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Papstbesuch in Deutschland: Vom harten Brot des Glaubens

Sie sind Ende 20 und haben ihr Leben dem Glauben verschrieben. Warum verzichten Menschen auf vieles, was jungen Leuten Spaß macht? stern.de hat drei Katholiken getroffen und sie gefragt.

Von Anna Hunger, Freiburg

Wenn Theresa Lorenz morgens aufwacht, startet sie den Tag mit einem Loblied. "Jeden Tag leb ich für dich, Herr". Das hat sie auf der Gitarre gespielt und sich als Weckfunktion und als Klingelton in ihrem Handy eingestellt. "Ein Mini-Stoßgebet", sagt sie, dass sie mit einem guten Gefühl in den Tag schickt.

Theresa Lorenz ist 28, Jugendreferentin, hat Theologie studiert, Hebräisch, Latein und Griechisch gelernt und ein Jahr in Rom gelebt. Sie ist eine von insgesamt 120.000 Gläubigen, die an diesem Wochenende angereist sind, um den Papst zu sehen und eine der hunderttausend jungen Menschen in Deutschland, die ihr Leben Gott verschrieben haben. Viele von ihnen haben sich dem Glauben in einem Alter zugewandt, in dem andere den ersten Freund haben, die erste große Party feiern oder die erste Rockband gründen. Verzicht von Jugend an - warum macht man das?

"Glaube ist keine Milch, sondern hartes Brot"

"Glaube ist eben keine Milch, sondern hartes Brot", sagt Theresa Lorenz. Sie trägt eine Armani-Brille zu den braunen Locken und sitzt auf einer Treppe vor dem Messegelände. Im Hintergrund sind Zelte zur Besinnung und Begegnung aufgebaut.

Wer sein Leben Gott schenke, müsse sich nach seinem Willen einschränken, sagt sie. Die 24-Jährige ist christlich erzogen, in einer Familie aufgewachsen, die sich sehr für die Gemeinde engagiert, hat ein katholisches Internat besucht. Im Jahr 2000, da war sie 14, besuchte sie eine Wallfahrtskapelle in Medjugorje, Bosnien-Herzegowina, weil sie sich selbst und ihren Glauben finden wollte. Die Menschen, die aus der Kapelle kamen, erzählt sie, haben gestrahlt. "Das wollte ich auch", sagt sie.

Die Predigt begann damals mit den Worten 'Hast du heute schon geküsst'. Das habe sie begeistert. Die Hostie als inniger Kuss mit Gott, eine mystische, tiefe Erfahrung. Gott sei kein Fremder, sagt sie. Diese mystische Liebe ist für sie so intensiv, dass sie die wirkliche dafür aufgibt. "Kein Sex vor der Ehe, das ist schon eine Herausforderung." Nicht einmal einen Kuss leistet sie sich. "Keine Liebe kann so wichtig sein, wie die Liebe zu Gott", sagt sie. In Reinheit gäbe es die aber erst nach ihrem Tod. "Der Himmel ist pure Liebe, pures Glück, pure Zufriedenheit. So sieht Ewiges Leben aus."

Wichtig sind Gemeinschaft und Nächstenliebe

Christian Linek fragt sich manchmal, ob das nicht langweilig werden könnte. Er ist 28 Jahre alt und steht auf dem Messegelände, das aussieht, als habe grade eine Bombe eingeschlagen. Tüten liegen herum, Papstpapiertaschen, die am Eingang verteilt wurden, aufblasbare Plastikballons, Gesangshefte. Wenig ist zu sehen, von der ökologischen Botschaft, die der Heilige Vater wenige Minuten vorher von der Bühne gepredigt hatte. Es gebe ja keine Mülleimer, sagt einer.

Für Christian Linek ist vor allem die Gemeinschaft und die Nächstenliebe im christlichen Glauben wichtig, das Miteinander. Er baute eine Ministrantenstunde in seiner Gemeinde mit auf, damit sich die jungen Gläubigen wenigstens einmal im Monat austauschen können, er organisiert Zeltlager, Freizeiten und Ausflüge. "Nur im Miteinander kann ein Glaube stark sein", sagt er. "Nur gemeinsam kann man Gott feiern, weil man sich gegenseitig bestärkt und Halt gibt, auch im Zweifel."

"Zu helfen, das löst bei mir ein Glücksgefühl aus"

Er wurde Ministrant, weil das in seiner Familie so üblich war, und damit veränderte sich sein Leben. Als konkretes Beispiel nennt er ein Mädchen, das in seiner Klasse immer gehänselt worden sei. "Da habe ich einfach nicht mehr mitgemacht", erzählt er. Schließlich habe er seine Mitschüler dazu gebracht, das Kind in Ruhe zu lassen. "Einem Menschen Trost zu spenden, jemandem im Sinne christlicher Nächstenliebe zu helfen, das löst bei mir ein Glücksgefühl aus", sagt er. "So lebe ich den christlichen Gedanken. Und das schenkt mir Zufriedenheit."

Nach der Messe steht Matthias Schwarz (Name geändert) in der Straßenbahn und fährt zurück zum Bahnhof. Für ihn zählt weniger die Liebe, auch weniger die Gemeinschaft im Sinne von Zeltlagern oder gemeinsamen Ausflügen. All das Weltliche ist ihm sehr fern. Politik und Tagesgeschehen betrachtet er als reine Oberfläche. "Der reine Glaube", sagt er, "ist ein "Getragensein" im Leben, eine verlässliche Linie, der es sich zu folgen lohnt." Und eine tiefe Sinnhaftigkeit, weit über alle weltliche Bedürfnisse und Probleme hinaus. Mit denen müsse man natürlich auch umgehen, aber in der Liebe zu Gott und im Gespräch mit ihm stelle sich das meiste andere als eher nichtig heraus.

Kirche ist nicht Pop

Kirche brauche keine Pop-Veranstaltungen, wie die Jugendvigil auf dem Messegelände, "das können Konzertveranstalter besser", kritisiert er. Kirche solle sich auf das konzentrieren, was sie kann - die reine Lehre praktizieren, ohne Rockmusik, ohne Geschrei und frenetischen Jubel. "Reiner Glaube braucht Ruhe und innere Einkehr."

Theresa Lorenz sitzt währenddessen noch lange auf den Treppenstufen des Messegeländes. Irgendwann, da ist sie sich sicher, wird sie einen Mann finden, mit dem sie ihr restliches Leben verbringen wird. Zumindest dann, wenn Gott das für sie vorgesehen hat. "Und wenn nicht, dann eben nicht", sagt sie.

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