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Papst in Brasilien: Ein freundlicher Radikaler

Während seiner ersten Auslandsreise baut Jorge Mario Bergoglio weiter an einer Kirche für die Armen, Dabei vergisst Papst Franziskus nicht, welche Probleme in Rom auf ihn warten.

Von Frank Ochmann

Natürlich konnte diese Reise zum Heimatkontinent nicht gänzlich misslingen. Was Papst Franziskus dort allerdings trotz heftiger Regengüsse erlebt, ist nicht weniger als ein Triumphzug - oft auf der Rückbank eines silbergrauen Fiat Idea. Seinem inzwischen schon fast selbstverständlichen Stil bleibt Franziskus auch in Brasilien treu. Und so verzichtet er auf gepanzerte Limousinen und wirft gleich zu Beginn der Reise den Terminplan um, damit er auf dem Weg vom Flughafen näher bei den Menschen sein kann. So nah ist er denen dann, dass sein Sekretär und die Sicherheitskräfte es mit der Angst zu tun bekommen. Franziskus aber ist vergnügt, winkt und greift nach all den Händen, die sich ihm entgegenstrecken.

Dem argentinischen Menschenrechtler Gustavo Vera, einem Mitstreiter aus der Zeit als Erzbischof von Buenos Aires, vertraute Franziskus bei dessen Besuch im Vatikan kürzlich an, er dürfe doch bei all den ungelösten Problemen und seiner Verantwortung für über eine Milliarde Katholiken eigentlich nicht in den Schlaf finden. Tatsächlich aber spüre er in sich eine Ruhe, die nicht von ihm selbst stammen könne. Alle, die ihn aus der Nähe beobachten können, bestätigen diese Gelassenheit. Und auch in Brasilien ist sie augenfällig: Es geht ihm offensichtlich gut, diesem Papst, der erst vor wenigen Monaten eine Kirche geerbt hat, die mancher wegen ihrer Skandale und Starrheit schon fast als hoffnungslosen Fall abgeschrieben hatte. Es ist nun dieselbe Kirche mit fast denselben Problemen, der Franziskus vorsteht. Und doch ist von der Düsternis des glücklosen Ratzinger-Pontifikats schon nach den ersten Monaten nicht viel geblieben.

Franziskus erobert die Herzen

Natürlich liegt das zu allererst an einem Mann, der so ohne jeden Vorbehalt auf Menschen zugehen kann, wie das an der Spitze der Kirche seit den Anfangsjahren Johannes Pauls II. nicht mehr zu erleben war. Lange ist das her. Und auch dadurch wirkt es jetzt so erstaunlich, dass ein Papst andere herzlich umarmt, drückt, küsst. Mag sein, dass da die argentinische Seele durchscheint. Ganz sicher aber auch eine Haltung, die bei aller - auch bewusst zur Schau getragenen - Gefühligkeit nicht weniger durchdacht ist, als es die Traktate und Predigten Benedikts waren. Doch wo Benedikt auf den Kopf zielte, hat es Franziskus auf die Herzen abgesehen.

Und die erobert er im Sturm. Seine bloße Anwesenheit auf der Bühne am Strand von Rio de Janeiro reicht, um etwa die Vertreterin der Jugend Amerikas dermaßen zu Tränen zu rühren, dass sie die Begrüßung des Papstes kaum noch über die Lippen bekommt. Erst an seiner Schulter kann sie sich kurz darauf etwas beruhigen.

Ein Mächtiger, der sich den Armen zuneigt

Immer wieder sind solche Szenen zu beobachten. Vor allem da, wo die Menschen, vielleicht zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben, den Eindruck gewinnen, dass da ein Mächtiger gekommen ist, der ihnen von Herzen zugeneigt ist und ihnen glaubhaft verspricht, sich für sie einzusetzen. Wenn dieser Papst schon früh in seinem Amt gemahnt hat, ein Hirte müsse nach seinen Schafen riechen, dann sind es Begegnungen wie in der Favela von Varginha am Rand von Rio, die spürbar machen. was er damit meint Und dabei verliert der Begriff vom "Schaf" zugleich all das Herabwürdigende und Infantilisierende, das im klerikalen Umfeld sonst so leicht mit ihm verbunden ist.

