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Papstbesuch in Deutschland Das große Hallelujah in Etzelsbach


Der Papst ist zur Marienvesper nach Etzelsbach gekommen. Zehntausende Pilger wollten seinen Worten lauschen. Doch stille Einkehr und spirituelle Sehnsucht sehen anders aus.
Von Manuela Pfohl

Hallelujah, es ist vollbracht. Die Polizisten am Platz vor der Marienkapelle können aufatmen. 90.000 Pilger, schönes Wetter und keine Probleme. So hatten sie sich den Besuch des Heiligen Vaters in Etzelsbach gewünscht. Am anderen Ende des riesigen Pilgerfeldes zwischen Hundeshagen und Steinbach steigt der Hubschrauber mit dem Papst auf, dreht noch eine Runde über dem kleinen Kirchlein, dem braunen Acker und der frisch geteerten Straße, ehe er am Horizont verschwindet. Unten halten die Gläubigen ihre Kameras in den blauen Himmel. Es sind die letzten Bilder eines langen denkwürdigen Tages im Eichsfeld, der zumindest für fünf Weimarer Pilger mit Blasen an den Füßen und einem schier übermächtigen Bierdurst um kurz nach 15 Uhr begann.

Abspannen, bis der Papst kommt

Och nee! Als die fünfköpfige Gruppe schon einigermaßen fußlahm mit Klapphockern auf den Rücken und Wanderstöcken in den Händen auf dem Pilgerfeld landet, ist ihr die Verzweiflung anzusehen. Ein schier endloser Weg bis zur Marienkapelle in Etzelsbach liegt hinter ihnen, denn die letzten rund fünf Kilometer bis zum Wallfahrtsort mussten zu Fuß zurückgelegt werden. Aus Sicherheitsgründen heißt es bei der Polizei. Um den Kopf frei zu kriegen, heißt es beim Bistum Erfurt. Und nun? Nun hatten die Pilger aus Weimar gehofft, endlich ein Bier trinken und eine anständige Thüringer Bratwurst essen zu können. Abspannen, bis der Papst kommt. Doch vor dem Pilgerfeld ist der Teufel los. Eine Drängelei wie beim Sommerfest der Volksmusik. Nur die Mönche in ihren langen, mit groben Stricken zusammengehaltenen Kutten und die Nonnen in ihrer schwarzen Ordenstracht passen nicht ins bunte Jahrmarktstreiben. Über dem Platz drehen Polizeihubschrauber dröhnend ihre Runden. Kein Gedanke an stille Einkehr und auch keine Chance auf ein schnelles Bier. Wenigstens die Sonne scheint.

Um 17.45 Uhr soll die Marianische Vesper mit dem Heiligen Vater beginnen, und schon zwei Stunden vorher sind mehr als 42.000 Gläubige auf dem Platz vor dem provisorisch errichteten Freiluft-Altar. Etliche Buden bieten an, was das Pilgerherz begehrt, um später beweisen zu können, dass man dabei war beim Mega-Event. Es gibt allerlei Erbauliches, vom "Christlichen Hausbuch 2012" bis zum "Hoppe, hoppe Reiter" Heftchen für kleine Gläubige. T-Shirts mit dem Spruch "Wo Gott ist, ist Zukunft" zu 15,95 Euro, Baseballcapes mit dem Konterfei des Papstes, und natürlich kleine Marienfiguren aus Blech zum Anstecken. Doch wer was essen möchte, muss anstehen. Die "Scheibe Brot mit einem Stückchen Wurst" kostet satte 2,50 Euro. Über die Lautsprecher ist irgendein Song zu hören von irgendeiner mutigen Schwester im Glauben. Es klingt lausig. Aber noch ist wenigstens Platz, die Klapphocker aufzustellen. Gott sei Dank!

Das Wunder von Eichsfeld

Augen zu, die Gedanken sammeln. Dankbar sein für den heutigen Tag. Man müsse sich mal verinnerlichen - hatte Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) gesagt -, dass vor 20 Jahren noch kein Mensch es für möglich gehalten hätte, dass hier im Eichsfeld, im finstersten DDR-Süden mal der Papst eine Messe halten wird. Und nun sei das Wunder da. Wiedervereinigung, Freiheit, Lust, dem Glauben zu neuer Macht zu verhelfen. Hier im Eichsfeld trifft die Lust auf offene Ohren. Die rund 100.000 Eichsfelder sind traditionell streng katholisch und fest im Glauben. Dass das erzkonservative Landvolk jedwede weltliche Ordnung für mehr oder weniger überflüssig hält, trieb die Genossen zu DDR-Zeiten in den kollektiven Wahnsinn. Auch deswegen kommt der Papst genau hierher. Man kann ihn fast schon fühlen, als kurz vor 17 Uhr ein Raunen übers Pilgerfeld geht. "Dass ich das noch erleben darf", jubelt eine ältere Dame und wischt sich mit einem kleinen Spitzentaschentüchlein die Tränen der Rührung aus den Augen, damit sie sehen kann, was vorn auf der Großleinwand neben dem Altar zu sehen ist.

