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Papst-Trauer: Muslime und Juden teilen den Kummer

Die Trauer um den Papst blieb selbst in Ländern, in denen die katholische Kirche kaum vertreten ist, nicht ohne Wirkung. Die Türkei ließ sogar den islamischen Halbmond auf Halbmast wehen. Doch nicht alle teilen diese Haltung.

Papst Johannes Paul II. war der erste Papst, der eine Moschee besucht und an der jüdischen Klagemauer gebetet hat. Selbst im Tod setzte Johannes Paul noch neue Akzente für die Begegnung der Religionen. Erstmals waren am Freitag die Oberhäupter der orthodoxen Christenheit und der Armenisch-Apostolischen Kirche bei der Trauerfeier für einen Papst vertreten.

Papst suchte Dialog mit Andersgläubigen

Johannes Paul II. habe die Globalisierung der Religion vorangetrieben, sagt John Esposito, Gründungsdirektor des Georgetown-Zentrums für die muslimisch-christliche Verständigung. Mit Persönlichkeiten aller Glaubensrichtungen habe er den Dialog gesucht. Diesen Einsatz würdigen am Freitag die Präsidenten von Syrien und Iran, Baschar al Assad und Mohammed Chatami, ebenso wie der israelische Außenminister Silvan Schalom mit ihrer Anwesenheit auf dem Petersplatz in Rom.

Selbst in Ländern, in denen die katholische Kirche kaum vertreten ist, blieb die Trauer um den Papst nicht ohne Wirkung. In der Türkei sagte die Polizei alle Feiern zu ihrem 160. Jahrestag ab. Die Landesflaggen mit dem islamischen Halbmond wehten auf Halbmast.

Nicht nur ein Führer für die Katholiken

"Er war nicht nur der Führer der katholischen Welt, er war auch ein Führer für den Frieden und den Dialog zwischen den Religionen", sagte der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan vor seinem Abflug nach Rom. "Selbst am Ende seines Lebens hat er unablässig für dieses Ziel gearbeitet." Das Oberhaupt der islamischen Geistlichen in der Türkei, Ali Bardakoglu, erklärte, dass er "den Kummer der Katholiken in aller Welt" teile.

Beim Brückenbauen zwischen den Religionen half Johannes Paul das feine Gespür für die Bedeutung von Symbolen. Der Zettel, den er 1964 an die Klagemauer geheftet hat und auf dem er Gott um Entschuldigung für die jahrhundertelangen Leiden der Juden bat, wird jetzt im Holocaust-Museum in Jerusalem aufbewahrt. Vor dem Besuch des Papstes war die Distanz zwischen Judentum und katholischer Kirche so groß, dass der Vatikan Israel noch nicht einmal beim Namen nannte. Der Beitrag des Papstes zur religiösen Toleranz "wird noch viele Jahre mit uns sein", sagte der israelische Regierungschef Ariel Scharon.

Die muslimische Welt denkt vor allem an den Besuch des Papstes in der Omajjad-Moschee in Damaskus im Jahr 2001 zurück. Damals appellierte Johannes Paul an Christen und Muslime, sich auf die Suche nach ihren Gemeinsamkeiten zu begeben, anstatt die Konfrontation zu suchen.

Entschuldigung für die Verfehlungen

Für die orthodoxe Christenheit war das zentrale Ereignis der Ökumene die Entschuldigung des Papstes für Verfehlungen der katholischen Kirche und die Rückgabe von Reliquien von zwei Heiligen der christlich-orthodoxen Kirche. Damit wurde es dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus möglich, als geistlicher Führer der orthodoxen Christenheit an der Trauerfeier in Rom teilzunehmen. "Papst Johannes Paul II. hatte die Vision, die Einheit der Christen wiederherzustellen", sagte Bartholomäus. Sein Tod sei nicht nur für seine Kirche ein schwerer Verlust, sondern auch für die gesamte Christenheit und die nach Frieden und Gerechtigkeit dürstende internationale Gemeinschaft.

Neben Bartholomäus kam auch das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche, Karekin II., nach Rom. Ebenfalls mit dabei waren der Erzbischof von Canterbury als Oberhaupt der anglikanischen Kirche, Rowan Williams, und der Kardinal der libanesischen Maroniten, Nasrallah Sfeir. Für die muslimische Welt reiste auch der indonesische Religionsminister Maftuh Basyuni nach Rom. Zu den hochrangigen Vertretern des Judentums zählte der Oberrabbiner von Haifa, Schear-Jischuw Cohen.

"Der Tod eines Nicht-Muslimen ist kein Verlust"

Die hinduistische Welt wurde durch den indischen Vizepräsidenten Bhairon Singh Shekhawat vertreten, der Buddhismus durch den srilankischen Regierungschef Mahinda Rajapakseden und den thailändischen Vizeministerpräsidenten Surakiart Sathirathai.

Aber es gab auch Stimmen, die sich gegen eine Teilnahme an der Trauer für den Papst wandten. "Wie kann der Tod eines Nicht-Muslimen ein Verlust für die muslimische Welt sein", fragte Gamal Sultan, einer der führenden islamischen Fundamentalisten in Ägypten. Auch Saudi-Arabien hat keine Delegation nach Rom geschickt.

Ob der Dialog zwischen den Weltreligionen auch nach dem Tod von Johannes Paul lebendig bleibt, wird nicht zuletzt davon abhängen, wer zum Nachfolger gewählt wird. "Es gibt jetzt eine besondere Dynamik", sagt der Religionsexperte Esposito. "Und ein Teil dieser Dynamik ist unumkehrbar."

Louis Meixler/AP / AP