Franziskus redet einfach, verkündet nicht geschliffene Gedanken von der Kathedra herab, sondern spricht zum Beispiel davon, wie schön es doch sei, dass sie, die Armen, lieber die Suppe mit Wasser streckten als einen Gast wegzuschicken. Schon wird das Bild zum Politikum: Franziskus kombiniert seine simplen Sätze so geschickt, dass am Ende kein Freiraum mehr bleibt, wenn es um die Solidarität mit den Armen geht. "Wir alle müssen lernen, die Notleidenden zu umarmen", fordert er. Und dabei wird der Blick ernst, die Stimme lauter, und der energisch gestreckte Zeigefinger verrät, dass das keine Bitte ist, sondern eine Grenzziehung - der Gott Jesu Christi und alle, die ihm folgen wollen auf der einen Seite, die "Götzen der Welt" und ihre Jünger auf der anderen.

Auch Benedikt hat nie etwas anderes vertreten. Nie aber brach diese Haltung mit einer solchen Kraft aus ihm heraus wie bei seinem Nachfolger. Der ist ein freundlicher Radikaler und tankt in diesen brasilianischen Tagen zwischen Jugendlichen, Drogenabhängigen und Frommen nach. Keineswegs nämlich hat er vergessen, was in Rom an Aufgaben auf ihn wartet. Wie ein Sinnbild für die vielen ungelösten Probleme läuft hinter dem neuen Papst noch der alte Kardinalstaatssekretär her. Benedikt hatte Tarcisio Bertone ins zweithöchste Amt des Vatikans gehoben, und auch rund um Sankt Peter gilt der 78-Jährige mit dem kantigen Schädel manchem als Verkörperung von allem, was Joseph Ratzinger schließlich scheitern ließ.

Kapitalismus statt Kondome

Wer wird Bertone nachfolgen? Wohl oder Wehe eines ganzen Pontifikats können von einer solchen Entscheidung abhängen, und vielleicht lässt sich Franziskus auch deshalb Zeit mit seiner Wahl. Untätig ist er in Sachen Kurienrefom trotzdem nicht, auch nicht in Brasilien. Statt sich am Dienstag nach Plan vom Flug und der Zeitumstellung zu erholen, traf er nachmittags den honduranischen Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga und ließ sich berichten, was die Amtsbrüder in aller Welt sich vom Umgang mit ihrer Zentrale künftig wünschen. Maradiaga ist einer von acht Vertrauten, in einem Rat, der Franziskus helfen soll, den Vatikan effektiver und auch glaubwürdiger im Sinne des Evangeliums zu gestalten.

Ohne schmerzhafte Schnitte wird das nicht möglich sein. Bei allem Jubel, der ihn jetzt auch in Brasilien wieder umgibt, hat dieser Papst darum keinesfalls nur Fans. Offen bekannte in Rio etwa der Erzbischof von Philadelphia in einem Interview, dass die katholische Rechte mit Franziskus nicht sehr glücklich sei. Deshalb, so Charles Chaput, werde der Papst bald Wege finden müssen, um sich auch um diesen Teil der Kirche zu kümmern. Zu wenig sei bislang von Abtreibung oder Homoehe die Rede gewesen, auch wenn die rechtgläubige Position des Papstes keineswegs bezweifelt werde.

Tatsächlich spricht alles dafür, dass Franziskus nicht ein Jota weniger katholisch ist als seine Vorgänger. Allein seine glühende und ganz und gar traditionelle Marienverehrung legt das nahe. Doch hat Franziskus mit Blick auf seine Mission im höchsten Amt der katholischen Kirche offenbar entschieden, sich eher mit dem Kapitalismus befassen zu müssen als mit Kondomen. Mag auch mancher Konservative sich damit schwer tun, im Elendsviertel von Varginha jedenfalls wurde diese Haltung verstanden: Ihn "Vater", "Vater Franziskus" nennen zu dürfen, baten sie den "zärtlichen Hirten" dort auf dem matschigen Fußballplatz der Favela, nicht "heiliger Vater".