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Papst-Freund Wolfgang Beinert: "Demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn"

Er kennt Papst Benedikt XVI. seit Jahrzehnten. Prof. Wolfgang Beinert war Schüler von Joseph Ratzinger und Nachfolger auf dessen Lehrstuhl. Noch heute haben beide regelmäßig Kontakt. Der emeritierte Regensburger Professor und Theologe gehört auch zum Kreis der Freunde und Schüler, die Benedikt jedes Jahr empfängt. Ein Interview.

Sie kennen den Papst seit Jahrzehnten, sind mit ihm befreundet. Wann haben Sie ihm zuletzt gemailt bzw. ihn gesprochen oder gesehen?

Prof Beinert: "Der letzte Briefwechsel fand um den Jahreswechsel herum statt, die letzte persönliche Begegnung im August 2009."

Können Sie sagen, ob sich der Papst im Vatikan heimisch fühlt oder sich doch eher nach Bayern sehnt, zu seinem Bruder, und am liebsten Bücher schreiben würde?

Prof. Beinert: "Ich kenne wenige Menschen, die so in ihrer Heimat verwurzelt sind wie Benedikt XVI. Bis zur Stunde ist er Bürger und Ehrenbürger der Gemeinde Pentling nahe Regensburg, wo er seit seiner Zeit als Professor ein Haus besitzt. "Da ist zutiefst meine Heimat", hat er bei einer Audienz für seine Mitbürgerinnen und Mitbürger bekannt. Es war auch lange sein sehnlicher Wunsch, in "unserem Dorf" und "meinem Häusle" in der Zeit "nach Rom" zu leben und sein wissenschaftliches Werk zu komplettieren. Man darf aber nicht außer Acht lassen, dass er seit mehr als einem Menschenalter in der Tiberstadt lebt und dort ebenfalls viele Verbindungen aufgebaut hat."

Fünf Jahre Pontifikat sind Anlass für eine Zwischenbilanz: Wie, glauben Sie, sieht Benedikt seine Rolle als Papst - als Hüter der Wahrheit, Kämpfer gegen Atheismus, Hedonismus und Relativismus, primär als Bewahrer der Kirche, als postmodernen Kirchenvater, als Pontifex in einer globalisierten Welt?

Prof. Beinert: "Zwischenzeugnisse sind eine umstrittene Sache. Den Tag soll man stets erst am Abend loben oder auch verteufeln ­ auch die Zeit eines Pontifikates kann man nicht anders werten. Wie Benedikt XVI. sich selbst versteht, ist aus seinem Wirken zu erschließen; andere Quellen stehen mir nicht offen."

Wie fällt die Bilanz des bisherigen Pontifikats aus Ihrer Sicht aus?

Prof. Beinert: "Man sollte die Regierungszeit eines Papstes - vom Selbstverständnis des Amtes als Petrus-Amt her - nicht punktuell verstehen, sondern als Teil eines Kontinuums zu deuten versuchen. Benedikt XVI. ist bewusst gewählt worden als jemand, der die Generallinie des Vorgängers, Johannes Paul II., fortsetzen sollte. Das hat er entsprechend der Gestalt seiner eigenen Persönlichkeit wie den Erfordernissen dieser seiner Papstjahre auch angestrebt. Dabei scheint sich aber zu zeigen, dass diese Linie, die der prinzipiellen Intention der neuzeitlichen Kirche entsprochen hat, an ihr Ende gelangt ist."

Können Sie das erläutern?

Prof. Beinert: "Ansätze des Vaticanum II, des Reformkonzils von 1962/65 gewinnen gerade in diesen letzten Jahren überraschende Konturen, die epochale Umwälzungen nach sich ziehen könnten. Nur einige Beispiele: Die Anordnung, Missbrauchsfälle in der Kirche der Staatsanwaltschaft zu übergeben, ist der faktische Verzicht auf die traditionelle "societas perfecta"-Lehre, wonach die Kirche eine in sich geschlossene vollkommene Gesellschaft sei. Diese Vorkommnisse öffnen zudem ein neues Verständnis für die Beziehungen zwischen Kirche und Sünde. Überdies zwingen sie zu einem Überdenken der Sexualmoral. Auch die Bedeutung des Glaubensinns der Gläubigen, des Stellenwertes also der Meinung auch der Nichtamtsträger, muss neu umschrieben werden."

