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Papstbesuch in Erfurt: Erfurt ist nicht Etzelsbach

Der Papst hatte zur Eucharistiefeier nach Erfurt geladen und predigte auf einem gut gefüllten Domplatz. Doch jenseits der Sicherheitsschleusen herrschte Skepsis. Denn Erfurt ist Ossi-Land.

Von Manuela Pfohl, Erfurt

Nein, sagt die Frau kopfschüttelnd. "Dazu gebe ich keinen Kommentar ab." Und dann bricht es doch aus ihr heraus: "Die haben ja nicht alle Tassen im Schrank." Mit die ist die Polizei gemeint, oder das Erfurter Ordnungsamt, oder das Bistum, oder wer auch immer irgendwann beschlossen hatte, dass am Samstag, wenn der Papst auf dem Domplatz predigt, die Türen der Häuser rundherum amtlich zu versiegeln sind. Mit kleinen grauen Papierstreifen, auf denen zu lesen ist, dass jedwede Beschädigung unter Strafe steht. Keiner raus, keiner rein. Beamte in Zivil bewachen jedes einzelne Haus. "Bloß wegen dem blöden Papst, als ob der irgendjemanden interessiert", wettert ein Domplatz-Anwohner und lässt keinen Zweifel daran: Erfurt ist nicht Etzelsbach. Hier gibt es noch einen Karl-Marx-Platz, eine Rosa-Luxemburg-Straße und ganz viele Heiden. Denn Erfurt ist Ossi-Land.

Und weil man nicht wissen kann, was denen zuzutrauen ist, war die Thüringer Polizei auf Nummer Sicher gegangen und hatte für den Papstbesuch das ganz große Besteck herausgeholt. Nichts und niemand sollte dem Oberhaupt der Katholiken ein Haar krümmen. Zugeschweißte Gullideckel, mobile Überwachungskameras an Balkonen und unter Dächern gehörten zum Sicherheitskonzept, ebenso wie die versiegelten Haustüren und das strikte Verbot, in der Zeit von 8 Uhr bis 12 Uhr die Fenster am Domplatz zu öffnen.

Am Morgen glich Erfurt einer Geisterstadt

Vorbei. Jetzt am Nachmittag sind die Gassen in der Erfurter Altstadt rammelvoll. Die Eisverkäufer schieben Doppelschicht, beim Bäcker müssen belegte Brötchen nachgeliefert werden und im Kirchenladen gehen die Rosenkränze weg wie nichts. Ein Wunder. Denn gestern, als der Papst im Augustinerkloster war, und auch noch heute am Morgen glich die thüringische Landeshauptstadt einer Geisterstadt.

Um 8 Uhr ist die Straße vor dem Kasino menschenleer. Im Brühler Garten, mitten im Zentrum, in dem sonst die Hunde mit ihren Herrchen Gassi gehen, herrscht absolute Stille. Auch ein Stückchen weiter, wo ein großes Public-Viewing für 23.000 Zuschauer geplant ist, flimmert die Megaleinwand einsam vor sich hin und die Ersthelfer von den Maltesern, die sich eigentlich bereithalten sollen, um zu helfen, wenn beim Andrang der Massen jemand ins Straucheln kommt, langweilen sich wie die Polizisten, die in einer Kette weiträumig um den Erfurter Dom herum Stellung bezogen haben. Kaum ein Mensch ist zu sehen. Will niemand zum Papst? Schulterzucken. "Wir dürfen dazu nichts sagen", meint ein Uniformierter.

Gegen halb acht fallen vier Schüsse

Und doch: Von Ferne können die Beamten hören, dass auf dem Domplatz Leben ist. Um Punkt 9 Uhr stimmen die Gläubigen ein gemeinsames Lied an. "Kommet zuhauf". Rund 30.000 Menschen sind dem Ruf gefolgt. Und zwar schon vor Stunden. Ab 4 Uhr ging es los. 7 Uhr war Einlassschluss für die Eucharistiefeier. Da hatten die meisten schon etliche Stunden Anreise hinter sich. Denn die große Zahl der Gläubigen - so zeigen es die Anmeldungen - kommt nicht aus Erfurt, sondern den Bundesländern westlich der thüringischen Landesgrenze.