Doch es ist noch nicht der Papst. Es ist Kardinal Meißner, der in der nächsten Viertelstunde über "vertikale Glaubenslinien" und die "schmerzhafte Maria" referiert, die aus dem Minus ein Plus macht. Zwei Jungs im "Gangsta-Look" haben sich am Rand des Pilgerfeldes auf die Wiese gelegt und den Stab ihrer Papst-Fahne in den weichen Boden gerammt. Sanft weht die Botschaft von Liebe, Glaube, Hoffnung, als schließlich ein halbes Dutzend Hubschrauber hinter der Marienkapelle landen, Beifall aufbrandet und ein Mann ein riesiges Holzkreuz schwenkt. Endlich ist er da. "Be-ne-detto, Be-ne-detto" skandiert die Masse.

Tauben, Trommelwirbel, Langeweile

Der Chor sing: "Lobet den Herrn", während kurz vor 18 Uhr das Papamobil zur Bühne fährt und ein leichtes Lüftchen aus Gülle und Bratwurstduft über Etzelsbach weht. Die Verzückung bricht sich in "Oh" und "Ah" Bahn, als Minuten später ein Schwarm weißer Tauben freigelassen wird und schleunigst am Altar vorbei das Weite sucht. Kurz danach fangen die Glocken an zu klingen. Gefolgt von dramatischem Trommelwirbel und Marschmusik. Der Papst steigt die Stufen zum Altar hoch, hebt die rechte Hand zum Gruß, und es macht fast gar nichts, dass der Chor unbeirrt weiter sein Loblied auf den Herrn singt. "Mei, is das schii", freut sich eine Dame in bunter Tracht. Und während auf der Bühne einige Eichsfelder berichten, wie glücklich sie im Glauben sind, fängt hinter Block Q, wo das Pilgerfeld endet, ein kleines Mädchen an zu quengeln. "Mir ist langweilig."

Währenddessen weicht der Papst deutlich von seinem Redemanuskript ab, erzählt, dass er sich sich mit seinem Besuch im Norden Thüringens einen Wunsch erfüllt: "Ich habe seit meiner Jugend so viel vom Eichsfeld gehört, dass ich dachte, ich muss es einmal sehen und mit Euch beten", sagt. Als Jugendliche dem Papst ihr Weltjugendtag- T-Shirt mit der Aufschrift "Benedikt, wir sehen uns zweimal" überreichen, schenkt er ihnen ein herzliches Lachen. Die Menge hält inne, jubelt.

Rückzug ohne Rosenkranz

Im rot-goldenen Chormantel, den ein Priester aus der Gegend für den Papstbesuch gespendet hat, lobt Benedikt XVI. den unerschütterlichen Glauben der Eichsfelder. Seine Botschaft: Die Menschen sollen der Kirche treu bleiben, durch alle Veränderungen hindurch. Dann schenkt er der Wallfahrtskapelle einen Rosenkranz. Der soll später unter der Pietà hängen, einer Statue der Gottesmutter mit dem toten Jesus, die der Papst in seiner wieder theologisch-wissenschaftlich geprägten Ansprache besonders würdigt. Er warnt davor, das "Sich-selber-Haben- und -Machen-Wollen" als Ziel des Lebens zu sehen.

Noch im Laufe der Vesper treten die ersten Pilger schon den Heimweg an. Das Bild vom Papst haben sie ja schon "im Kasten". Wenn bald alles vorbei ist, wird hier die Hölle los sein, mutmaßt ein älteres Ehepaar. Der Weg zurück ist noch weit. An den Buden steht zurzeit kaum jemand. Jetzt kann man schnell noch eine Wurst essen, ein Bier trinken oder ein Foto machen lassen mit dem lebensgroßen Papp-Papst an der Seite. Was will man mehr?


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