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Papstbesuch: Benedikt XVI. lässt die Deutschen kalt

Hunderttausende freuen sich auf die Gottesdienste, im Bundestag sorgt der Papstbesuch für dicke Luft. Das Großevent ist in aller Munde. Oder doch nicht? Eine stern-Umfrage sät Zweifel.

Von Mareike Rehberg

Mehr als eine Viertelmillion Gläubige wollen in der nächsten Woche in Berlin, Freiburg, Erfurt und Etzelsbach zusammenkommen und andächtig lauschen, wenn der Papst zu ihnen spricht. Im Bundestag sorgt der dritte Deutschlandbesuch des Oberhauptes der katholischen Kirche dagegen für Zündstoff - rund 100 Abgeordnete der Opposition wollen die Rede von Benedikt XVI. boykottieren, weil sie den Auftritt mit der religiösen Neutralität des Staates für unvereinbar halten. Und während Kirchenkritiker in der Hauptstadt eine Gegendemonstration mit 20.000 Teilnehmern planen, tritt kurz vor der päpstlichen Heimatvisite Georg Ratzinger mit einem Buch über seinen berühmten Bruder in Erscheinung.

Der Papstbesuch ist also, so scheint es zumindest, ein Ereignis von riesigem Interesse. Eine Forsa-Umfrage im aktuellen stern legt allerdings einen anderen Schluss nahe: Persönlich interessiert er die Deutschen kaum. 86 Prozent der Befragten halten die Deutschlandreise Joseph Ratzingers vom 22. bis zum 25. September für eher unwichtig oder überhaupt nicht wichtig. Selbst unter den Katholiken hält sich der Anteil derjenigen, die den Besuch aus dem Vatikan für wichtig halten, mit lediglich 36 Prozent in Grenzen.

"Der Papst ist schlicht kein Charismatiker"

Hat das Kirchenoberhaupt also das Vertrauen seiner Schäfchen verloren, ist die deutsche Heimat ihm vielleicht gar weniger zugetan als der Rest der Welt? Notger Slenczka, Theologe an der Berliner Humboldt Universität, macht vor allem die Ausstrahlung Benediks XVI. für das mangelnde Interesse verantwortlich. "Der Papst ist schlicht kein Charismatiker, sondern ein Wissenschaftler", glaubt er und führt den Vorgänger Johannes Paul II. als Gegenentwurf an: "Der ist als sehr authentische und fromme Persönlichkeit wahrgenommen worden und hatte deshalb auch einen sehr unmittelbaren Zugang zu Jugendlichen."

Die katholische Kirche selbst kann freilich kein fehlendes Interesse erkennen. Bei der Deutschen Bischofskonferenz weist man darauf hin, dass sich immerhin 2600 internationale Medienvertreter akkreditiert hätten. Auch mit der Zahl der angemeldeten Gläubigen für die Gottesdienste ist die Bischofskonferenz sehr zufrieden, immerhin sei das Olympiastadion in Berlin mit 70.000 Menschen ausgebucht. Zudem liege die Akzeptanz der Deutschen für den Papstbesuch bei 54 Prozent. Das mag sein – aber Akzeptanz und Wichtigkeit sind eben zwei verschiedene Paar Schuhe.

Dass insgesamt 260.000 Menschen an den Papst-Messen teilnehmen wollen, findet auch der Theologe Slenczka respektabel. Als Persönlichkeit mit "Popstar-Nimbus" ist Papst Benedikt XVI. seiner Ansicht dennoch nicht geeignet. Das sei letztlich aber ein Vorteil, da das Papstamt seine Autorität eigentlich nicht aus der Persönlichkeit des Papstes ziehen solle. Die gegenwärtigen Probleme liegen nach Slenczka nicht nur am Papst, sondern auch am misslichen Gesamtklima, unter dem die katholische Kirche leidet. Die Missbrauchsskandale und Schwierigkeiten im Verhältnis zu den evangelischen Kirchen und zu anderen Religionen gingen eben nicht spurlos vorüber.

Bischöfe fürchten Blamage

Nicht zuletzt sieht der Experte in der religiösen Sonderstellung Deutschlands einen Grund für das Desinteresse oder die Skepsis, mit der die Menschen Joseph Ratzinger begegnen: Während der Katholizismus in den romanischen Ländern wie Spanien, Italien oder Portugal dominiert, sind hier zwei Konfessionen beinahe gleich stark vertreten. Im Zusammenleben mit evangelischen Gläubigen seien die Katholiken dem Papst gegenüber kritischer eingestellt als anderswo.

Aber auch, wenn sich die Bedeutung der Papstvisite für die meisten Deutschen in Grenzen hält - politischen und gesellschaftlichen Diskussionsstoff bietet der Besuch allemal. Mehrere deutsche Bischöfe fürchten, durch den von Oppositionsabgeordneten geplanten Boykott der Papst-Rede im Parlament könne sich Deutschland blamieren. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne), die auch Präses der Synode der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist, rechnet wiederum mit Auseinandersetzungen über die katholische Geschlechter- und Sexualmoral. Fehlendes Charisma dürfte also nicht das Hauptproblem von Benedikt XVI. sein.