Papst-Nachfolge Würdenträger im "Wahlkampf"


Wenn die Purpurträger etwas sagen, dann noch am ehesten, dass ein anderer Kardinal sicherlich einen guten Papst abgeben würde. Doch allen Erklärungen zum Trotz: Das Taktieren um die Papst-Nachfolge hat schon vor dem Konklave begonnen.

Allein vom Heiligen Geist sollen sich die Kardinäle bei der Wahl eines neuen Papstes leiten lassen. So steht es in der letzten päpstlichen Verfügung zum Konklave. Die Wirklichkeit aber sieht immer wieder anders aus. Der Auftritt von Kardinal Tarcisio Bertone hatte etwa alle Zeichen eines politischen Wahlkampfs. Leutselig schüttelte der Erzbischof von Genua die Hände der Menge, während eine Fernsehkamera jeden seiner Schritte festhielt. Aber die Sympathien der Gläubigen helfen dem Kardinal nicht, wenn ein neuer Papst gewählt werden soll. Wahlberechtigt sind nur die 117 Kardinäle im Konklave. "Das ist ein außergewöhnlicher Tag", sagte Bertone bei der Begrüßung von Pilgern vor dem Petersdom in Rom. "Er ist so voller Erinnerungen an unseren Papst. Er hat so viel für die Welt getan." Dann umarmte Bertone einen der Pilger und ermutigte sie, beim Warten auf Einlass in die Kathedrale Geduld zu zeigen.

Selbst wenn Bertone nicht um Stimmen werben kann, so hebt der 70-Jährige mit solchen Auftritten doch sein öffentliches Profil. Das gehört zu den subtileren Möglichkeiten der Kardinäle, auf die Mitbrüder im Konklave Einfluss zu nehmen. Auch Kardinal Renato Martino, der Leiter des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, blieb vor dem Konklave nicht untätig und verschickte E-Mails an Journalisten mit seinem Lebenslauf. Darin heißt es, dass Martino, der ehemalige Vertreter des Vatikans bei den Vereinten Nationen, mit "bemerkenswerter Dynamik" an seine neue Aufgabe gegangen sei. Und im Irak-Krieg habe er als Sprecher des Heiligen Vaters dessen ablehnende Haltung zum Ausdruck gebracht.

"Kein Kommentar"

Aber wenn die Frage nach der Papst-Nachfolge direkt gestellt wird, halten sich alle Kardinäle mit öffentlichen Erklärungen zurück. Stattdessen ziehen sie sich auf allgemeine Antworten über die Qualitäten zurück, die einen guten Papst auszeichnen. Die Entscheidung werde bei Gott getroffen, und dann von den Kardinälen, antwortet der belgische Kardinal Godfried Danneels, selbst einer der aussichtsreichen Kandidaten für das nächste Pontifikat, um dann schnell hinzuzufügen: "Ich habe keinen Kommentar."

Kardinal Roger Mahony, Erzbischof von Los Angeles, ging sogar so weit, dass er erklärte, er habe mit seinen Kollegen noch nicht über die Papstnachfolge gesprochen. Und ebenso wenig habe er gehört, dass ein anderer Kardinal darüber gesprochen habe, versicherte er in einem CNN-Interview. Dieser Linie folgend beschlossen die Kardinäle am Wochenende, bis zur Wahl des neuen Papstes auf alle öffentlichen Äußerungen zu verzichten. Einige Bischöfe der Dritten Welt sollen sich besorgt darüber geäußert haben, dass die von amerikanischen und europäischen Unternehmen dominierte Medienberichterstattung das Konklave beeinflussen könnte. Wenn die Purpurträger etwas sagen, dann am ehesten, dass irgendein anderer Kardinal sicherlich einen guten Papst abgeben würde. "Ich habe immer gesagt, dass meine Schultern zu schmal sind für ein solch schweres Gewicht", erklärte der brasilianische Kardinal Geraldo Majella Agnelo. Niemand will sich selbst dem Kreis der "Papabili" zuordnen, also derer, denen die erforderlichen Qualitäten für das Papstamt zugeschrieben werden.

Aber allen diesen Erklärungen zum Trotz hat das papstpolitische Taktieren lange vor dem Konklave begonnen, und selbst die kleinste Geste kann in diesem Prozess zu einem bedeutungsschweren Signal werden. So war es sicherlich kein Zufall, dass einige der führenden "Papabili" kürzlich in New York an einer Konferenz zur Verbesserung der Beziehungen zum Judentum teilgenommen haben. Johannes Paul hat die Förderung des Dialogs zwischen den Weltreligionen vorgelebt, und ein Nachfolger wird sich daran zu messen haben. So versicherten die Kardinäle Danneels, Claudio Hummes aus Brasilien und der Venezianer Angelo Scola auf der Konferenz in New York, dass die Bemühungen des Vatikans um gute Beziehungen zum Judentum fortgesetzt würden. Mit dabei waren auch der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper, der schon von Amts wegen für die Beziehungen zum Judentum zuständig ist, und der französische Kardinal Jean-Marie Lustiger - beide stehen ebenfalls auf einigen Kandidatenlisten für den Stuhl Petri.

