Papst Johannes Paul II. "Tod vor laufender Kamera"


Die Rundum-Berichterstattung zum Tod von Papst Johannes Paul II. hat in den europäischen Medien vielerorts ein positives Echo gefunden. Manche Kommentatoren nehmen jedoch Anstoß an der "TV-Nekrophilie".

Johannes Paul II. ist bis in den Tod seiner Linie treu geblieben. Er hatte als erster Papst den Nutzen der Medien für die katholische Kirche entdeckt. Und er ließ es zu, dass sein Sterben zu einem öffentlichen Ereignis wurde. In mehreren Ländern Europas meldeten sich allerdings Kritiker zu Wort, denen die vielen Sonderberichte über den Tod und über die Trauerfeiern zu weit gehen. Es gab aber auch ein breites positives Echo.

Im katholischen Spanien nahmen Kommentatoren Anstoß daran, dass der Leichnam des Papstes noch vor der öffentlichen Aufbahrung fotografiert werden durfte. "Ein solches Eindringen in die Intimität von Trauernden hat es bis dahin nicht gegeben", meinte die Zeitung "El País". Der Publizistikprofessor Romàn Gubern von der Universität Barcelona will gar Anzeichen einer "TV-Nekrophilie" ausgemacht haben.

"Tanz auf den Knochen eines soeben Verstorbenen"

Noch drastischer drückt sich die Moskauer "Gaseta" aus: "Das weltweite Fernsehen hat ein Meisterwerk des Genres "Tod vor laufender Kamera" geschaffen." Russland habe als ein "eher nüchtern eingestelltes Land keine Lust, sich an dem weltweiten Tanz auf den Knochen eines soeben Verstorbenen zu beteiligen". In Frankreich beschwerten sich Fernsehzuschauer über die "Allgegenwärtigkeit des Papstes" und über eine "mangelnde Distanz zum Wirken des Kirchenführers".

Allerdings fand die Rundum-Berichterstattung vielerorts auch ein positives Echo. Der Papst habe es selbst so gewollt, betonte die niederländische "Trouw". "Über die Medien erhielt die Welt jede Möglichkeit, dem sterbenden Papst nah zu sein. Das ist kein Voyeurismus, sondern Betroffenheit."

Dies dürfte besonders für Polen gelten. In der Heimat von Johannes Paul II. hatten die Non-Stop-Berichte aus dem Vatikan beinahe den Charakter einer Sterbewache. Sie gaben den Menschen das Gefühl, den Papst begleiten und ihm auf diese Weise näher sein zu können. In Ungarn wurde dem staatlichen Fernsehen MTV gar vorgeworfen, den Papst-Tod nicht wichtig genug genommen zu haben. Der MTV- Nachrichtenchef György Nika muss um seinen Posten bangen, weil der Sender beim Bekanntwerden des Todes sein laufendes Programm nicht unterbrochen hatte.

Kritik per Karikatur

Bei "El Mundo" halten Lob und Kritik sich die Waage. Das Madrider Blatt lobt zwar in seinem Leitartikel die TV-Sondersendungen zum Papst-Tod, macht sich aber in einer Zeichnung darüber lustig. Die Karikatur zeigt den Papst, der im Himmel auf einer Wolke vor dem Fernseher sitzt und sich beim Lieben Gott beklagt: "Ich kann die Übertragungen von den Trauerfeiern nicht mehr sehen. Habt Ihr hier vielleicht ein Video von (dem Kinoklassiker) Ben Hur?"

Hubert Kahl/DPA DPA

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