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Papst Franziskus und Twitter Das ewige Heil wird nicht gezwitschert


Die Reise zum Weltjugendtag nach Brasilien nahm Papst Franziskus zum Anlass, Follower für seinen Twitter-Account zu sammeln. Mit einem Ablass-Versprechen. Doch so einfach geht's nicht.
Von Frank Ochmann

Viele erheiterte die Meldung zunächst nur wie eine witzige neue App: Wer den Twitter-Botschaften von Papst Franziskus während des kommenden Weltjugendtages in Brasilien folge, so hieß es kürzlich, könne sich am Ende seiner irdischen Tage die Torturen des Fegefeuers ersparen und somit ohne schmerzhafte Zwischenstation in den Himmel kommen. Wahrlich heitere Aussichten zumindest für alle, die daran glauben. Doch als die frohe Botschaft auch in den Vatikan gedrungen war und man dort merkte, wie ernst sie von einigen genommen wurde, beeilten sich die zuständigen Prälaten mit einer Klarstellung: Die Schwere einzelner Sünden vermindert sich demnach nicht, nur weil der höchste Pontifex Frommes unter die Menschen twittert. Und ebenso selbstverständlich gilt auch unter Papst Franziskus weiter die traditionelle kirchliche Bußlehre. Das Heil sei nun mal nicht „wie ein Kaffee am Automaten“ zu erlangen, erklärte Erzbischof Claudio Maria Celli, der Präsident des päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel und in dieser Funktion eine Art „Erzbischof 2.0“.

Doch müssen Follower von @Pontifex Doch müssen Follower von @Pontifex deshalb nicht gleich heulen und mit den Zähnen knirschen. Für das Heil der Seele ist es nämlich nicht einfach egal, ob die Botschaften des Papstes gelesen werden. Allerdings bedarf es noch einiger zusätzlicher Leistungen. Das war übrigens auch schon so, als an Twitter noch niemand dachte und das Fernsehen nur einen einzigen Sender hatte, über den zu Weihnachten und Ostern der päpstliche Segen vom Petersplatz ähnlich verrauscht flimmerte wie die erste Landung auf dem Mond. Doch der Reihe nach.

Dass die wesentliche Unterscheidung für das Leben nach dem Tod traditionell die zwischen Himmel und Hölle ist, dürfte auch in einer nachchristlichen Gesellschaft wie der unseren den meisten noch geläufig sein. Dass die erste Alternative die allgemein bevorzugte und die zweite gefürchtet ist, wohl auch. Aber wessen Seele nimmt welchen Weg? Klar: Die Guten nach oben, die Bösen nach unten.

Beichte allein genügt nicht

Nun wussten aber auch schon die Zeitgenossen früherer Epochen, dass die meisten Menschen weder ganz das eine noch das andere sind. Würde schon die kleinste Sünde ausreichen, am Ende vor verschlossener Himmelspforte zu stehen? Natürlich nicht, denn der Allmächtige heißt ja auch der „liebe Gott“. Da sich nun unsere Ahnen den Himmel ebenso wie die Hölle recht irdisch ausmalten, wählten sie auch für den Weg dorthin Bilder, die sie kannten und die auch jene verstehen konnten, denen sie davon berichten wollten. So kam es auf der Basis antiker Vorbilder etwa ab dem 6. und verstärkt im 12. Jahrhundert zu einem Jenseits-Strafrecht, dessen Urteile erst nach dem Tode abzusitzen waren.