Übliche Spielchen vor dem Konklave

Zu den üblichen Spielchen vor dem Konklave gehört auch, dass man Kandidaten aus bestimmten Regionen ins Gespräch bringt. Der italienische Kardinal Fiorenzo Angelini sagte der Zeitung "Corriere della Sera", dass das Pontifikat nach dem Papst aus Polen möglicherweise nicht wieder nach Italien zurückkehren, sondern von Lateinamerika übernommen werden könnte. "Wenn man auf die harten zahlenmäßigen Fakten schaut, die der Getauften und die der Kardinäle, dann wird einem die Bedeutung Lateinamerikas schlagartig bewusst", erklärte Angelini.

Auf die Frage, ob die Zeit reif genug für einen Papst aus Lateinamerika sei, antwortete Kardinal Miguel Obando y Bravo, der Erzbischof von Managua: "Johannes Paul II. hat Lateinamerika den Kontinent der Hoffnung genannt." Aber dann fügte der nicaraguanische Geistliche schnell hinzu, dass er hoffe, dass die Kardinäle und der Heilige Geist schon den richtigen Mann bestimmen würden. Neben Obando y Bravo und Hummes gehört der 62-jährige Erzbischof von Tegucigalpa, Oscar Andres Rodriguez Maradiaga, zu den führenden Kardinälen Lateinamerikas. Der Geistliche aus Honduras gehört dem einflussreichen Salesianer-Orden an, und viele in der katholischen Kirche wünschen sich nach dem Priestertheologen Johannes Paul einen Ordensmann an der Spitze.

Der in Rom tätige Theologe Thomas Williams ist der Auffassung, dass Auftritte in der Öffentlichkeit einem Kandidaten eher schaden als nutzen könnten. "Ganz ehrlich, die meisten Kardinäle wollen diesen Job gar nicht." Daher finde der größte Teil des Konklave-Wahlkampfs zugunsten von anderen Kandidaten statt. Zu ihnen gehört wohl auch Kardinal Bertone. Er leitet eine wichtige Diözese, gilt mit seinen Sympathien für den Fußballverein Juventus Turin als volkstümlich und hat auch im Vatikan schon seine Spuren hinterlassen. Bis zu seiner Berufung nach Genua war Bertone Stellvertreter von Kardinal Joseph Ratzinger in der Leitung der Glaubenskongregation.

Als Dekan des Kardinalskollegiums hat Ratzinger eine herausgehobene Rolle bei der Organisation der Wahlgänge im Konklave. Nach mehr als 26 Jahren Johannes Paul II. wird der deutsche Kardinal, der am Samstag 78 Jahre alt wird, oft als denkbarer Übergangspapst genannt. Aber die reformorientierten Kardinäle werden sich wohl bis zuletzt einer Papstwahl Ratzingers widersetzen. Dem konservativen Flügel wird auch der 72-jährige Nigerianer Francis Arinze zugerechnet.

Wiener Kardinal als "Brückenbauer"

Danneels oder Hummes wiederum gelten als zu progressiv, um für die Konservativen akzeptabel zu sein. Der 71-jährige Danneels hat sich wiederholt für eine größere "Kollegialität" ausgesprochen - mit diesem Schlagwort fordern die Reformer mehr Demokratie in der von Johannes Paul zentralisierten Kirche. Die Brücke zwischen Zentralisten und Reformern könnte vielleicht der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn schlagen, der stets auf Ausgleich bedachte Franziskaner ist mit 60 Jahren allerdings nur zwei Jahre älter ist als Johannes Paul bei seiner Papstwahl im Jahr 1978.

Das Konklave beginnt am 18. April mit einer Morgenmesse der Kardinäle um 10.00 Uhr. Danach begeben sich die voraussichtlich 117 Geistlichen aus aller Welt um 16.00 Uhr in die Sixtinische Kapelle des Vatikans. Dort verpflichten sie sich in einem Eid, Abstimmungen geheim zu halten und sich von allen Außenkontakten fernzuhalten, bevor der erste Wahlgang stattfindet. Das Konklave folgt den Bestimmungen der Konstitution "Universi Dominici Gregis", die Johannes Paul II. am 22. Februar 1996 erlassen hat.

Wenn sich die Kardinäle zum Konklave zurückziehen, geht ihnen nicht nur die Frage nach dem Nachfolger von Johannes Paul II. durch den Kopf. Die Wahl eines neuen Papstes ist auch untrennbar verbunden mit dem künftigen Kurs des Vatikans und der Frage: Wie viel Kontrolle soll der Vatikan künftig über die Bischöfe haben und über deren Umgang mit den Gläubigen?

AP/DPA/Reuters AP DPA Reuters

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