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Papst in Baden-Württemberg: Friede, Freude, Freiburg

In Freiburg traf der Papst endlich wieder auf die Seinen. Die Studentenstadt feierte ein Volksfest, und niemand wollte sich von ein paar Protestlern die Laune verderben lassen.

Von Anna Hunger, Freiburg

Christina Graf wartet seit einem halben Jahr auf den Papst. Sie steht in der Kaiser Joseph-Straße, Freiburgs Fußgängerzone. Um den Hals hat sie sich einen Schal gebunden. "Bayern grüßt Papst Benedikt den XVI.", blau auf weißem Untergrund, den hat sie vom "Pilgerbüro" bekommen, mit dem sie angereist ist. Der Papst sei so ein gescheiter Mann, schwärmt sie, der etwas so kompliziertes wie Theologie in Worte fassen würde, die auch ein normaler Mensch verstünde.

Ein Bekannter aus Hufschlag, dort befindet sich das Elternhaus von Joseph Ratzinger, kannte den Mann noch persönlich, erzählt sie, und wenn damals die beiden Ratzinger-Brüder vorbeiliefen, habe er gesagt "Hui, die zwoa sand was ganz B'sonders".

So schnell vorbei wie ein Besuch im Europapark

Plötzlich brüllt einer: "Da ist er! Da ist er!", ein anderer ruft: "Ich seh' ihn schon". Sie reißen Fotoapparate in die Luft, jubeln, klatschen, während Benedikt an den 25.000 Gästen vorbei in Richtung Münster rauscht, viel zu schnell für eine Fußgängerzone und viel zu schnell für die meisten Fotoapparate. "Wie im Europapark", sagt eine Frau wenig später. "Da steht man auch stundenlang an, um eine Minute Spaß zu haben."

Da ist er also. Der Papst in Freiburg. Um kurz vor halb eins landet der Flieger am Flughafen in Lahr, wo sonst nur Fracht und manchmal Gäste des Europaparks in Rust landen und heute der heiligste Mann der Welt.

Auf der rechten Seite vom Cockpit weht die Deutschlandflagge, links die des Vatikans, ein paar Schulkinder sind da, die in gelben T-Shirts noch gelbere Sonnenblumen überreichen. Gelb ist die Farbe des Vatikans. Winfried Kretschmann, Baden-Würtembergs bodenständiger Ministerpräsident, begrüßt den "Papscht", auf den er sich gefreut hat, den er "sehr schätzt", weil ja so ein Papst selten nach Baden-Württemberg kommt.

"Sehr schönes Gespräch" mit dem Papst

Die beiden Männer kennen sich bereits - zweimal sind sie sich auf Audienzen begegnet, einmal im Gefolge von Günther Oettinger, einmal in dem von Stefan Mappus. Dann verschwinden beide für einige Minuten zum Gespräch im Flughafen. Am Nachmittag wird Kretschmann sagen, das Gespräch sei "sehr schön gewesen". Der Papst habe sich sogar nach Stuttgart 21 erkundigt. In einem Interview hatte Kretschmann gesagt, der Papst habe den Streit in der katholischen Kirche mit dem Streit um den Stuttgarter Bahnhof verglichen.

Um kurz nach zwei kommt der Papst im Freiburger Münster an. Die "Besondere Aufbauorganisation Mitra", die Sondereinheit der Polizei für die Sicherheit des Papstes, dürfte erleichtert sein. Der Super-GAU wäre gewesen, wenn der Stellvertreter Gottes mit seinem Papamobil in einem der kleinen Bächle, den offenen Wasserläufen, die durch die Fußgängerzone schlängeln, gelandet wäre, scherzt einer.

Die Beamten von BKA und LKA langweiligen sich

4000 Einsatzkräfte der Polizei sind für die Sicherheit des Papstes zuständig. An jeder Ecke sitzen Polizisten in ihren Kastenwagen und langweilen sich furchtbar. Der Papst wird als Staatsoberhaupt des Vatikan vom Bundeskriminalamt bewacht, die Kollegen vom Landeskriminalamt kümmern sich um Terrorgefahren. Sogar Atilla S., Mitglied der Sauerlandgruppe, und zurzeit auf Bewährung in Freiburg, wurde an diesem Wochenende aus der Stadt ausquartiert. Die Innenstadt ist gesperrt und mancher Anwohner muss sich wohl noch gedulden, bis er wieder nach Hause kann. Dieser ganze Klimbim nerve, sagt einer.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, das Asylbewerberheim am Flugfeld hätte mit Folie verkleidet werden sollen, damit Freiburg im Fernsehprogramm auch schön sauber aussieht. Das sei eine Ente, sagt Bürgermeistersprecher Preker. Natürlich.