Gegen halb acht fallen plötzlich Schüsse, aber niemand bekommt sie hier, im Zentrum der Stadt, mit. Im erweiterten Sicherheitskreis ballert ein Mann mit einem Luftgewehr auf zwei Sicherheitskräfte, vier Mal drückt er ab. Verletzt wird niemand, wenig später nimmt die Polizei den mutmaßlichen Täter fest.

Mädels mit Isomatte und Schlafsack, Familien mit Schaffell und Nuckelflasche und Omas mit Krückstock sind auf dem Platz. Dann endlich ist Er da. Auf der Leinwand ist der Papst zu sehen, umgeben von seinem Gefolge. Ein Geistlicher aus Erfurt versichert ihm die Dankbarkeit für die Freiheit und die Erlösung vom Kommunismus. Die Leute klatschen und eine junge Frau fällt beim Kyrie Eleison auf die Knie nieder. Die Sonne scheint auf die katholische Diaspora, auf den Dom und auch auf den Taxifahrer, der in einigem Abstand steht und eine raucht. "So ein Scheiß", schimpft er. "Nur wegen diesem Budenzauber stehe ich hier." Alles gesperrt heißt keine Kunden und das heißt kein Geschäft. Ein Problem. Denn die meisten Erfurter haben andere Sorgen, als ihr jenseitiges Seelenheil.

Elf Millionen Euro kostet allein die Reise ins Bistum Erfurt

Arbeitslosigkeit und Miniverdienste müssen ganz weltlich bewältigt werden. Da kommt es gar nicht gut, dass die Tageszeitung gestern eine Rechnung präsentierte, aus der hervorgeht, dass sich die Gesamtkosten der Papstreise für das Bistum Erfurt bei rund elf Millionen Euro liegen. Von den rund 30 Millionen Euro, die das Land Thüringen nach ersten Schätzungen für die drei tollen Tage berappen muss, ganz zu schweigen. "Ich bin so glücklich, dass der Heilige Vater bei uns ist, dass ich vor Freude weinen könnte", sagt eine Besucherin der Messe auf dem Domplatz. "Aber wenn ich daran denke, wie viel Gutes an den Armen man mit dem ganzen Geld hätte stiften können, macht mich das traurig." Die Kritik an Glanz und Glorie des Vatikans lässt sich nicht nur auf die Unartigkeiten der atheistischen DDR-Sozialisation schieben. Denn es gibt sie auch in der katholischen Gemeinde selbst, die in Thüringen ums Überleben kämpft.

Wenn der Papst in seiner Predigt fragt, ob die neue Freiheit nach dem kommunistischen Joch auch ein Mehr an Glauben gebracht hat, kann die Statistik das für Thüringen mit einem klaren "Nein" beantworten. Der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung liegt bei unter sieben Prozent und wird immer kleiner. Trotz der neuen Freiheit. Und warum ist das so?

Man weiß es nicht genau. Und deshalb hat die Kirchenzeitung eine Umfrage zum "Christ in der Gegenwart" und dem "Papsttum heute" am Domplatz gestartet. Es werden Antworten auf die Frage gesucht, ob der Papst zeitgemäße Vorstellungen hat, ob das Papstamt stärker reformiert werden muss und auch, ob der Anspruch auf Unfehlbarkeit aufgegeben werden sollte. Es gibt ein Dankeschön fürs Mitmachen, doch nicht so sehr viele Erfurter, die sich interessieren.

"Die Erfurter sind einfach undankbar"

Ein älterer Herr, der aus Kassel stammt und, wie er betont, nur gezwungenermaßen seit ein paar Jahren in Erfurt lebt, versucht zu erklären: "Die ganze Stadt ist nach der Wende vom Westen wieder aufgebaut worden. Aber die Leute kriegt man nicht hin. Die sind immer noch wie vernarrt im alten Denken." Sein Nebenmann pflichtet ihm bei. "Die sind einfach undankbar."

Mitten in die schöne Papst-Seeligkeit des Augenblicks brechen sich die alten Ressentiments zwischen Ost und West und gelerntem DDR-Bürger und traditionellem katholischen Weltbild Bahn, dass dem Heiligen Vater angst und bange werden müsste, könnte er es hören. Doch er kann es nicht hören, um kurz nach 10.30 Uhr fährt er in seinem Papamobil davon. Zur nächsten Station auf seiner Deutschlandreise: Freiburg. Da, wo die katholische Welt noch in Ordnung ist.