Wer dann aber ins theologisch dafür vorgesehene „Fegefeuer“ einfuhr, weil er gesündigt hatte wie so viele, war deswegen nicht schon für immer verloren. Nach einer Phase himmlischer Resozialisierung winkte ihm am Ende vielmehr jenes Heil, dass auch die Frömmsten nicht heiler erleben konnten. Nur bedurfte es dazu halt einer Läuterung, die von der Art und Schwere der jeweils begangenen Sünden abhing. War das nicht schon der Gerechtigkeit geschuldet? Im „Purgatorium“, dem Reinigungsort auf dem Weg zur ewigen Seligkeit, bemaß sich die Verweildauer also nach dem Grad geistig-geistlicher Verschmutzung – Jahre, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende konnten das irdischer Zeit entsprechend sein, wie in der einschlägigen Literatur zu lesen ist. Und das, obwohl der Weg in den Himmel für die arme Seele prinzipiell schon frei und die „ewige Sündenstrafe“ (= Hölle) zum Beispiel durch die Beichte erlassen war. Doch die Vergebung allein beseitigt nicht auch schon den mit den jeweiligen Verfehlungen angerichteten Schaden – wie auf Erden, so im Himmel und auch auf dem Weg dorthin.

Die Bußlehre bleibt

Verständlicherweise suchten die Menschen bald nach Mitteln, um sich selbst und auch dem einen oder anderen lieben Verstorbenen die lange Pein ersparen zu können. Und so war es der berühmt-berüchtigte „Ablass“, der die angesammelten zeitlichen Sündenstrafen ganz oder teilweise und in jedem Fall nur von Amts wegen löschte. Denn schließlich stand doch im Matthäus-Evangelium, Jesus habe Petrus zugesagt, es sei auch im Himmel gebunden oder gelöst, was der auf Erden binde oder löse (Mt 16, 19). Musste diese Vollmacht dann aber nicht auch für die Nachfolger Petri gelten? Die nachgefragten Gegenleistungen für das päpstliche Binden und Lösen wechselten jedenfalls. Im schlimmsten Fall reichte schließlich ein Griff in die Geldbörse, um sich das Heil zu erkaufen. Und so war denn auch der überhand nehmende Ablasshandel einer der Auslöser für die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Wegen solcher Auswüchse gab die katholische Kirche ihre Bußlehre nicht gänzlich auf. Zwar spotteten vor allem Theologiestudenten später, in der weichgespülten Lehre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei die Hölle zugunsten eines „integrierten Gesamthimmels“ abgeschafft worden. Doch nichts da. Auch heute kann ein Ablass gewonnen werden, wenn Mindestvoraussetzungen erfüllt sind. Zum Beispiel die Taufe und Zugehörigkeit zur katholischen Kirche. Wer also wegen schwerer Sünden (früher: „Todsünden“) aus der Gemeinschaft und entsprechend auch vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen ist, muss das erst aus der Welt schaffen, bevor an einen amtlichen Ablass auch nur zu denken ist. Für alle anderen gelten auch heute noch – und auch mit Blick auf den Weltjugendtag in Brasilien – fünf Bedingungen:

1. Reue
2. Eine "echte" Beichte - also der Empfang des Bußsakramentes durch einen leibhaftig anwesenden Priester, nicht etwa über eine App
3. Der Empfang der Kommunion, zum Beispiel bei der Sonntagsmesse
4. Ein Gebet für den Papst, der den Ablass vermittelt (ein Vaterunser etwa)
5. Ein bestimmter Akt, um den Ablass zu empfangen

Genau hier kommt nun der twitternde Papst wieder ins Spiel. Denn der kann – siehe oben oder bei Matthäus – natürlich auch festlegen, was genau erforderlich ist, um die fünfte Aufgabe abhaken zu können. Weihnachten und Ostern etwa reicht es, den päpstlichen Segen im Fernsehen oder auch im Internet zu verfolgen. Eine Wallfahrt zu den römischen Hauptkirchen oder ins Heilige Land kann diesen Zweck ebenfalls erfüllen. Und wer dem Twitterkanal von Franziskus während seines Besuches in Brasilien folgt, entspricht nicht minder der Bedingung Nummer 5. Mehr aber eben auch nicht. Gläubige Katholiken müssen sich auch noch um die vier anderen Erfordernisse kümmern – und idealerweise alles am selben Tag zusammen bekommen oder doch wenigstens innerhalb von etwa drei Wochen, so der Vatikan. Sonst wird leider nichts aus dem Ablass. Twitter hin oder her.


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