frisch aufgepolstert und auf ausdrücklichen Wunsch des Vatikans von creme auf reinweiß umlackiert. Auf Blumen in der Sakristei der Kirche wurde bewusst verzichtet, dafür hatte Klosterkurator Lothar Schmelz einem Tipp des päpstlichen Reisemarschalls Gasbarri folgend drei Flaschen Fanta für den Papst bereitgestellt – zimmerwarm, des päpstlichen Magens zuliebe.

Knapp drei Dutzend Vorbereitungstermine waren dem anderthalbstündigen Besuch im Kloster vorausgegangen, die Protokollabteilungen von Auswärtigem Amt, Bundespräsidialamt, thüringischer Staatskanzlei; Sicherheitskräfte von BKA, LKA und Schweizer Garde; Fachleute vom Bundespresseamt, der apostolischen Nuntiatur und der Innenministerien von Bund und Land gaben sich die Klinke in die Hand. Am Rande des Besuchs berichtete der Erfurter Bischof Joachim Wanke mit leichter Wehmut, wie er Joseph Ratzinger bei seinem ersten Besuch 1972 im Trabbi durch die Stadt chauffiert hatte.

Im Jahr 2011 bewegt sich Benedikt in Flugzeugen, Hubschraubern und Staatskarossen durchs Land – begleitet von 15 Motorrädern als Ehreneskorte. Während der Papst im Schloss Bellevue mit dem Bundespräsidenten spricht, berichtet Kommissar Gutzeit vom zentralen Verkehrs- und Begleitkommando der Berliner Polizei draußen von den Anforderungen einer Papstbegleitung. Obwohl mit Staatsgästen äußerst erfahren, hat seine Einheit vor dem Besuch des Pontifex die synchrone Formationsfahrt auf gesperrten Polizeiflächen noch achtmal eigens geübt. Gleiches dürfte für die BKA-Fahrer der beiden Papamobile gelten, die der Papst bei seinem Deutschlandbesuch nutzte – die Strecken von Berlin über Erfurt nach Freiburg diskret verhüllt transportiert von einem LKW der klingenden Firma "Megaforce".

Den Rückflug am gestrigen Sonntagabend übernahm dann wie auch schon bei den Besuchen in Köln 2005 und München 2008 die Lufthansa. Selbst der Airbus A321, die "Regensburg", war derselbe wie bei den beiden vorherigen Reisen – das päpstliche Wappen neben der Eingangstür. Für den Papst wurde in der ersten Reihe ein komfortabler Business-Class-Doppelsitz eingebaut, neun Flugbegleiter servierten zum Abendessen über den Alpen auf Wunsch des Vatikans ein Menü ohne Krustentiere und Pilze – die mag der Papst nämlich nicht. Nach der Landung gab es für jedes Crewmitglied noch die Gelegenheit für ein persönliches Foto, dann fuhr Benedikt XVI. zurück in den Vatikan. Am heutigen Montagmorgen soll er gegen 8 Uhr schon wieder am Schreibtisch gesessen haben, am Mittwoch um 10 Uhr ist Generalaudienz auf dem Petersplatz.