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Papstbesuch in Großbritannien: Benedikt XVI. nennt Missbrauchsfälle Perversion

Es ist ein wichtiger Besuch: Seit 28 Jahren ist erstmals wieder ein Oberhaupt der katholischen Kirche im Vereinigten Königreich zu Gast. Zwischen dem Tee mit der Queen und einer Freiluftmesse äußerte sich Benedikt XVI. zu Missbrauchsfällen. Aussagen eines deutschen Kardinals hatten zuvor für Irritationen gesorgt.

Papst Benedikt XVI. hat seinen historischen Staatsbesuch in Großbritannien begonnen. Der Heilige Vater landete am Donnerstagvormittag auf dem Flughafen der schottischen Stadt Edingburgh, wo ihn eine Ehrengarde des königlichen schottischen Regiments sowie Prinz Philip, der Ehemann von Königin Elizabeth II., empfingen. Anschließend war der Papst Gast der Queen in ihrer schottischen Residenz Holyroodhouse. Nach einer feierlichen Begrüßungszeremonie zogen sie sich zu einem privaten Gespräch zurück.

Im Park des Palastes wandte sich Benedikt mit einer Rede an etwa 400 geladene Gäste. Er sprach in seiner kurzen Ansprache auch das schwierige Verhältnis zwischen dem Glauben und der Gesellschaft von heute an. "Das Vereinigte Königreich strebt danach, eine moderne und multikulturelle Gesellschaft zu sein", sagte er. "Bei diesem interessanten Unternehmen möge es stets seinen Respekt vor jenen traditionellen Werten und kulturellen Ausdrucksformen bewahren, die von aggressiveren Formen des Säkularismus nicht länger für wichtig erachtet oder nicht einmal mehr toleriert werden." Die Königin ist auch Oberhaupt der Church of England, die im 16. Jahrhundert nach dem Bruch König Heinrichs VIII. mit Rom entstanden war. Nur etwa jeder zehnte Brite ist Katholik, das Land ist in weiten Teilen säkular ausgerichtet.

Am frühen Abend wurden 60.000 Gläubige zu einer Freiluftmesse in Glasgow erwartet, wo der Papst einen krebskranken neunjährigen Jungen segnen wollte. Insgesamt wird Benedikt bei seinem viertägigen Besuch 13 Ansprachen halten. 250.000 Menschen werden bei drei Messen und an den Straßenrändern erwartet, wenn der Heilige Vater im "Papamobil" durch die Innenstädte fährt.

Papst über Missbrauchsfälle schockiert

Auf dem Weg nach Schottland äußerte sich Benedikt XVI. zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Die Berichte darüber seien "ein Schock" für ihn gewesen. Er habe "mit großer Traurigkeit" reagiert. "Denn man kann schwer verstehen, wie diese Perversion des Priesteramtes möglich gewesen ist." Die Kirche sei mit Blick auf pädophile Priester "nicht wachsam genug" gewesen, räumte der Papst ein. Benedikt kommt auf der Reise möglicherweise erneut mit Opfern von sexuellem Missbrauch in der Kirche zusammen.

"Großbritannien ist Land der Dritten Welt"

Neben den Missbrauchsfällen wurde der Papst-Besuch von einem "Focus"-Interview überschattet, in dem der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper Großbritannien als "Land der Dritten Welt" bezeichnete und von einem "aggressiven Atheismus" in dem Land sprach. Die katholische Kirche von England und Wales distanzierte sich von den Äußerungen des Deutschen und erklärte, diese repräsentierten nicht die Sicht des Vatikan oder der Katholiken ihres Landes. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi sagte am Mittwoch, Kasper habe mit seinen Äußerungen nichts Negatives über Großbritannien sagen wollen. Zugleich kündigte Lombardi an, Kasper werde "aus gesundheitlichen Gründen" der Reise nach Großbritannien fernbleiben.

Es ist der offizielle Staatsbesuch eines Oberhaupts der katholischen Kirche im Vereinigten Königreich. Benedikt XVI. will bei während des viertägigen Aufenthalts die Beziehungen zwischen britischen Katholiken und Anglikanern verbessern. Die Briten stehen dem Papst-Besuch einer Umfrage zufolge mehrheitlich ablehnend gegenüber. Papstgegner kritisieren vor allem die hohen Kosten von mehr als zehn Millionen Pfund (zwölf Millionen Euro) für den britischen Steuerzahler sowie den Umgang der katholischen Kirche mit dem Skandal um Kindesmissbrauch.

swd/AFP/DPA / DPA