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Papst-Visite im Heiligen Land: Mini-Mission erfüllt

Die Erwartungen an die Reise Benedikts XVI. durch das Heilige Land waren hoch. Zu hoch. Denn wer glaubt im 21. Jahrhundert noch, eine Papst-Predigt könne helfen, Konflikte zu entschärfen? Der Besuch des Pontifex galt vor allem den wenigen Christen in Palästina - mehr sollte niemand von ihm verlangen.

Ein Kommentar von Frank Ochmann

Endlich konnte er sich wirklich willkommen fühlen. Als die Frauen aus dem Gazastreifen ein selbstgenähtes Kleid nach Art ihrer Heimat für eine Marienstatue in Rom überreichen ließen, als die Menschen auf dem Krippenplatz von Bethlehem dem "Baba" zujubelten und sogar "Benedetto"-Sprechchöre zu hören waren wie bei einer Audienz auf dem Petersplatz, da war es für Benedikt XVI. endlich ein bisschen wie zu Hause am Tiber. Und die Erleichterung war ihm anzusehen.

Nur wenige Kilometer nordöstlich von hier war er in den beiden Tagen zuvor noch ein Fremder gewesen. Natürlich hatten ihn in Jerusalem alle freundlich empfangen, vom Staatspräsidenten bis zu den Oberrabbinern. Höflich, ja durchaus auch freundlich hatten sie ihn begrüßt, beherbergt und verabschiedet. Dennoch aber mag es den deutschen Papst ab und an gefröstelt haben. Denn er wusste sehr genau, wo er war. Er wusste auch, was in den Köpfen derer vor sich ging, denen er in die Augen sah. Und bestätigte sich nicht schon am ersten Tag in Israel, was er befürchtet haben musste nach den Fehltritten, Pannen und Provokationen der vergangenen Monate?

Nicht jedem genügte die Rede in Yad Vashem

In der Gedenkhalle von Yad Vashem, wo sechs Millionen ermordete Juden geehrt werden, sprach der Pontifex von den unauslöschlichen Namen der Opfer und vom Leiden, das "niemals verleugnet, herabgesetzt oder vergessen werden" dürfe. Das ließ keinen Spielraum für Verirrte wie den Piusbischof Richard Williamson, der offenbar noch immer herauszufinden versucht, ob es nun Gaskammern gab in den Lagern der Nazis oder doch eher nicht. Natürlich hat Benedikt mit solchem Ungeist nichts zu tun. Doch ob einem das genügt, was er in der Halle der Erinnerung sagte, oder nicht, hängt vor allem von den Erwartungen ab, die an diese Rede gestellt wurden. Für Überlebende der Shoa wie Rabbi Meir Lau und auch den Zentralrat der Juden in Deutschland genügte es offenbar nicht.

Es fehlte ihnen der Verweis auf die Täter. Es fehlte ihnen der Bezug zum eigenen Leben Benedikts, der noch der Kriegsgeneration entstammt. Es fehlte ihnen die Herzlichkeit und Anteilnahme Johannes Paul II. Es fehlte ihnen schließlich ein um Vergebung bittendes Wort zur Rolle der Kirche. Doch die Enttäuschung über die Rede des Papstes in Yad Vashem beschränkte sich selbst in Israel auf verhältnismäßig wenige Kritiker - und das schon deshalb, weil der Besuch des Papstes an den allermeisten Israelis völlig vorbei ging. Nicht viel anders sah es im Rest der Welt aus. Das internationale Interesse an dieser Reise war nur in Deutschland - und da bei den deutschen Medien, um genau zu sein - nennenswert. Bei uns fanden Aktion und Reaktion von Gast und Gastgebern im Heiligen Land zumeist auf den Titelseiten statt, woanders dagegen eher im Vermischten.

Groß war das Interesse allerdings in den palästinensischen Gebieten, wo die schwindende Schar der Christen jener Gegend beheimatet ist und wo auch viele Muslime in Benedikt einen engagierten Fürsprecher sehen. Wieder waren die Erwartungen hoch, die an den Papst gestellt wurden. Diesmal aber erfüllte er sie, nannte vor der Geburtsbasilika in Bethlehem gleich zu Beginn seiner Ansprache den geschundenen Gazastreifen, sprach von der Notwendigkeit der Autonomie und forderte international anerkannte und gesicherte Grenzen für das palästinensische Volk. Für Frieden plädierte er - was sonst? - und für den Dialog zwischen den seit Jahrzehnten verfeindeten Parteien. Aber war das auch nur eine Schlagzeile wert? Und wer glaubt Anfang des 21. Jahrhunderts denn noch ernsthaft, die Predigt eines Papstes könnte einem mal schwelenden, mal lodernden Konflikt wie den im Nahen Osten entschärfen oder gar beilegen?

Als Benedikt in Nazareth vor Zehntausenden die Messe feierte und wieder gelöst strahlte, als ihm die Menge zujubelte, wurde klar, dass diese Reise ins "Heilige Land" vor allem ein Besuch der eigenen Ortskirche war. Die bedarf dringend der Stärkung, wenn sie nicht allmählich ausbluten soll. Und solche Stärkung dürften alle, die sich auf den oft beschwerlichen und stundenlangen Weg zu den Papstmessen gemacht hatten wirklich erfahren haben.

Nach ihrer Rückkehr, vorbei an israelischen Sperrmauern und Kontrollpunkten, werden die Lebensbedingungen für viele exakt so erbärmlich sein wie vor der Ankunft des Papstes. Doch wird es ihnen vielleicht ein bisschen bewusster sein, dass sie trotz allen Elends und aller Gewalt in einem Land leben, das drei Weltreligionen als heilig gilt und schon darum zwar zerteilt, aber dennoch einzigartig ist.

Heute noch viel mehr vom Besuch eines Papstes zu erwarten, hat mit der politischen und auch religiösen Wirklichkeit einfach nichts zu tun. Und diese Einsicht könnte eine Frucht der Reise sein, die künftig Erwartungen senkt und Enttäuschungen zu vermeiden hilft.