Eine Uhr als Gastgeschenk

Um zwei Uhr wird der Papst von Dompropst Paul Wehrle begrüßt, er schreitet erhaben durch das Münster. Begrüßung durch den Ministerpräsidenten Kretschmann und Oberbürgermeister Dieter Salomon samt Geschenkübergabe. Rund um die Säulen, geschmückt mit den Jüngern Jesu, hängen Flachbildfernseher, die den heiligen Vater auch in die letzte Reihe der handverlesenen Münstergäste übertragen.

In Berlin hatte Benedikt XVI. ein gregorianisches Notenblatt von Angela Merkel überreicht bekommen, in Erfurt ein Gemälde und in Freiburg bekommt er von Winfried Kretschmann eine Junghans-Uhr aus dem Schwarzwald und von Bürgermeister Dieter Salomon eine silberne Schale überreicht, in der sich eine Figur dreht, solarbetrieben versteht sich.

5000 Unterschriften gegen den Eintrag ins Goldene Buch

Auf dem Rathausplatz stehen die, die eigentlich verhindern wollten, dass sich der Papst ins Goldene Buch der Stadt einträgt: Albrecht Ziervogel, Sprecher des Bündnisses "Freiburg ohne Papst". Grauer Bart, regenbogenfarbenes Bändchen am Arm, erfrischend sarkastisch, er schnaubt: Der Papst vertrete demokratiefeindliche, frauenfeindliche, schwulen- und lesbenfeindliche Ansichten. Fast 5000 Unterschriften hatte das Bündnis gegen den Eintrag ins Goldene Buch gesammelt, aber die Stadt habe die Petition abgelehnt, sagt Ziervogel.

Mit den Protesten habe er gerechnet, sagt Bürgermeister Dieter Salomon. 400 Anti-Papst-Demonstranten seien schon am Vorabend durch die Straßen gezogen. "Das habe ich hier vier mal die Woche", sagt er. Das sei kein großer Widerstand.

Benedikt wollte Kohl unbedingt treffen

Der Papst sitzt währenddessen schon mit Vertretern der orthodoxen Kirche im Priesterseminar und würdigt die Gemeinsamkeiten der Katholiken und der Orthodoxen. "Unter den christlichen Kirchen und Gemeinschaften steht uns die Orthodoxie am nächsten", sagte Benedikt XVI. laut Manuskript bei der nicht öffentlichen Zusammenkunft. Das lasse hoffen, dass der Tag nicht mehr fern sei, an dem beide Kirchen wieder gemeinsam Eucharistie feiern können.

Später traf er sich mit Seminaristen des Priesterseminars, mit dem Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und mit Altkanzler Helmut Kohl. Es sei der ausdrückliche Wunsch Benedikts gewesen, auch noch den Kanzler der Einheit in Freiburg zu treffen, lässt die Erzdiözese Freiburg im Vorfeld verlauten.

Glücklich ist, wer einen Papstsegen hat

Um kurz nach fünf sitzen sich die beiden Männer dann gegenüber. Kohl, im Rollstuhl und Benedikt auf einem gut gepolsterten Sessel. Sie sind sich schon einmal begegnet, als Kohl mit Benedikts Vorgänger Johannes Paul durch das geöffnete Brandenburger Tor schritt. Damals hatte sich keine Gelegenheit für ein Gespräch geboten. Jetzt würdigte Benedikt das Lebenswerk des Altkanzlers.

Am Rathausplatz stehen ein paar Frauen in rosafarbenen T-Shirts unter rosaroten Regenschirmen. Sie halten zwei Banner, auf denen "Papstfrei" und "Rosa Zone" steht und verteilen aus einer Schultüte heraus "Ablassbriefe". "Auch nen Ablassbrief", fragt eine der Frauen eine Passantin. "Ne", sagt die "ich hab schon nen Papstsegen".