Und was bedeutet dies für die katholische Weltkirche?

Prof Beinert: "Man darf also vermuten, dass dem gegenwärtigen Pontifikat eine Scharnierfunktion zuwächst, so dass spätestens die Nachfolger der Kirche neue Zugänge zur Zeitgenossenschaft mit der so genannten Welt erschließen können. Damit wären zwei der dringlichsten Probleme der modernen Kirchengeschichte gelöst, nämlich die Frage nach der definitiven Stellung der Kirche zur neuzeitlichen Aufklärung ebenso wie die Frage nach dem bestimmenden Bild der Kirche von sich selber."

Inwiefern trägt Benedikt hierzu bei?

Prof. Beinert: "In diesem Kontext wird auch das bedeutende und umfangreiche theologische Werk Ratzingers/ Benedikt XVI. eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen. Nicht zuletzt die Antrittsenzyklika "Deus caritas est" (Gott ist die Liebe) setzt Akzente, die im Duktus des päpstlichen Lehramtes überraschend und weiterführend sind. Bedauerlicherweise wird das viel zu wenig wahrgenommen. Erfreulicherweise gibt es mehrere Initiativen seiner Freunde und Schüler, das Oeuvre zu wahren und zugänglich zu machen."

Benedikt geht es als Lebensthema darum, Glaube und moderne Vernunft zu versöhnen und nicht als Gegensatz zu begreifen und darum, den Blick auf Gott wieder in den Glaubensmittelpunkt zu rücken. Jetzt muss sich der Papst aber um die Piusbrüder kümmern oder um Kirchendisziplinarisches wie die Missbrauchsthematik, macht ihn so etwas amtsmüde?

Prof. Beinert: "Benedikt XVI. hat sich gleich anfangs seines Dienstes als demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn apostrophiert. Er darf sich in allen Wechselfällen seines Wirkens, wie jeder andere Arbeiter mit dieser Beschäftigung, damit trösten, dass er nach den Worten jenes Herrn immer nur ein unnützer Knecht sein wird. Doch das ist ein entlastender Bescheid: Nicht den Arbeitern, auch nicht dem Vorarbeiter, gehört die Plantage, sondern Gott ­ dem man darum auch guten Mutes die Leitung überlassen darf, wenn man bis zur Erschöpfung geschuftet hat. Was der Papst sicher tut."

In seiner ersten Predigt als Papst hatte Benedikt als Ziel benannt, die sichtbare Einheit der Kirche wiederherstellen zu wollen. Viele Christen in Deutschland vermissen konkrete Initiativen hierfür.

Prof. Beinert: "Die Einheit der Kirche zu fördern nach Kräften, ist Basisaufgabe jedes Papstes, mindestens seit zwei Menschenaltern. Herstellen kann er sie ganz gewiss nicht: Die Christenheit ist sich einig, dass sie letztendlich das Werk des Heiligen Geistes sein wird, den sie als eigentlichen Leiter der Kirche glaubt. Wenn freilich diese Förderung gegenwärtig nur minimale Früchte zu zeitigen scheint, wird man die Schuld nicht nur auf einer Seite sehen dürfen. Die allgemeine ökumenische Wetterlage ähnelt der einer Zwischeneiszeit, bei der manche tatsächlich jede Veränderung schon für eine schreckliche Klimaerwärmung halten. Auf der anderen Seite muss man zur Kenntnis nehmen, dass der vatikanische Einheitsrat mit nahezu allen wichtigen Kirchengemeinschaften Kontakte, oft wirklich intensive, aufgenommen hat, natürlich mit Wissen und Billigung des Papstes."

Würden Sie diesen Satz bitten beenden: Ich finde, dass Papst Benedikt in der verbleibenden Zeit seines Pontifikats...

Prof. Beinert: "...erleben, in die Tat umsetzen und zum Wohl der Welt realisieren sollte, was im vatikanischen Protokoll als Beschreibung der je gegenwärtigen Amtszeit dient: feliciter regnans ­ einer der zum Glück, mit Glück, für das Glück sein Amt ausübt."

DPA / DPA